Die christliche Zeitrechnung und der Jahresbeginn

Zur Einfuehrung

Diese Studie fuehrt uns fuer den groessten Teil ins Mittelalter und sogar noch ein Stueck davor.

Zunaechst schauen wir uns an, wie unsere heutige Zeitrechnung entstanden ist, ob ein genau bestimmtes Ereignis ihren Ursprung ausgeloest hat, warum gerade dieses Datum und kein anderes gewaehlt wurde, und nebenbei begegnen wir einigen Figuren, mit denen man sich ruhig etwas genauer beschaeftigen darf.

Im zweiten Teil werden wir feststellen, dass das, was uns heute selbstverstaendlich erscheint, naemlich dass das Jahr am 1. Januar beginnt, weit weniger selbstverstaendlich ist, als man meinen koennte, und dass Chronologen guten Grund haben, sich die Haare zu raufen, wenn sie herausfinden wollen, wer oder was vor wem oder was kam.

Ich moechte gleich dazusagen, dass man auf dieser Seite vergeblich nach Stellungnahmen oder neuem Stoff fuer alte Streitfragen suchen wird. Wir beschraenken uns darauf, die Fakten zur Kenntnis zu nehmen.

Die Entstehung der christlichen Zeitrechnung

Wir schreiben das Jahr 525. Papst Johannes I. laesst ueber die Leiter der Kanzlei, Bonifatius und Bonus, einen gewissen Dionysius Exiguus den Ostercomputus ueberarbeiten und die Osterdaten fuer die kommenden Jahre festlegen.

Johannes I., Papst von 523 bis 526, bat Dionysius Exiguus, also Denys den Kleinen, den Ostercomputus zu aktualisieren.

Manche werden sagen, das sei nicht 525, sondern schon 523 geschehen. Wenn wir anfangen, ueber zwei Jahre zu streiten, wenn es um Ereignisse von vor fast zweitausend Jahren geht, kommen wir nie ans Ziel. Sagen wir also einfach: Dionysius Exiguus lieferte seine Arbeit 525 ab, und belassen wir es dabei.

Bevor wir weitergehen, muessen wir allerdings ein paar Minuten darauf verwenden zu klaeren, was dieser beruehmte Ostercomputus eigentlich ist und wer dieser bedeutsame Dionysius Exiguus war.

Der Ostercomputus

Machen wir uns nichts vor: Die Quellen weichen immer wieder voneinander ab, und die Sache ist alles andere als einfach. Da die Bestimmung des Osterdatums aber nicht das eigentliche Thema dieser Studie ist, werden wir versuchen, uns kurz zu fassen und zugleich so praezise wie moeglich zu bleiben.

Dafuer muessen wir noch einige Jahrhunderte weiter zurueckgehen und dabei eines im Blick behalten: Das Christentum hatte damals drei grosse Zentren, Antiocheia, Alexandria und Rom. Wir sagen hier der Einfachheit halber Christen und Christentum, doch in den ersten Jahrhunderten handelte es sich im Grunde um Gemeinschaften von Glaeubigen, die sich auf Jesus beriefen.

- Im 2. und 3. Jahrhundert feiern die Christen Ostern, also die Auferstehung Christi, zunaechst zeitgleich mit dem juedischen Pessach, naemlich am 14. Nisan. Dann beschliesst die noch sehr junge christliche Kirche, sich von den Juden abzugrenzen und ihnen nicht mehr die Festlegung des Datums ihres eigenen Festes zu ueberlassen. Man darf naemlich nicht vergessen, dass der juedische Kalender ein Mondkalender ist, der auf der Beobachtung des Neumonds beruht.

Und diese Abgrenzung wurde so gruendlich betrieben, dass sich innerhalb der Christenheit auch die einzelnen Gemeinschaften untereinander voneinander absetzten und jede Ostern nach ihrer eigenen Methode feierte. Dazu kamen noch die Quartodezimaner (von lateinisch quartodecimus, vierzehnter), die beim Datum des juedischen Pessachfestes blieben.

- Haben 325 tatsaechlich die 318 Vaeter der christlichen Kirche, versammelt auf dem ersten oekumenischen Konzil von Nikaia (dem heutigen Iznik in der Tuerkei) auf Initiative des roemischen Kaisers Konstantin, die Regeln fuer die Bestimmung des Osterdatums festgelegt? Darueber gehen die Meinungen auseinander. Sicher ist nur: Selbst wenn sie die Regel formulierten, haben sie ihre genaue Anwendung nicht bis ins Letzte festgelegt.

