Was heisst hier "Jahreszeit"?

Zur Einfuehrung

Indem die gregorianische Reform das Problem der wandernden Osterdaten loeste, hat sie zugleich dafuer gesorgt, dass die Jahreszeiten von einem Jahr zum anderen auf dieselben Zeitraeume fallen. Die mittlere Laenge des gregorianischen Jahres ist naemlich fast identisch mit jener des tropischen Jahres.

Um besser zu verstehen, worueber wir sprechen, muss man allerdings wissen, was ein tropisches Jahr genau ist und was wir unter Jahreszeit oder Jahreszeiten eigentlich verstehen.

Meinen wir dasselbe, wenn wir sagen: „Das ist kein Wetter fuer diese Jahreszeit“, oder wenn wir von der „Erdbeersaison“ sprechen? Noch deutlicher wird die Frage, wenn man im Postkalender fuer 2007 liest: „Sommer: 21. Juni, 18 Uhr 06“. Man darf sich dann schon fragen, was genau an diesem Tag zu dieser Uhrzeit geschieht, damit man behaupten kann, jetzt beginne der Sommer.

Wenn ich mich am 21. Juni umschaue, sehe ich jedenfalls keinen Unterschied zum Vortag. Zwischen dem 20. und dem 21. Juni passiert nicht mehr als in einer Dose Erbsen zwischen dem Vorabend und dem Tag des Mindesthaltbarkeitsdatums auf dem Deckel.

Im Laufe dieser Studie wollen wir herausfinden, worauf sich diese praezisen Daten der vier Jahreszeiten im Kalender eigentlich beziehen, ob diese vier Jahreszeiten wirklich das tropische Jahr bilden, was Jahreszeiten im alltaeglichen Sinn sind und ob man dieselben vier Jahreszeiten ueberall auf der Welt wiederfindet.

Die astronomischen Jahreszeiten

Beginnen wir mit dem, was zuerst ins Auge faellt. Nehmen wir den Postkalender von 2007 zur Hand. Dort steht, dass am 21. Maerz um 0 Uhr 07 UT der Fruehling beginnt, am 21. Juni um 18 Uhr 06 UT der Sommer, am 23. September um 9 Uhr 50 UT der Herbst und am 22. Dezember um 6 Uhr 07 UT der Winter.

Daraus ergeben sich sofort zwei Fragen:

Die Astronomie hilft uns bei der Antwort.

Nein, nein, laufen Sie nicht weg. Ich bin auch kein Astronom. Wir machen es also einfach und ersparen uns unnötigen Fachjargon und komplizierte Rechnungen. Unser Ziel ist nur, diese Jahreszeiten zu verstehen, von denen unser Kalender spricht. Also los.

Willkommen an alle, die geblieben sind. Wir gehen Schritt fuer Schritt vor.

Und gleich zu Beginn halten wir fest: Alle Zeichnungen auf dieser Seite sind, was die Verhaeltnisse angeht, falsch.

Erster Schritt: Umlaufbahn und Exzentrizitaet

Die Erde bewegt sich auf einer Ebene in direkter Richtung, also entgegen dem Uhrzeigersinn, in einem Jahr um die Sonne.

An diesem Satz muss man einiges praezisieren.

1) In Wahrheit bewegt sich nicht der Erdmittelpunkt selbst auf der Ekliptikebene, der gestrichelten weissen Linie, sondern der Schwerpunkt des Erde-Mond-Systems.

Dieser Schwerpunkt heisst Baryzentrum. Er liegt auf einer gedachten Verbindungslinie zwischen Erdmittelpunkt und Mondmittelpunkt, etwa 4700 Kilometer vom geometrischen Zentrum der Erde entfernt.

Dadurch entsteht waehrend jedes Mondzyklus ein leichtes Vor- und Zurueckschwingen der Erdbahn, im linken Diagramm als durchgehende gelbe Linie dargestellt.

