Der archaische Kalender des Hesiod

Vermeintliches Porträt des Dichters Hesiod, lange Zeit für eine Büste Senecas gehalten, daher der Name "Pseudo-Seneca". Marmor, im Flussbett bei Auch entdeckt.
Vermeintliches Porträt des Dichters Hesiod, lange Zeit für eine Büste Senecas gehalten, daher der Name "Pseudo-Seneca". Marmor, im Flussbett bei Auch entdeckt. Louvre Museum, Gemeinfrei, über Wikimedia Commons

Über Hesiod werden wir nicht allzu viel sagen, einfach deshalb, weil man nicht allzu viel Sicheres über ihn weiß.

Als Beleg dafür, was die Enzyklopädie Encarta über ihn schreibt:

Hesiod (8.-7. Jahrhundert v. Chr.), griechischer Dichter, der in der griechischen Literatur einen besonderen Platz einnimmt wegen seiner moralischen Lehren und seines Lobes von Frieden und Arbeit. Der Name Hesiod wird oft mit dem Homers verbunden, dessen Zeitgenosse er gewesen sein soll. Beide Dichter stehen sich in ihrer Kunst gegenüber: Homer besingt Krieger und Helden, Hesiod Frieden und Bauern.

Hesiod wurde in Askra in Böotien geboren. Nach dem Tod seines Vaters ließ er sich in Naupaktos nieder, wo er Schafe hütete und das Leben eines Bauern führte. Abgesehen von dem, was sein Werk über sein Leben erkennen lässt, weiß man nur wenig über Hesiod...

und was Imago Mundi dazu sagt:

Hesiod: berühmter griechischer Lehrdichter, ursprünglich aus Kyme in Äolis, wurde in dem böotischen Dorf Askra geboren oder lebte dort zumindest, weshalb man ihn Ascræus poeta nennt. Nach Herodot soll er ein Zeitgenosse Homers gewesen sein und zu Beginn des 9. Jahrhunderts v. Chr. gelebt haben; die Alexandriner setzen ihn mehr als ein Jahrhundert nach Homer an. Im Übrigen weiß man über sein Leben nichts Sicheres.

Über sein Gesicht weiß man ebenfalls kaum etwas. Man vermutet, dass eine Büste, die unter dem Namen „Pseudo-Seneca“ bekannt ist, ihn darstellt, ohne dass dies bestätigt wäre. Sicher ist nur, dass er der Autor von Werke und Tage und vielleicht auch einer Theogonie ist.

Mosaik aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., entdeckt in Augusta Treverorum, Trier. Die Bezeichnung Esiodus ist darauf zu lesen.
Mosaik aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., entdeckt in Augusta Treverorum, Trier. Die Bezeichnung Esiodus ist darauf zu lesen. Carole Raddato from FRANKFURT, Germany, CC BY-SA 2.0, über Wikimedia Commons

Werke und Tage

Den vollständigen Text kann man hier nachlesen.

Uns interessieren vor allem der dritte und vierte Teil von Hesiods Werke und Tage, also gerade jene Passagen, die dem Gedicht seinen Namen geben. Da der Text wahrscheinlich im 7. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist, erhalten wir so eine Vorstellung von den Kalendern dieser Zeit, die Historiker als orientalisierend oder als frühe Archaik bezeichnen.

1) Die Arbeiten

Wenn wir diesen Teil des Gedichts rasch charakterisieren müssten, würden wir ihn einen landwirtschaftlichen Terminkalender nennen oder, noch genauer, ein Parapegma.

Warum eher Terminkalender als Kalender? Ganz einfach, weil Kalender für uns heute meist eine Abfolge nummerierter Jahre bedeutet. Die Arbeiten beschreiben jedoch einen unendlich wiederholbaren Zyklus von Tätigkeiten, die sich an Ereignissen orientieren, nicht einen linearen Ablauf der Zeit. Im Folgenden werden wir der Einfachheit halber trotzdem von Kalender sprechen.

Wo Landwirtschaft ist, sind Jahreszeiten, und wo Jahreszeiten sind, ist ein Sonnenjahr. Streng genommen müsste man sogar eher von einem Sternjahr sprechen als von einem Sonnenjahr.