Ob Nikaia oder nicht, die Regel existierte. Man kann sie unterschiedlich formulieren. Wir zerlegen sie hier, damit ihre einzelnen Bestandteile klar hervortreten:

  1. Die Fruehlings-Tagundnachtgleiche faellt auf den 12. Tag vor den Kalenden des April, also auf den 21. Maerz des julianischen Kalenders. Man muss naemlich dazusagen, dass manche sie auch auf den 8. Tag vor den Kalenden des April, also auf den 25. Maerz, legten.
  2. Ostern wird am Sonntag gefeiert, der zwischen dem 14. und dem 21. Tag des Neumonds nach dem 21. Maerz liegt.

Auf dem Konzil von Nikaia, und das ist diesmal gesichert, schwoeren jedenfalls alle hoch und heilig, dass die Christen des Ostens, die Ostern bislang gleichzeitig mit den Juden feierten, diese Praxis aufgeben und kuenftig den von den Kirchen von Rom und Alexandria gemeinsam bestimmten Tag begehen wuerden. Das wird in einem Synodalschreiben an die Christen von Alexandria festgehalten: "Wir verkuenden euch die freudige Nachricht von der erzielten Einigung ueber das heilige Osterfest; denn dank eurer Gebete ist auch diese Frage geregelt worden: Alle Brueder des Ostens, die bislang mit den Juden feierten, werden von nun an Ostern in Uebereinstimmung mit den Roemern, mit euch und mit uns allen feiern, die dies von Anfang an gemeinsam mit euch getan haben." Uebersetzung nach Rodolphe Audette.

Konstantin seinerseits schickt ein Rundschreiben an alle christlichen Bischoefe. Die Frage scheint damit erledigt, und man wendet sich anderem zu.

Denn das Konzil von Nikaia hat Wichtigeres zu verhandeln als die Festlegung des Osterdatums. Dieses andere Thema ist der Arianismus, also die Leugnung durch einige, allen voran Arius von Alexandria und seine Anhaenger, eines Gottes, der zugleich einer und dreifaltig ist. Das Konzil bestimmt den Sohn als homoousios - lateinisch consubstantialis - zum Vater, also als wesensgleich mit ihm. Belassen wir es dabei, aber fuer das Weitere musste es erwaehnt werden.

Also ist die Frage nach dem Osterdatum erledigt? Keineswegs.

Halten wir einen wichtigen Punkt fest, der den weiteren Verlauf erklaert: Das Osterdatum wird nicht anhand des wirklichen astronomischen Mondes bestimmt, sondern nach einem fiktiven Mond, dem sogenannten kirchlichen oder kalendarischen Mond.

Der Vorteil dieser Loesung liegt auf der Hand: Man kann Ostern im Voraus berechnen, ohne den Himmel beobachten zu muessen, um den Tag der Neomenie - also des Neumonds - festzustellen. Genau dieser Vorteil wird den Computisten jener Zeit aber auch zum Problem: Welche Berechnungen sind denn nun anzustellen? Auf diese Frage geben der Osten - Alexandria und Antiocheia - und der Westen - Rom - unterschiedliche Antworten.

A) Im Osten haelt man sich an die Vorgaben des Konzils von Nikaia und setzt die Fruehlings-Tagundnachtgleiche auf den 21. Maerz. Den Neumond berechnet man ausserdem mit Hilfe des Meton-Zyklus, nach dem der Neumond alle 19 Jahre auf dasselbe Datum zurueckfaellt.

Theophilos von Alexandria (370-444) erstellt auf dieser Grundlage Tabellen der Osterdaten, die sogenannten alexandrinischen Tafeln. Kyrill von Alexandria fuehrt diese Tabellen spaeter bis ins Jahr 531 unserer Zeitrechnung fort, was dem Jahr 247 der Aera Diokletians entspricht. Wenn man weiss, dass dabei Groessen wie die Goldene Zahl, die Indiktionen, die Sonntagsbuchstaben und weitere Sonnenzyklen eine Rolle spielten - siehe liturgischer Kalender -, erkennt man leicht, dass solche Tabellen nur von Mathematikern mit erheblichem Koennen erstellt werden konnten.