Das Massenverhaeltnis im Erde-Mond-System betraegt 81 zu 1. Deshalb liegt der Schwerpunkt des Systems 81-mal weiter vom Mittelpunkt des Mondes entfernt als vom Mittelpunkt der Erde.

Oft wird der Erdmittelpunkt mit dem Baryzentrum des Erde-Mond-Systems gleichgesetzt. Diese Annaeherung kann bei den Daten und Uhrzeiten mancher astronomischer Ereignisse durchaus spuervolle Folgen haben. Darauf kommen wir weiter unten noch zurueck.

2) Der Umlauf der Erde um die Sonne verlaeuft nicht auf einem Kreis, sondern auf einer Ellipse.

Jede Ellipse hat zwei Brennpunkte. Sie liegen auf ihrer grossen Achse, der sogenannten Apsidenlinie. Die Sonne befindet sich in einem dieser Brennpunkte.

Je groesser der Abstand zwischen den Brennpunkten, also die Brennweite, desto staerker ist die Ellipse abgeflacht. Das Verhaeltnis dieses Abstands zur Laenge der grossen Achse nennt man Exzentrizitaet. Also: e = Brennweite / Laenge der grossen Achse. Sie variiert zwischen 0 und 1. Je naeher e an 1 liegt, desto ausgepraegter ist die Abflachung, wie man in der folgenden Abbildung sieht.

Bei der Erde betrug die Exzentrizitaet ihrer Bahn am 1. Januar 2000 genau 0,0167086342. Sie schwankt in einem Zyklus von 95 000 Jahren zwischen 0 und 0,07. Daran sieht man, wie nah die erste Zeichnung dieser Seite trotz allem an der Wirklichkeit war.

Wie auch immer: Weil die Bahn des Erde-Mond-Baryzentrums elliptisch ist, hat der Abstand zwischen Erde und Sonne einen Minimalwert, das Perihel, und einen Maximalwert, das Aphel. Diese Entfernungen betragen heute rund 147 100 000 Kilometer beziehungsweise 152 100 000 Kilometer.

Der Durchgang durch das Perihel faellt heute auf den Beginn des Monats Januar, der Durchgang durch das Aphel auf den Beginn des Monats Juli. Nein, das ist kein Fehler: Gerade dann, wenn es bei uns am heissesten ist, ist die Erde am weitesten von der Sonne entfernt.

3) Zu Beginn dieses Schrittes haben wir gesagt, dass die Erde die Sonne in einem Jahr umrundet.

Das stimmt. Nur gibt es mehrere Arten von Jahren. Das Prinzip ist immer dasselbe und ganz einfach: Man nimmt einen markanten Ausgangspunkt in der Position der Erde und misst die Zeit, bis diese Position wieder erreicht ist.

Nach dem, was wir bisher gesehen haben, koennen wir bereits zwei davon definieren.

a) Das siderische Jahr. Es ist das Zeitintervall zwischen zwei Durchgaengen der Erde in dieselbe feste Richtung relativ zu den Sternen. Seine Dauer betraegt 365,2566 Tage, also 365 Tage, 6 Stunden, 9 Minuten und 10 Sekunden.

Dazu zwei Bemerkungen:

b) Das anomalistische Jahr. Diesmal dient der Durchgang des Erde-Mond-Baryzentrums durch das Perihel als Bezugspunkt. Die Dauer des anomalistischen Jahres ist die Zeit zwischen zwei solchen Durchgaengen. Wie lang ist diese Zeit?

Naheliegend waere zu sagen: genauso lang wie das siderische Jahr.

Doch die Erde ist im Sonnensystem nicht allein. Die anderen Planeten und die Masse der Sonne sorgen dafuer, dass ... die Apsidenlinie sich langsam und in derselben Richtung wie die Erdbewegung dreht.

Die Folge ist, dass das Perihel eines Jahres spaeter eintritt als das des Vorjahres.

Darum ist das anomalistische Jahr laenger als das siderische Jahr. Heute betraegt es 365,2596 Tage, also 365 Tage, 6 Stunden, 13 Minuten und 53 Sekunden.