Wer landwirtschaftliche und maritime Tätigkeiten wie Weinlese, Worfeln, Holzschlag, das Hochziehen des Schiffes an Land, Rebschnitt und vieles andere zeitlich festlegen will, braucht zahlreiche und genaue Orientierungspunkte. Die Sonne bietet davon nur wenige. Deshalb greift Hesiod zu anderen Markierungen, die sein Jahr gliedern. Der Wichtigkeit nach sind das:

Sehen wir uns eine Übersicht dieser Nennungen an.

Die Sterne

Stern oder Sternbild Beschreibung
Plejaden
(heliakischer Aufgang und Untergang)
(383-384) Beginne die Ernte, wenn die Plejaden, die Töchter des Atlas, am Himmel aufsteigen, und das Pflügen, wenn sie verschwinden. Vierzig Tage und vierzig Nächte bleiben sie verborgen und zeigen sich wieder, wenn das Jahr vollendet ist und die Eisen geschärft werden.
Sirius (416) ... wenn der Stern Sirius tagsüber kürzer über den Köpfen der unglücklichen Sterblichen kreist und seinen nächtlichen Lauf verlängert ...
Arktur (565) ... wenn der Stern Arktur die heiligen Fluten des Okeanos verlässt, aufgeht und als erster beim Einbruch der Nacht leuchtet.
Orion
(heliakischer Aufgang)
(599) Sobald der stürmische Orion zu erscheinen beginnt ...
Orion, Sirius (im Meridian)
Arktur (heliakischer Aufgang)
(609) ... wenn Orion und Sirius die Mitte des Himmels erreicht haben und die rosafingrige Eos den Arktur erblickt ...
Plejaden, Hyaden, Orion
(heliakischer Untergang)
(615) Wenn die Plejaden, die Hyaden und der stürmische Orion verschwunden sind ...
Plejaden, Orion
(heliakischer Untergang)
(618) Fürchte die Zeit, wenn die Plejaden, auf der Flucht vor dem stürmischen Orion, in den dunklen Ozean tauchen ...

Auffällig ist, dass die genannten Sterne im weiten Sinn meist genau in dem Moment genannt werden, in dem sie heliakisch auf- oder untergehen. Wer mehr über diese Erscheinungen wissen will, findet Näheres auf der Seite zur Astronomie.

Man kann außerdem festhalten, dass Hesiod den Sternen einmal Eigenschaften zuschreibt, die gewöhnlich eher der Sonne vorbehalten sind, nämlich Wärme zu spenden. So heißt es in Vers 588: Sirius beschwert ihnen Kopf und Knie und trocknet den ganzen Leib mit seiner glühenden Hitze aus.

Tiere und Pflanzen

Tier Beschreibung
Kranich (448) Achte jedes Jahr auf die Zeit, wenn du den Schrei des Kranichs hoch aus den Wolken hörst.
Kuckuck (487) Sobald der Kuckuck im Laub der Eiche singt ...
Schwalben (568) Bald darauf erscheint den Menschen am Morgen wieder die klagende Schwalbe, die Tochter des Pandion ...
Schnecken (572) ... die Schnecke, auf der Flucht vor den Plejaden, klettert vom Boden auf die Pflanzen ...
Distel (583) Wenn die Distel blüht und die wohlklingende Zikade, oben im Baum sitzend, ihre süße Stimme hören lässt, während sie die Flügel schlägt ...
Feigenbaum (678) wenn der Mensch an der Spitze des Feigenbaums die ersten, kaum merklichen Blätter sprießen sieht ...

Natürlich haben wir Blüte und Keimung von Pflanzen nicht berücksichtigt, wenn sie bloß Folge landwirtschaftlicher Arbeit wären.

Man kann den heliakischen Aufgang von Sternen mit dem Zug der Vögel oder der Blüte bestimmter Pflanzen parallel setzen. Das sind alles Erscheinungen, die sich recht genau beobachten lassen.

Hesiod beschreibt außerdem verschiedene Wettererscheinungen. Doch das sind eher Folgen des Fortgangs der Jahreszeiten als präzise Zeitmarken. So liest man etwa:

506: Der stürmische Boreas peitscht mit seinem Hauch die Fluten des weiten Meeres, presst Erde und Wälder zusammen und reißt, über das fruchtbare Land hereinbrechend, in den Schluchten der Berge die hochgipfligen Eichen und die gewaltigen Tannen aus, während weit hin die großen Wälder dröhnen.