B) Im Westen dagegen beruecksichtigt man den 25. Maerz als Datum der Fruehlings-Tagundnachtgleiche und stuetzt sich ausserdem auf einen alten Zyklus von 84 Jahren statt auf den Meton-Zyklus.

Leo I., der von 440 bis 460 Papst war, versucht nach dem Konzil von Chalkedon im Jahr 451, den alexandrinischen Computus des Theophilos und Kyrill in Frage zu stellen. Auf Bitten von Hilarius nimmt sich daraufhin Victorius von Aquitanien 457 der Sache an.

Er geht von den alexandrinischen Computen aus und entwirft einen Zyklus von 532 Jahren, der mit der Kreuzigung Jesu beginnt und auf dem Meton-Zyklus beruht, genauer auf 28 solchen Zyklen. Es scheint, dass Victorius die Idee dieses Zyklus selbst von einem gewissen Prosper uebernommen haben koennte, ganz sicher ist das jedoch nicht. Wie auch immer: Die Arbeit des Victorius wurde nie offiziell uebernommen. Darauf werden wir noch zurueckkommen.

Kurz gesagt: Es herrscht ziemliches Durcheinander, und genau in diesem Moment versucht Dionysius Exiguus, alle wieder auf einen Nenner zu bringen.

Dionysius Exiguus

Ueber Dionysius Exiguus, also Denys den Kleinen, weiss man nicht viel, ausser dass er im 6. Jahrhundert lebte - er starb um 540 in Rom - und dass ihm der Beiname „der Kleine“ nicht wegen seiner Koerpergroesse, sondern wegen seiner Bescheidenheit gegeben wurde.

Er war skythischer Herkunft - die Skythien lag noerdlich des Schwarzen Meeres zwischen Karpaten und Don und gehoert heute zu Moldau, der Ukraine und dem oestlichen Russland -, lebte aber in Rom, wo er Moench oder vielleicht auch Abt wurde. Er beherrschte Griechisch und Latein und uebersetzte die Kanones der Konzilien, darunter jene von Nikaia, aus dem Griechischen ins Lateinische. Ausserdem muss er ein geschaetzter Mathematiker gewesen sein, sonst haette Johannes I. ihm kaum die Aufgabe anvertraut, von der zu Beginn dieser Studie die Rede war.

Ob aus bewusster Schoenfaerberei oder aus Kenntnis von Texten, die wir heute nicht mehr besitzen: Dionysius stellte die alexandrinischen Tabellen und den Meton-Zyklus jedenfalls so dar, als seien sie vom Konzil von Nikaia gebilligt worden. Da diese alexandrinischen Tabellen im Jahr 531 endeten, ergaenzte er sie um fuenf weitere Zyklen, also um 95 Jahre, und fuehrte sie bis 626 fort.

So zentral die Konstruktion dieser Ostertafeln fuer ihn auch war, fuer unsere Studie ist vor allem die neue Jahreszaehlung von Bedeutung, die er dabei einfuehrte.

Bueste Diokletians in Vaux-le-Vicomte, italienische Marmorkopie aus dem 17. Jahrhundert, angefertigt zur Ausschmueckung des Grossen Salons des Schlosses.
Bueste Diokletians in Vaux-le-Vicomte, italienische Marmorkopie aus dem 17. Jahrhundert, angefertigt zur Ausschmueckung des Grossen Salons des Schlosses. Jean-Pol GRANDMONT, CC BY 4.0, über Wikimedia Commons

Da er offenkundig keinerlei Sympathie fuer Diokletian empfand, den er zu Recht als Christenverfolger ansah, strich er dessen Namen und dessen Aera, die bislang die Grundlage der Jahreszaehlung in den Ostertafeln gebildet hatte. Diokletian war damit aus dem Spiel. Die Tabellen sollten sich kuenftig auf eine Jahreszaehlung beziehen, die er Anni Domini nostri Jesu Christi nannte.

Gaius Aurelius Valerius Diocletianus, besser bekannt als Diokletian (285-305), erliess verschiedene allgemeine Gesetze, die sich nach und nach immer schaerfer gegen das Christentum richteten.

Sie loesten aus, was man spaeter die „grosse Verfolgung“ nannte: Zerstoerung der Kirchen, Verbot der Versammlungen, Verhaftung der Geistlichen, Todesstrafe und Einziehung des Vermoegens fuer alle, die sich weigerten, den roemischen Goettern zu opfern. Diese Massnahmen wurden fast im gesamten Reich durchgesetzt und gingen mit Misshandlungen und Grausamkeiten jeder Art einher.