Bevor wir diesen ersten Abschnitt beenden, nehmen wir noch einen kleinen Bonus mit, den wir spaeter brauchen und den wir auf unserer Seite zu den astronomischen Grundlagen schon gestreift haben.

Nach dem zweiten Keplerschen Gesetz ist die Zeitdauer zwischen P1 und P2 gleich gross wie jene zwischen P3 und P4. Anders gesagt: Die Erde bewegt sich langsamer, wenn sie weiter von der Sonne entfernt ist.

Im Aphel liegt ihre Geschwindigkeit bei etwa 29,3 km/s, im Perihel bei 30,3 km/s. Diese Geschwindigkeitsaenderung spielt spaeter noch eine Rolle, wenn wir das tropische Jahr definieren.

Zweiter Schritt: Rotation und Schiefe der Ekliptik

Es ist kein Geheimnis, dass die Erde sich um ihre eigene Achse, die Polachse, von Westen nach Osten dreht, also gegen den Uhrzeigersinn. Man kann dazu auch die Ebene des Erdäquators definieren: die Ebene, die senkrecht auf der Polachse steht und durch den Erdmittelpunkt verlaeuft. Deren Schnitt mit der Erde ist der Aequator.

Steht die Polachse senkrecht zur Ekliptikebene? Die Antwort lautet: Nein. Und genau damit naehern wir uns dem Begriff der astronomischen Jahreszeit, den wir verstehen wollen.

Die Polachse, und damit die Ebene des Erdaequators, ist heute um 23°26', also 23,45°, gegen die Ekliptikebene geneigt. Das nennt man die Schiefe der Ekliptik oder Obliquitaet.

Wenn wir uns an unsere Geometriestunden erinnern, wissen wir: Schneiden sich zwei Ebenen, dann bilden sie eine Gerade. Bei der Ekliptikebene und der Ebene des Erdaequators ist das die Aequinoctiallinie.

Eine Klammer: die Praezession

Weil wir die vier Jahreszeitendaten im Postkalender gefunden haben, weil dieser Kalender ein „tropisches Jahr“ abbildet und weil diese Jahreslaenge ein bestimmtes Phaenomen beruecksichtigt, muessen wir kurz darueber sprechen. Also reden wir ueber die Praezession. Ein anderes Phaenomen, die Nutation, lassen wir hier beiseite. Wer sie kennenlernen will, findet sie auf der Seite Astronomie.

Auf der Abbildung oben sieht man die Schiefe zwischen der Polachse und der Senkrechten auf die Ekliptikebene. Was man nicht sieht, ist, dass sich die Polachse um diese Senkrechte dreht. Wir gehen nicht in alle Ursachen dieser sehr langsamen Bewegung ein, 26 000 Jahre, ihre Namen waeren Sonne und Mond. Wir halten nur fest, dass diese Drehung im Uhrzeigersinn verlaeuft, dass der Polarstern eines fernen Tages nicht mehr in der Verlaengerung der Polachse stehen wird und vor allem, zumindest fuer diese Seite, dass sich die Aequinoctiallinie langsam in der Ekliptikebene verschiebt. Das ist die Praezession der Aequinoktien.

Dritter Schritt: die „astronomischen“ Jahreszeiten

Bevor wir es vergessen, halten wir ein fuer alle Mal fest: Alles, was nun ueber die „Jahreszeiten“ kommt, gilt fuer die Nordhalbkugel. Auf der Suedhalbkugel muessen die Verhaeltnisse, Tageslaenge, Sonneneinstrahlung und so weiter, entsprechend umgekehrt werden.

Tun wir nun so, als laege das Erde-Mond-Baryzentrum im Erdmittelpunkt. Fuer unseren Zweck macht das keinen grossen Unterschied. Aus dem bisher Gesagten koennen wir festhalten, dass sich wegen der Schiefe die Ekliptikebene und die Ebene des Erdaequators in der Aequinoctiallinie schneiden.

Auf der elliptischen Bahn der Erde lassen sich vier markante Punkte leicht bestimmen.