Oder auch:

417: Wenn die Sonne ihre brennenden Strahlen nicht mehr schleudert, wenn im Herbst die Regen des großen Zeus den menschlichen Körper geschmeidiger und leichter machen ...

Die Sonne

Sonnenwende Beschreibung
Wintersonnenwende (479) Wenn du das fruchtbare Land erst zur Wintersonnenwende pflügst ...
Wintersonnenwende (565) Wenn Zeus sechzig Tage nach der Wende der Sonne den Winterlauf vollendet hat und der Stern Arktur die heiligen Fluten des Ozeans verlässt ...
Sommersonnenwende (663) Fünfzig Tage nach der Wende der Sonne, wenn der arbeitsreiche Sommer an sein Ende gelangt, ist die günstige Zeit zur Schifffahrt.

Man kann kaum übersehen, dass nur die Sonnenwenden genannt werden. Die Tagundnachtgleichen fehlen im Text vollständig.

Wenn man zudem von einem späten Pflügen zur Wintersonnenwende absieht, zeigt sich, dass die Sonnenwenden bei Hesiod nicht als eigentliche Marker des Kalenders dienen, sondern nur als Ausgangspunkte einer Zählung: sechzig Tage nach der Wintersonnenwende, fünfzig Tage nach der Sommersonnenwende.

Hesiods Jahreszeiten sind also nicht unsere astronomischen Jahreszeiten, die sich an Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen orientieren. Ihr Beginn liegt vielmehr zwischen diesen Punkten und entspricht markanten Auf- oder Untergängen bestimmter Sterne.

Die Jahreszeiten in Hesiods Kalender lassen sich jeweils durch Anfang oder Ende bestimmen:

Frühling: Ende Februar bis Anfang März. (565) "Wenn Zeus nach der Sonnenwende sechzig Wintertage vollendet hat, beginnt das Sternbild Arktur, nachdem es den heiligen Lauf des Ozeans verlassen hat, am Einbruch der Nacht hell zu erscheinen. Bald darauf steigt die klagende Schwalbe, die Tochter des Pandion, dem Licht entgegen, und für die Menschen beginnt der neue Frühling."

Sommer: Hier bleibt es etwas unbestimmter. Man kann ihn beim heliakischen Aufgang der Plejaden um Mitte Mai ansetzen. Sicher ist jedenfalls, dass spätestens mit dem heliakischen Aufgang des Sirius Sommer herrscht. (565) "Wenn die Distel blüht, wenn die wohlklingende Zikade oben im Baum sitzend ihre süße Stimme hören lässt, während sie in der Zeit des arbeitsreichen Sommers die Flügel schwingt, dann sind die Ziegen sehr fett, die Weine vorzüglich, die Frauen sehr lüstern und die Männer sehr schwach, weil Sirius Kopf und Knie beschwert und den ganzen Leib mit seinen glühenden Feuern austrocknet."

Herbst: Ganz logisch das Ende des Sommers, also etwa Mitte August. (663) "Fünfzig Tage nach der Wende der Sonne, wenn der arbeitsreiche Sommer an sein Ende gelangt, ist die Zeit günstig für die Schifffahrt."

Winter: morgendlicher Untergang der Plejaden Ende Oktober. (384) "Beginne die Ernte, wenn die Plejaden, Töchter des Atlas, am Himmel aufsteigen, und das Pflügen, wenn sie verschwinden. Vierzig Tage und vierzig Nächte bleiben sie verborgen und zeigen sich wieder, wenn das Jahr vollendet ist."

Diese Art, den Einfluss der Sterne mit den Jahreszeiten zu verknüpfen, begegnet uns später wieder. So schreibt Plinius in seiner Naturalis Historia, Buch 2:

(XXXIX) [1] Es ist offensichtlich, dass unter den Ursachen der Jahreszeiten und der Dinge einige fest, andere zufällig oder wenigstens von noch unbekannten Gesetzen bestimmt sind. Denn wer zweifelt daran, dass Sommer, Winter und alle periodischen Wechsel durch die Bewegung der Gestirne bestimmt werden? So wie sich der Einfluss der Sonne in den Veränderungen des Jahres zeigt, so besitzt auch jedes andere Gestirn seine besondere Kraft und bewirkt entsprechend besondere Wirkungen. Die einen bringen Feuchtigkeit in Form von Regen, die anderen in erstarrter Form als Reif, verdichtet als Schnee, gefroren als Hagel; andere bewirken Winde, milde Wärme, brennende Hitze, Tau oder Kälte. Und man darf ihre Größe nicht nach dem sichtbaren Umfang bemessen; schon aus ihrer ungeheuren Höhe folgt offensichtlich, dass keines von ihnen kleiner ist als der Mond.