Quelle: Encyclopaedia Universalis

Die christliche Zeitrechnung

Denys der Kleine hatte, ohne es wirklich zu beabsichtigen und wohl auch ohne sich dessen bewusst zu sein, unsere heutige Zeitrechnung geschaffen, die unter verschiedenen Namen bekannt wurde: christliche Zeitrechnung, dionysische Aera, Inkarnationsaera oder gewoehnliche Aera. Fuer die historische Chronologie war das ein erheblicher Gewinn an Einfachheit.

Was war nun der Ausgangspunkt dieser neuen Aera, und als Nebenfrage: Warum gerade dieser Punkt und kein anderer?

Zunaechst ist festzuhalten, dass dieser Ausgangspunkt, weil man damals die Null noch nicht kannte, das Jahr 1 und nicht das Jahr 0 ist.

Wenn man den Beginn einer neuen Aera festlegt, greift man haeufig auf eine bereits bestehende Aera zurueck. Da eine Bezugnahme auf Diokletian nicht in Frage kam, waehlte Denys der Kleine eine unter dem Namen Ab urbe condita bekannte Aera, die sich auf das von dem Historiker Varro errechnete Datum der angeblichen Gruendung Roms bezog. Sein Jahr 1 entsprach dem Jahr 753 seit der Gruendung Roms. Spaeter wird es dem 1. Januar des Jahres 754 AUC entsprechen.

Warum 753? Weil dieses Jahr nach Auffassung des Dionysius dem Jahr der Menschwerdung Christi entsprach.

Manche Werke versuchen zu erklaeren, wie Denys der Kleine auf dieses Datum gekommen sein koennte. Die Wahrheit ist: Wir wissen es schlicht nicht.

Eine weitere Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, wann Jesus geboren wurde. Sicher ist nur, dass es nicht im Jahr 753 AUC war. Die Chronologen sind sich einig, dass Christus den Texten oder anderen Ereignissen zufolge - Finsternissen, dem Stern der Weisen und aehnlichem - mehrere Jahre, naemlich vier bis sechs, vor dem von Denys festgelegten Datum geboren worden sein duerfte. Ohne alle Hypothesen im Einzelnen durchzugehen, was uns hier die ganze Woche beschaeftigen wuerde, genuegt der Hinweis auf eine von ihnen: Nach dem Matthaeusevangelium wurde Jesus noch unter Herodes geboren, und dieser starb 4 v. Chr.

Kurz gesagt: Jesus Christus waere einige Jahre ... vor Jesus Christus geboren worden. Ein weiteres Wunder? Ich jedenfalls weigere mich zu glauben, dass weder Denys der Kleine noch Papst Johannes I. die einschlaegigen Texte gekannt haetten. Das Geheimnis von Denys' Berechnungen bleibt also bestehen.

Uebrigens sprechen wir hier von der Geburt, und auch da gibt es ein kleines Problem. Denys spricht naemlich von der Menschwerdung. Meint er damit die Empfaengnis oder die Geburt? Da er zugleich erklaert, Jesus sei am 25. Maerz empfangen und am darauffolgenden 25. Dezember geboren worden - auf den Tag genau neun Monate spaeter -, erstaunt es nicht, dass man bisweilen liest, seine Aera habe am 25. Maerz 753 AUC begonnen, waehrend andere Texte den 25. Dezember 753 AUC nennen. Alles eine Frage der Auslegung. Man muesste es nur dazusagen.

Wenn man alle vorangehenden Zeilen zusammenfassen wollte, muesste man sagen: Der Beginn unserer Zeitrechnung entspricht streng genommen keinem genau bestimmbaren Ereignis.

Warum sprechen wir dann ueberhaupt von v. Chr. oder n. Chr., wie ich es auf allen Seiten dieser Website selbst tue? Sicher zum Teil aus Gewohnheit. Dennoch wirken die Bezeichnungen BCE (before Common Era, also „vor unserer Zeitrechnung“) und CE (Common Era, also „unsere Zeitrechnung“) realistischer und ... ausserdem leichter zu tippen.