Skizzieren wir das Ganze einmal.

Maerz, Juni, September, Dezember ... sagt Ihnen das etwas? Natuerlich. Es sind genau die Monate, die wir im Postkalender wiedergefunden haben. Zwei Daten entsprechen also den beiden Aequinoktien, zwei weitere den beiden Solstitien.

Es bleibt nur noch zu fragen, was an diesen vier Daten und zwischen ihnen geschieht. Dann wissen wir, was astronomische Jahreszeiten sind und was unser Kalender an diesen Tagen eigentlich markiert.

Vierter Schritt: Kennzeichen der astronomischen Jahreszeiten

Merkmal 1

Schauen wir uns die vier Erdbilder in der obigen Grafik genauer an. Ich weiss, sie sind klein. Aber da die Raumgeometrie fuer uns kein unueberwindbares Hindernis mehr ist, kommen wir damit zurecht. Wer schlecht sieht, kann auf die Astronomieseite des Projekts ausweichen.

Da dies auf der Astronomieseite ausfuehrlich erklaert wird, halten wir hier nur fest: Das erste Kennzeichen der astronomischen Jahreszeiten ist die Laenge des Tages. Fuer unser eigentliches Thema, die Jahreszeiten im Alltag, ist das allerdings nicht das wichtigste Merkmal.

Merkmal 2

Dieses zweite Merkmal ist die maximale Hoehe der Sonne ueber dem Horizont. Daraus folgt unmittelbar, dass die Einstrahlung je nach Jahreszeit verschieden ist. Jeder hat schon bemerkt: Je hoeher die Sonne am Himmel steht, desto staerker trifft sie uns und desto waermer ist es.

Als Bestrahlungsstaerke bezeichnet man die Energiemenge, die die Sonnenstrahlung an einen Punkt der Erde oder der Atmosphaere liefert. Gemessen wird sie in W/m2.

Je tiefer die Sonne ueber dem Horizont steht, desto groesser ist die Flaeche, die ein und derselbe Lichtstrahl mit gleicher Bestrahlungsstaerke trifft. Und je groesser diese Flaeche ist, desto weniger warm wird es.

Man darf nicht vergessen: Die Laenge des Tages ist nicht fuer die energetische Zufuhr der Jahreszeiten verantwortlich. Entscheidend ist allein der Einfallswinkel der Sonnenstrahlen und damit die Sonnenhoehe, die wiederum von der Schiefe der Polachse abhaengt.

Wie man sieht, aendert sich die Verteilung dessen, was man den „Sonnenfluss“ nennen koennte, im Laufe der astronomischen Jahreszeiten. Sie sieht in groben Zuegen so aus wie in der Abbildung unten, berechnet fuer die obere Atmosphaere, damit Albedo und atmosphaerische Absorption hier keine Rolle spielen.

Zum Schluss zerlegen wir die Erde, nur die Nordhalbkugel, fuer die Suedhalbkugel muessten die Kurven gespiegelt werden, in Breitenzonen, die die Schiefe der Achse beruecksichtigen. Fuer jede Zone zeichnen wir einige Kurven und notieren die Tageslaenge und die Sonnenhoehe im Jahreslauf nach den astronomisch berechneten Bezugspunkten. Noch einmal: Die Tageslaenge hat nur geringen direkten Einfluss auf die Jahreszeiten.

A) Die Einteilung

Der Aequator liegt bei null Grad Breite. Bei 23,27 Grad, das entspricht der Obliquitaet, liegen der Wendekreis des Krebses im Norden und der Wendekreis des Steinbocks im Sueden.

Bei 90 Grad Breite liegen die Pole. Bei 90° - 23,27° = 66,32 Grad nördlicher oder südlicher Breite liegen der nördliche beziehungsweise südliche Polarkreis.

B) Die Zonen
Nr. Lage Sonnenhoehe Tageslaenge
1 Am Nordpol
2 Zwischen Pol und Polarkreis
3 Am nördlichen Polarkreis
4 Zwischen Polarkreis und Wendekreis des Krebses
5 Am Wendekreis des Krebses
6 Zwischen Wendekreis des Krebses und Aequator.