Damit können wir nun die Tätigkeiten nach den von uns definierten Jahreszeiten und nach den himmlischen und natürlichen Markern ordnen.

Monate Oktober November Dezember Januar
Jahreszeit Spätherbst - Frühwinter Winter Winter Winter
Himmel Sterne Plejaden (384)
Plejaden - Hyaden - Orion (615)
Plejaden - Orion
Sonne Wintersonnenwende (479)
Natur Vögel
Pflanzen
Zug der Kraniche (448)
Wetter Herbstregen (417) Winterregen (440) Boreaswind, Schnee (535)
Mensch Landwirtschaft Mit dem Pflügen und Pflanzen beginnen (384, 315) Letztes Pflügen (479) Die Ochsen im Stall halten (462)
Schifffahrt Nicht fahren (618) Das Schiff an Land ziehen (624)
Verschiedenes Agrarischer Zyklus.
Beginn und Ende der Zeit des jungen Weins
Lénéon (493)
Beschäftigt bleiben (504)
Kleidung anfertigen (563)
Monate Februar März April Mai
Jahreszeit Spätwinter - Frühlingbeginn Frühling Frühling Spätfrühling - Frühsommer
Himmel Sterne Arktur (566) Die Plejaden blieben vierzig Tage unsichtbar (383) Heliakischer Aufgang der Plejaden (383-571)
Sonne Wintersonnenwende + 60 Tage (565)
Natur Vögel
Pflanzen
Ankunft der Schwalben (568) Der Kuckuck singt (487) Die Feigenbäume treiben aus (581)
Wetter Drei Tage Regen (486)
Mensch Landwirtschaft Brache anlegen (462)
Reben schneiden (571-572)
Ernte (383-573) Worfeln, einlagern (598-600)
Schifffahrt Frühlingsschifffahrt (680)
Verschiedenes
Monate Juni Juli August September
Jahreszeit Sommer Spätsommer - Herbstbeginn Herbst
Himmel Sterne Aufgang des Orion (383-571) Heliakischer Aufgang des Sirius (585) Aufgang des Arktur, wenn Orion und Sirius im Meridian stehen (609-414) + 15 Tage
Sonne Sommersonnenwende + 50 Tage (663)
Natur Vögel
Pflanzen
Disteln blühen (581)
Wetter Zephyros (594)
Mensch Landwirtschaft Im Schatten sitzen (587) Das Futter herbeischaffen (606) Weinlese (610) Trauben pressen (613)
Holz schlagen (419)
Schifffahrt Sommerschifffahrt (663)
Verschiedenes

Bevor wir diesen Teil über die Arbeiten verlassen, müssen wir noch ein Wort betrachten, das kalendarisch besonders wichtig ist: Lénéon. Es erscheint hier:

493: Fürchte den Monat Lénéon, seine bösen Tage, alle verhängnisvoll für die Rinder, und das gefährliche Eis, das die Felder bedeckt, wenn der stürmische Boreas, aus Thrakien kommend, der Pferdenährerin, mit seinem Hauch die Fluten des weiten Meeres peitscht, Erde und Wälder presst und, über das fruchtbare Land losbrechend, in den Bergschluchten die hochgipfligen Eichen und die gewaltigen Tannen entwurzelt und die großen Wälder weithin dröhnen lässt.

Dieses Wort ist aus zwei Gründen interessant:

Nun war Lénéon, der in den attischen Monatsnamen dem Gamelion entspricht, ein Monat des Kalenders von Milet, also Ioniens, und der Insel Delos. In Böotien dagegen hieß der entsprechende Monat, wenn man E. J. Bickerman in seiner Chronology of the Ancient World folgt, Hermaios.