Denys der Kleine war nicht der Erste, der die Jahre des Ostercomputus an das Leben Christi band. Vor ihm hatten, wie wir gesehen haben, bereits Victorius von Aquitanien und vielleicht auch Prosper von Aquitanien einen aehnlichen Ansatz verfolgt. Sie gingen jedoch von der Kreuzigung Christi aus. Die Parallelitaet ist so auffaellig, dass man sich fragen darf, ob Denys nicht einfach bei Victorius abgeschrieben und den Beginn der Aera lediglich von der Kreuzigung auf die Menschwerdung verschoben hat.

Victorius von Aquitanien schaetzte die Lebensdauer Christi naemlich auf 28 Jahre, also auf die Laenge eines Sonnenzyklus. Das erste Jahr seines Osterzyklus begann im Jahr 28 n. Chr. Es ist schon bemerkenswert, dass sich beide um dieselbe Zahl von Jahren geirrt haben sollen ... es sei denn, Denys hat schlicht 28 vom ersten Jahr des Victorius abgezogen, um seinen „Aerenbeginn“ festzulegen. Das wuerde zumindest sein Schweigen zu den eigenen Berechnungen erklaeren. Mehr als eine persoenliche Ueberlegung ist das freilich nicht.

Noch frueher, schon im 2. Jahrhundert, sollen die Bischoefe Alexander, Clemens und Eusebius vorgeschlagen haben, die Chronologie an das Leben Christi anzubinden.

War die Einfuehrung einer neuen Chronologie wirklich das Ziel all dieser Leute? Ich persoenlich meine: nein. Zumindest nicht bei Denys dem Kleinen. Nichts deutet darauf hin, dass er im eigentlichen Sinn Chronologe war, und ausserhalb seiner Tabellen scheint er seine Aerenvorstellung auch nicht mit besonderem Nachdruck verteidigt zu haben.

Jahreszaehlung sowie Beginn von Jahrhunderten und Jahrtausenden

Jahreszaehlung

Wenn wir schon von vor oder nach Christus sprechen, sollte man festhalten, dass es fuer die Jahre nach Christus nur eine einzige Zaehlung gibt: 1, 2, 3 ... 2000, 2001 ...

Fuer die Jahre vor Christus gibt es dagegen zwei verschiedene Zaehlweisen:

Man muss zugeben, dass die Einfuehrung des Jahres null gleich zwei Vorteile hat: Zum einen lassen sich damit die Regeln fuer Schaltjahre auch auf Jahre vor unserer Zeitrechnung anwenden. Zum anderen werden Berechnungen einfacher. Wenn wir etwa die Zaehlung der Historiker verwenden, wie viele Jahre liegen dann zwischen dem Beginn des Jahres 46 v. Chr. und dem Beginn des Jahres 2004 n. Chr.? Wer 2004 + 46 = 2050 rechnet, liegt um ein Jahr daneben. In der Zaehlung der Astronomen wird aus dem Jahr 46 v. Chr. das Jahr -45, und die Rechnung 2004 - (-45) = 2049 stimmt.

Das Problem ist nur: Wenn man -45 schreibt, weiss man nicht unbedingt, auf welche Art der Zaehlung man sich bezieht. Eine Loesung besteht darin, einfach 45 v. Chr. zu schreiben; dann ist klar, dass es kein Jahr null gibt. Die andere Loesung waere, eine Konvention einzuhalten, nach der man Jahreszahlen in einer Zaehlung ohne Null mit einer Tilde (~) kennzeichnet. So waere -45 = ~46.

Jahre Vor Christus Nach Christus
Historische Zaehlung 1 4 v. Chr. 3 v. Chr. 2 v. Chr. 1 v. Chr. 1 n. Chr. 2 n. Chr. 3 n. Chr. 4 n. Chr.
Historische Zaehlung 2 ~4 ~3 ~2 ~1 1 2 3 4
Astronomische Zaehlung -3 -2 -1 0 1 2 3 4

Beginn von Jahrhunderten und Jahrtausenden

Per Definition dauert ein Jahrhundert 100 Jahre. Da es kein Jahr null gibt, reicht das 1. Jahrhundert vom 1. Januar 1 bis zum 31. Dezember 100, und das 20. Jahrhundert dauerte vom 1. Januar 1901 bis zum 31. Dezember 2000.

Dasselbe gilt fuer Jahrtausende: Ein Jahrtausend umfasst definitionsgemaess 1000 Jahre und also ...

Mehr gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen, und schon gar nicht lohnt es sich, darueber eine Polemik zu beginnen.