Man sieht, dass die Sonne hier nicht zum Sommer-Solstitium ihre groesste Hoehe erreicht.
7 Am Aequator.

Auch hier liegt die groesste Sonnenhoehe nicht beim Sommer-Solstitium.

Diese Kurven kommentieren wir spaeter noch, wenn wir ueber die Frage sprechen, ob und warum die Jahreszeiten ueberhaupt im Kalender erscheinen muessen. Schliesslich handelt diese Website von Kalendern.

Vorher aber stellen wir uns noch eine andere Frage, naemlich die nach der Laenge des Jahres.

Fuenfter Schritt: vier Jahreszeiten ergeben ein Jahr

Die Dauer eines Zyklus aus zwei Aequinoktien und zwei Solstitien heisst tropisches Jahr und entspricht einem Jahr unseres Kalenders.

Ohne lange dabei zu verweilen, weil es fuer den Alltag kaum wichtig ist, halten wir fest, dass die Jahreszeiten innerhalb eines Jahres und von Jahr zu Jahr nicht genau gleich lang sind.

Wie lang ist nun das tropische Jahr? Natuerlich sprechen wir von einer mittleren und nicht von einer tatsaechlichen Dauer.

Man ist versucht zu sagen, das sei die Dauer des siderischen Jahres, also 365,2566 Tage. Dabei darf man jedoch die Praezession der Aequinoktien nicht vergessen. Deshalb ist das tropische Jahr in Wirklichkeit kuerzer. Fuer die Epoche J2000 betraegt seine Dauer 365,2422 Tage.

Ein weiteres Problem ist die Definition des tropischen Jahres. Zu sagen, es sei einfach die Dauer eines Zyklus von vier Jahreszeiten, ist etwas duerftig.

Oft hat man gelesen, und man liest es noch heute, selbst auf der Website des IMCCE, dass das tropische Jahr die Zeitspanne zwischen zwei aufeinanderfolgenden Durchgaengen der Sonne durch das Fruehlingsaequinoktium, also den Fruehlingspunkt, sei.

Wie wir gesehen haben, ist die Geschwindigkeit der Erde auf ihrer Bahn wegen des zweiten Keplerschen Gesetzes aber nicht gleichmaessig. Darum ist die Dauer des tropischen Jahres je nach gewaehlt em Ausgangspunkt verschieden. Zum Beispiel:

Ausgangspunkt Jahresdauer
Fruehlingsaequinoktium 365,2424
Sommer-Solstitium 365,2416
Herbstaequinoktium 365,2421
Winter-Solstitium 365,2427
Mittelwert 365,2422

Der Mittelwert entspricht tatsaechlich der mittleren Dauer des tropischen Jahres. Man kann aber nicht eine Definition verwenden, die sich auf das Fruehlingsaequinoktium stuetzt, und ihr dann einfach den Mittelwert anhängen.

Nach dem IMCCE ist das mittlere tropische Jahr «die Zeit, die die Erde fuer einen Umlauf um die Sonne in einem rotierenden Bezugssystem benoetigt, das an die Linie der Aequinoktien gekoppelt ist; es ist also die Periode, die sich aus der Differenz zwischen der mittleren Sonnenlaenge und der Praezession der Aequinoktien ergibt». Aha. Ja. Ganz eindeutig.

Von den astronomischen „Jahreszeiten“ zu den klimatischen Jahreszeiten

Ob im Postkalender oder in den Medien, in Zeitungen oder im Fernsehen, die Daten um den 21. Maerz, 21. Juni, 21. September und 21. Dezember werden so praesentiert, als seien sie die offiziellen und universellen Daten der Jahreszeiten. Gehen wir mit unserem Postkalender in der Hand doch einmal zu einem Nuer in Afrika oder zu einem Inuit der Arktis und erklaeren ihm, es gebe vier Jahreszeiten, die an genau diesen Daten beginnen. Es ist gut moeglich, dass er uns auslacht.