Also? Also entweder ist unser Wissen über die Monatsnamen der griechischen Poleis noch unvollständig, oder Hesiod hat diesen Monatsnamen gar nicht selbst geschrieben und er ist erst später in den Text geraten, oder aber er hatte seine Gründe, ihn genau so zu verwenden. Jeder wird sich dazu seine eigene Meinung bilden.

2) Die Tage

Der Abschnitt über die Tage ist kurz genug, um hier in einer Übersetzung von Claude Terreaux wiedergegeben zu werden.

Achte auf die Tage, die Zeus weise verteilt. Lehre deine Knechte, dass der dreißigste Tag des Monats der beste ist, um die Arbeiten zu prüfen und die Vorräte zuzuteilen - vorausgesetzt, man erkennt ihn richtig.

Dies sind die Tage, wie der weise und listenreiche Zeus sie gibt.
Zunächst sind der erste, der vierte und der siebte - an diesem Tag gebar Leto den goldschwertigen Apollon - heilige Tage. Ebenso der achte und der neunte; diese beiden Tage, in denen der Monat sich im Anstieg befindet, eignen sich besonders für die Arbeiten der Sterblichen. Heilig sind auch der elfte und der zwölfte, beide zugleich gut zum Scheren der Schafe oder zur fröhlichen Ernte der Früchte der Erde. Doch der zwölfte ist günstiger als der elfte: an diesem Tag spinnt die Spinne, mitten am Tag in der Luft hängend, ihr Netz, während die Vorsorgende ihre Ernte zusammenbringt; an diesem Tag soll auch die Frau ihren Webstuhl aufrichten und an die Arbeit gehen.
Hüte dich, am dreizehnten Tag zu Beginn des Monats mit der Aussaat zu beginnen. Zum Pflanzen jedoch ist er sehr gut.
Der sechste Tag in der Mitte des Monats ist für Pflanzen überhaupt nicht günstig. Er ist weder gut für die Geburt eines Jungen noch für Geburt oder Hochzeit eines Mädchens.
Der sechste Tag zu Beginn des Monats eignet sich nicht für die Geburt von Mädchen; wohl aber ist er günstig, um Zicklein und Widder zu kastrieren und den Schafpferch zu bauen. Auch für die Geburt eines Jungen ist er gut, eines Jungen, der Spott und Lügen lieben wird, listige Reden und geheime Gespräche.
Am achten Tag des Monats kastriere das Schwein und den brüllenden Stier, am zwölften den kräftigen Maultierhengst.
Der zwanzigste Tag des Monats - ein wichtiger Tag -, wer mittags geboren wird, ist weise und zum Nachdenken begabt.
Der zehnte Tag des Monats ist gut für die Geburt eines Jungen; der vierte in der Mitte des Monats für die eines Mädchens. An diesem Tag sollst du, indem du die Hand auf sie legst, Schafe, die horntragenden Rinder, den scharfzähnigen Hund und das kräftige Maultier zähmen.
Lass am vierten Tag zu Beginn oder in der Mitte des Monats keine Sorgen an deinem Herzen nagen: es ist ein Tag, der göttlichen Geheimnissen vorbehalten ist.
Am vierten Tag des Monats führe dir eine Frau ins Haus, nachdem du die passenden Vögel beobachtet hast.
Hüte dich vor den fünften Tagen: sie sind mühsam und furchtbar. An einem fünften Tag, heißt es, halfen die Erinnyen bei der Geburt des Horkos, des Eides, den Eris, die Zwietracht, zur Plage der Meineidigen zur Welt brachte.
Am siebten Tag in der Mitte des Monats sei wachsam. Wirf das heilige Korn der Demeter auf eine gut geebnete Tenne. Der Holzfäller soll Bretter für das Ehebett schneiden und reichlich Holz für den Bau von Schiffen.
Am vierten Tag beginne mit dem Bau leichter Boote.
Der neunte Tag in der Mitte des Monats ist am Abend günstig; der neunte zu Beginn des Monats ist für die Menschen frei von allem Übel; er ist gut zum Pflanzen wie zur Geburt eines Jungen oder Mädchens. Niemals ist er ein Unglückstag. Nur wenige wissen, dass auch der neunundzwanzigste Tag ausgezeichnet ist, um ein Fass anzubrechen, den Ochsen, Maultieren und schnellfüßigen Pferden das Joch auf den Nacken zu legen und ein breites, schnelles Schiff aufs weinfarbene Meer zu ziehen. Nur wenige geben ihm auch seinen wahren Namen.
Am vierten Tag öffne ein Fass; der vierzehnte Tag ist der heiligste von allen. Nur wenige wissen noch, dass der vierundzwanzigste Tag im Morgengrauen der beste des Monats ist, am Abend aber weniger gut.