Die Jahreszaehlung im Mittelalter

Wie wir gesehen haben, war Denys der Kleine selbst kein besonders guter Verteidiger seiner eigenen Aera, denn sogar seine eigenen Texte datierte er noch im alten System der Indiktionen - auf diesen Begriff kommen wir gleich zurueck. Sein chronologisches System waere wahrscheinlich in Vergessenheit geraten, wenn nicht zumindest die Nutzer seiner Tabellen daran festgehalten haetten, wobei diese Tabellen nebenbei gesagt genauso falsch waren wie der Meton-Zyklus, auf dem sie beruhten.

Dass es anders kam, verdankt sich zu einem guten Teil Beda, der seine Historia ecclesiastica gentis Anglorum - die Kirchengeschichte des englischen Volkes - mit Hilfe der dionysischen Aera aufbaute. Da ihm auf der Seite zur englischen Zeitrechnung bereits viele Zeilen gewidmet sind, gehen wir hier nicht noch einmal ausfuehrlich auf seine Person ein. Beda, der seine „Ecke“ kaum je verliess, wurde dennoch zum bedeutendsten englischen Chronologen. Seine Autoritaet und sein Ruf sorgten dafuer, dass sich die christliche Zeitrechnung nach und nach durchsetzte.

Beda der Ehrwuerdige, Holzstich.
Beda der Ehrwuerdige, Holzstich. Quelle: gallica.bnf.fr / BnF

Heute gilt er als der erste Historiker Englands, doch fuer die unmittelbar folgenden Jahrhunderte war Beda der Ehrwuerdige vor allem der Autor einiger technischer Schriften, die die literarische, historische und sogar wissenschaftliche Kultur des fruehen Mittelalters begruendeten, sowie der grosse Bibelkommentator, der die Summe der von den Kirchenvaetern entwickelten Auslegungen sammelte, zusammenfasste und weitergab. Encyclopaedia Universalis.

Die Datierungen fuer die Uebernahme der christlichen Zeitrechnung schwanken je nach Quelle. Sicher sagen kann man nur, dass es mehrere Jahrhunderte dauerte, bis sie im gesellschaftlichen Alltag wirklich gebraeuchlich wurde.

Selbstverstaendlich verbreitete sie sich schnell ueber die Ostertafeln, doch erst unter Papst Johannes XIII. (965-972) soll sie in der paepstlichen Kanzlei die Indiktion offiziell ersetzt haben. England reagierte offenbar frueher und uebernahm die christliche Zeitrechnung bereits auf der Synode von Whitby im Jahr 664 und dann, auch dank des Rueckenwinds durch Beda, in einer Urkunde von 676. Europa musste bis ins 12. Jahrhundert warten, Spanien bis ins 14. Jahrhundert und die griechische Welt bis ins 15. Jahrhundert.

Wie wurden die Jahre im Mittelalter dann eigentlich gezaehlt?

Auf ziemlich anarchische Weise. Die Datierung war nicht linear und fortlaufend wie heute, sondern in Abschnitte zerlegt. So begann man etwa mit dem Regierungsantritt eines Koenigs oder Kaisers wieder bei 1. Das galt auch fuer die beruehmte Diokletiansaera, die Denys dem Kleinen so wenig gefiel. Warum hielt sich gerade diese Aera bei den Computisten laenger als andere? Vielleicht, weil die Mondepakte - also die Zahl der Tage seit dem Neumond vor Beginn des Jahres - dort null war.

Auch das Jahr der Gruendung Roms - AUC, ab urbe condita - erfreute sich grosser Beliebtheit. Genau darauf stuetzte sich Denys, um die dionysische Aera zeitlich zu verankern.

Ein System der Jahreszaehlung hatte jedoch besonders grossen Erfolg: die Indiktion. Sie wurde entweder allein verwendet oder mit einer anderen Zaehlweise kombiniert, die etwa ab dem Regierungsantritt eines Koenigs zaehlte. Sie spielte in kirchlichen Computen eine wichtige Rolle, aber keineswegs nur dort, wie die folgenden Beispiele zeigen werden. Urspruenglich bezeichnete sie einen 15-jaehrigen Zyklus fuer die Steuererhebung. Zur Zeit Caesars begann dieser Zyklus im Oktober. Sein Ausgangspunkt wurde spaeter auf den 1. Januar verlegt, und der Beginn der Indiktionen liegt im Jahr 312. Man sagte also etwa „vierte Indiktion“, um anzugeben, dass ein Jahr das vierte Jahr des jeweiligen Zyklus war.