Wir haben gesehen, dass das einzige Kennzeichen der astronomischen „Jahreszeiten“ die Sonnenhoehe ist. Das ist ungefaehr so verkuerzt, als wollte man ein Auto kennenlernen, indem man nur seinen Motor untersucht. Uns, die wir nicht unbedingt fuer Astronomie schwärmen, interessiert etwas anderes: dass sich an einem bestimmten Ort von Jahr zu Jahr eine gewisse Regelmaessigkeit von Temperatur, Niederschlag und Sonnenschein wiederfindet und wir dann sagen koennen, jetzt ist Fruehling, Sommer und so weiter.

Kurz: Unser Alltag spielt sich in klimatischen Jahreszeiten ab, waehrend man uns pausenlos astronomische Jahreszeiten vorsetzt.

Gewiss, es ist einfacher, nur eine einzige Groesse des saisonalen Phaenomens zu betrachten, naemlich die Sonnenhoehe, und all die anderen von der Sonnenaktivitaet hervorgerufenen Erscheinungen auszublenden: atmosphaerische Zirkulation und Temperaturgegensätze, planetare Albedo, atmosphaerische Absorption und vieles mehr.

Gewiss, es ist einfacher, Jahreszeiten auf die Minute genau zu „markieren“. Aber was spricht dagegen, feste Daten fuer den Beginn der Jahreszeiten an einem bestimmten Ort oder in einem bestimmten Land festzulegen?

Warum sind unsere Kalender nur Ephemeriden, die uns astronomische Angaben liefern wie Sonnen- und Mondaufgang, Sonnen- und Monduntergang, Daten und Uhrzeiten von Solstitien und Aequinoktien?

Es ist hoechste Zeit, den klimatischen Jahreszeiten den Platz zurueckzugeben, den sie verdienen, und aufzuhören, uns mit rein theoretischen Begriffen abspeisen zu lassen.

Da unser Kalender zu diesem Thema schweigt, sagen wir selbst ein paar Worte zu den klimatischen Jahreszeiten, die uns im Alltag sehr viel naeher sind.

Nach Meteo France ist «eine Jahreszeit ein Teil des Jahres, in dem das Zusammenwirken astronomischer und umweltbezogener Faktoren den meteorologischen Groessen und Phaenomenen einer bestimmten Region eine klar erkennbare Regelmaessigkeit verleiht und biologische, wirtschaftliche und soziale Prozesse ausloest, die von dieser Regelmaessigkeit abhaengen».

Im Allgemeinen werden klimatische Jahreszeiten so verteilt: Fruehling, fuer die Nordhalbkugel, Maerz, April, Mai; Sommer, Juni, Juli, August; Herbst, September, Oktober, November; Winter, Dezember, Januar, Februar.

Diese Einteilung ist fuer gemaessigte Breiten brauchbar, aber unter anderen Breiten oder im Inneren grosser Kontinente nicht unbedingt die beste. Gerade diese Unterschiede veranlassen Francois Durand-Dastes, Professor fuer Geographie an der Universitaet Paris VII, zu dem Satz, dass «an jedem Ort eine Abfolge von Jahreszeiten existiert, die sein Klima bildet. Diese Kombinationen lassen sich nach zwei Kriterien ordnen: nach der Art des Hauptgegensatzes zwischen den Jahreszeiten, also vorwiegend thermisch oder vorwiegend pluviometrisch, und nach der Staerke dieses Gegensatzes». © Encyclopaedia Universalis 2006.

Auch wenn wir nur Zeitraeume suchen, in denen sich eine gewisse Einheitlichkeit der Witterungstendenzen beobachten laesst, muessen wir, ohne uns nun in Details zu verlieren, doch kurz ueber die Klimaklassifikation sprechen, die gerade auf Niederschlag und Temperatur beruht.