Das sind für die Menschen auf Erden Tage von großem Nutzen. Die übrigen sind weder gut noch schlecht, sie bringen nichts. Der eine preist diesen Tag, der andere jenen, doch nur wenige wissen: Für den einen ist ein Tag eine Stiefmutter, für den anderen eine Mutter.

Beobachtungen und Bemerkungen

Nach dem rein solaren, oder besser vielleicht sternbezogenen, Kalender der Arbeiten begegnen wir in den Tagen wieder einem Mondmonat. Das zeigt schon eine Formulierung wie der Monat ist dann in seiner aufsteigenden Phase, was man als der Mond befindet sich in seiner zunehmenden Phase lesen muss.

Da es sich um einen Modellmonat handelt, zählt er dreißig Tage, obwohl der griechische Kalender hohle und volle Monate von 29 und 30 Tagen abwechseln ließ.

Claude Terreaux weist in seiner Übersetzung darauf hin, dass der letzte Tag des Monats stets der dreißigste genannt wurde. Daher entsteht eine gewisse Verwirrung zwischen dem echten und dem falschen Dreißigsten. Das erklärt zwei Bemerkungen Hesiods, die eine zum „wahren“ Dreißigsten, noch muss man ihn richtig erkennen, und die andere zum falschen, nur wenige geben ihm seinen wahren Namen.

Neben dieser Zählung von der Noumenie aus finden wir im Text zwei weitere Arten, die Tage des Monats zu zählen.

Auffällig ist außerdem eine gewisse Unordnung in der Reihenfolge der besprochenen Tage, auch wenn manchmal derselbe Rang in allen drei Dekaden behandelt wird. Das sieht man gut am vierten Tag: Am vierten Tag öffne ein Fass; der vierzehnte Tag ist der heiligste von allen. Nur wenige wissen noch, dass der vierundzwanzigste Tag im Morgengrauen der beste des Monats ist, am Abend aber weniger gut.

Wovon spricht Hesiod in diesem Teil des Textes?

Noch eine kleine Bemerkung zu der Stelle Hüte dich vor den fünften Tagen: sie sind mühsam und furchtbar. Warum steht hier den fünften Tagen im Plural und nicht dem fünften Tag im Singular? Meint Hesiod vielleicht den fünften Tag jeder Dekade, also drei solcher Tage im Monat?

Zum Abschluss dieser Untersuchung stellen wir den hesiodischen Monat in Tabellenform dar.

Rang Typ Gut für Schlecht für Mondphase
1 heilig Noumenie
2 zunehmend
3
4 heilig
eine Frau ins Haus führen
mit dem Bau eines leichten Boots beginnen
ein Weinfass öffnen
5 unheilvoll mühsamer und furchtbarer Tag
6 Zicklein und Widder kastrieren
einen Schafpferch bauen
Geburt von Jungen
Geburt von Mädchen
7 heilig
8 heilig Arbeiten der Sterblichen
Schweine und Stiere kastrieren
9 unschädlich
heilig
Arbeiten der Sterblichen
Geburt von Jungen und Mädchen
Pflanzungen
10 Geburt von Jungen
11 heilig Schafe scheren
Früchte der Erde ernten
12 heilig Schafe scheren
Früchte der Erde ernten
Frauen weben
Maultiere kastrieren
13 pflanzen säen voll
14 besonders heilig Geburt von Mädchen
Schafe, Rinder, Hunde, Maultiere zähmen
abnehmend
15
16 Jungen zeugen Pflanzungen
Geburt und Hochzeit von Mädchen
17 das heilige Korn der Demeter ausstreuen
Bretter fürs Bett schneiden
Holz für den Schiffsbau schlagen
18
19
20 einen Weisen zeugen
21
22
23
24
25
26
27
28
29 ein Weinfass öffnen
Ochsen, Maultieren und Pferden das Joch anlegen
ein Schiff zu Wasser lassen
neu
30 die Arbeit prüfen
die Vorräte verteilen

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