Die Koeppen-Klassifikation

Wladimir Koeppen gegen Ende seines Lebens.
Wladimir Koeppen gegen Ende seines Lebens. © St. Petersburg State University Library Marina Karpova

Zwischen 1900 und 1936 entwickelte und verfeinerte Wladimir Peter Koeppen, Meteorologe, Klimatologe und Botaniker, geboren am 25. September 1846 in Sankt Petersburg und gestorben am 22. Juni 1940 in Graz, sein Klassifikationssystem. Nach seinem Tod fuehrte Rudolph Geiger, mit dem er zuvor am fuenfbaendigen Handbuch der Klimatologie gearbeitet hatte, diese Arbeit weiter.

Wer mehr ueber Wladimir Koeppen erfahren moechte, findet eine erste Anlaufstelle hier. Und wer fast alles ueber das Klassifikationssystem und die Karten wissen will, wird hier fuendig.

Das System verwendet fuenf, spaeter kam eine sechste hinzu, Buchstaben, um die Welt in fuenf beziehungsweise sechs grosse Klimazonen einzuteilen. Grundlage sind mittlere Jahresniederschlaege, mittlere Monatsniederschlaege und mittlere Jahrestemperaturen. Der erste Buchstabe bezeichnet den Klimatyp.

Jeder dieser Typen wird dann wiederum in Untergruppen aufgeteilt, die nach Temperatur und Niederschlag differenziert sind.

Eine Region der Erde kann also mit zwei oder drei Buchstaben klassifiziert werden. Sehen wir uns eine knappe Tabelle der moeglichen Kombinationen an.

Ein paar Hinweise zum Verstaendnis:

Die Kombinationen:

Und hier noch eine schematische Karte der Klimaregionen der Welt:

Von der Klimaklassifikation zu „oekologischen Jahreszeiten“

Wenn man sich nur auf Niederschlag und Temperatur stuetzt, kommt man mit der Koeppen-Klassifikation bereits auf eine Vielzahl moeglicher Kombinationen. Nimmt man noch weitere Faktoren hinzu, etwa Bewoelkung oder Wind, wird es noch komplizierter.

Es genuegt jedoch, dass sich eine dieser Kombinationen regelmaessig ueber einen laengeren Zeitraum wiederholt, damit sie fuer die Menschen vor Ort zu einer moeglichen „Jahreszeit“ wird.

Was macht also eine Jahreszeit zu einer Jahreszeit? Vergessen wir fuer einen Moment unsere heutigen Gewohnheiten, die sozialen Ereignissen oft mehr Aufmerksamkeit schenken als den wiederkehrenden Erscheinungen der Natur, und schauen wir, wie es in Zeiten war, als der Kalender noch nicht seine heutige Form hatte und man sich im Jahreslauf trotzdem orientieren musste.

Wir nehmen nur einige Beispiele. Eigentlich waere es spannend, die Jahreszeiten der Welt, ihre Namen und ihre Zahl, einmal zusammenzutragen und mit der Klimaklassifikation zu ueberblenden.

Bis zu diesem Inventar versuchen wir wenigstens zu verstehen, warum es an manchen Orten zwei, an anderen drei, vier oder mehr saisonale Zyklen gibt.

Jahreszeiten in der Welt

Die meisten der folgenden Beispiele stammen aus Martin P. Nilssons Buch Primitive Time-Reckoning, das zwar aus dem Jahr 1920 stammt, aber eine Fuelle von Informationen enthaelt.

Wir sind heute an lange, regelmaessige Jahreszeiten von drei Monaten gewoehnt, die uns eine rein astronomische Sichtweise auferlegt hat. Es gab jedoch und es gibt noch immer viele „kurze Jahreszeiten“. Gerade sie sind von grosser Bedeutung, weil sie es den Menschen in Zeiten ohne Kalender ermoeglichten, sich im Jahr zurechtzufinden, fuer taegliche Taetigkeiten wie Landwirtschaft, Jagd und Fischfang ebenso wie fuer soziale Beziehungen, Geburtsdaten oder Feste.

Die Hidatsa, die am oberen Missouri lebten, verwenden fuer diese kurzen Abschnitte denselben Namen wie fuer laengere saisonale Perioden: kadu.

Wer die Seite zum Kalender des Hesiod gelesen hat, wird ueber solche kuerzeren, direkt in die Natur eingebetteten Abschnitte nicht erstaunt sein. Denken wir an die Saatzeit, wenn der Ruf des Kranichs zu hoeren ist. Oder daran, dass bestimmte landwirtschaftliche Taetigkeiten an astronomische Erscheinungen gebunden sind, etwa an die Weinlese, wenn Sirius und Orion am hoechsten stehen.

Solche Zeitbestimmungen anhand natuerlicher Phaenomene leben auch in der heutigen Bauernwelt noch fort. In Schonen ganz im Sueden Schwedens wird die Gerste ausgesaet, wenn der Weissdorn blueht. Die Eskimos sagen von einer Person, sie sei geboren worden, als die Robben gejagt wurden oder wenn die Eier dieses oder jenes Vogels ausschluepften.

Nicht jedes Naturereignis fuehrt gleich zu einer eigenen Jahreszeit. Aber wenn es sich regelmaessig wiederholt, relativ lange andauert, mit markanten klimatischen Bedingungen verbunden ist und fuer die betroffenen Menschen aus irgendeinem Grund wichtig ist, kann es sehr wohl eine solche ausbilden. Manchmal gliedert es dadurch auch eine „lange Jahreszeit“ in kuerzere Abschnitte.

Wie Nilsson schreibt, «die Naturerscheinungen, nach denen Jahreszeiten bestimmt und benannt werden, variieren je nach Breite, Beschaffenheit des Landes und Lebensweise», also je nachdem, ob ein Volk von Landwirtschaft, Jagd oder Viehzucht lebt.

Wenn man die Zahl der grundlegenden Jahreszeiten zaehlen wollte, wuerde wohl die zwei gewinnen. Heisse Jahreszeit und kalte Jahreszeit. Trockene Jahreszeit oder trockener Monsun, feuchte Jahreszeit oder nasser Monsun. Manchmal auch Windsturmzeit und ruhige Zeit, etwa auf den Marshallinseln.

Natuerlich schwanken diese Grundperioden. Daraus entstehen Uebergangsphasen. Und es kann mehrere gleiche Perioden geben, etwa mehrere Regenzeiten, die man voneinander unterscheiden muss.

Wenn man all diese moeglichen Eigenschaften kombiniert, kommt man auf eine Vielzahl oekologischer Jahreszeiten, von zwei bis mindestens neun. Schauen wir uns einige an.

Zwei Jahreszeiten

Drei Jahreszeiten

Vier Jahreszeiten

Auch wenn ihre Zahl mit der der astronomischen Jahreszeiten uebereinstimmt, unterscheiden sie sich von diesen durch Beginn und Dauer.

Fuenf Jahreszeiten

Sechs Jahreszeiten

Acht Jahreszeiten

Die Inuit, in den arktischen Regionen Sibiriens und Nordamerikas. Mehr dazu auf der Seite zu ihrem Kalender. Sie unterscheiden: Ukiuq, Winter; Upirngaksajaaq, gegen den ersten Fruehling; Upirngaksaaq, erster Fruehling; Upirngaaq, Fruehling; Aujaq, Sommer; Ukiatsajaaq, gegen den Herbst; Ukiaksaaq, Herbst.

Neun Jahreszeiten

Der Stamm der Shilluk im Sudan: yey jeria, Ernte des roten Dura; anwoch, Ende der Ernte; agwero, Ernte des weissen Dura; wudo, Fortsetzung der Ernte; leu, heisse Jahreszeit; dodin, keine Feldarbeit; dokot, Beginn der Regen; shwer, Aussaat des roten Dura; doria, Beginn der Ernte. Und jetzt darf man ruhig fragen: Was zum Kuckuck ist Dura?

Zum Schluss

Also, Sie sagen „vier Jahreszeiten“? Cyrano haette geantwortet: Nein, das ist ein bisschen kurz, junger Mann.

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