Um das klarer zu machen, sehen wir uns ein paar Beispiele an. Die entsprechenden Datierungen finden sich auf verschiedenen Dokumenten, die man hier mitsamt dem Originalmanuskript einsehen kann. Aus urheberrechtlichen Gruenden zeige ich hier nur eines dieser Stuecke.

Hier haben wir wirklich alles auf einmal: christliche Zeitrechnung, Indiktion und den Bezug auf eine Herrschaft. So praezise sogar, dass zwischen dem 6. Regierungsjahr - also 882 - und der 15. Indiktion - also 881 - ein Widerspruch entsteht. Ist also der 17. Januar 882 gemeint oder der 17. Januar 881?

An solchen ausufernden Datierungen sieht man gut, wie schwierig es ist, sich in einer Chronologie zurechtzufinden, wenn sie nicht fortlaufend ist.

Der Beginn des Jahres

Heute erscheint es uns voellig natuerlich, das Jahr am 1. Januar beginnen zu lassen. Wobei man, wenn man in einen Schulkalender schaut, fast meinen koennte, das Jahr beginne am 1. September. Es wuerde genuegen, wenn wir am 31. August von 2004 auf 2005 springen wuerden, um uns vorzustellen, wie es zu einer bestimmten Zeit einmal war.

Und diese Zeit ist wiederum das Mittelalter. Selbstverstaendlich war nicht der Schuljahresbeginn fuer den Jahreswechsel verantwortlich. Stattdessen waren viele verschiedene Daten in Gebrauch, die man Stile nannte. Die meisten von ihnen bezogen sich auf religioese Ereignisse.

Bleiben wir in Frankreich und sehen wir uns die wichtigsten dieser Stile an. Einige beruhen auf einem festen Datum, einer auf einem beweglichen.

Und der Stil des 1. Januar?

Das Problem bestand darin, dass der Januar dem Janus gewidmet war, also einer ausgesprochen heidnischen Gottheit. Entsprechend war kaum jemand begeistert davon, das Jahr am 1. Januar beginnen zu lassen. Bis zu einem gewissen 9. August 1564.

Karl IX., Koenig von Frankreich (1550-1574), nach Francois Clouet, genannt Janet.
Karl IX., Koenig von Frankreich (1550-1574), nach Francois Clouet, genannt Janet. © Schloss Versailles, RMN-Vertrieb / © Christophe Fouin
Das Schloss von Roussillon (Isere, Frankreich), Sued- und Ostfassade des Ostfluegels.
Das Schloss von Roussillon (Isere, Frankreich), Sued- und Ostfassade des Ostfluegels. MOSSOT, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons

Karl IX. (1550-1574), Koenig von Frankreich von 1560 bis 1574, ist eher fuer das Bartholomaeusmassaker vom 24. August 1572 bekannt als fuer das Edikt von Roussillon, das im Schloss von Roussillon erlassen wurde, das oben zu sehen ist.

Um die Macht seines Sohnes Karl IX. zu festigen, unternimmt Katharina von Medici mit ihm eine lange Reise durch das Koenigreich (1564-1566). Der neue Koenig ist damals gerade 13 Jahre alt. Wegen einer Pestepidemie ziehen sich die ganze Familie und ihr Gefolge nach Roussillon unweit von Lyon zurueck. Dort ueberarbeiten Karl IX. und seine Minister - oder vielleicht war es eher umgekehrt - Michel de l'Hospital und Sebastien de l'Aubespine ein Gesetz ueber die Rechtspflege. Warum auch immer, fuegen sie einen Artikel 39 hinzu, der festlegt, dass das Jahr kuenftig am 1. Januar beginnen soll. Das ist das Edikt von Roussillon, aus dem hier ein Auszug folgt:

"Wir wollen und verordnen, dass in allen Akten, Registern, Urkunden, Vertraegen, Verordnungen und Edikten, seien sie offen oder als Schreiben ergangen, und in jeder privaten Schrift das Jahr von nun an am ersten Tag dieses Monats Januar beginnen und von ihm an gerechnet werden soll. Gegeben zu Roussillon am neunten Tage des August im Jahre der Gnade eintausendfuenfhundertvierundsechzig und im vierten Jahre unserer Herrschaft. So unterzeichnet: der Koenig in seinem Rat, Sebastien de l'Aubespine."

Mit der ueblichen Verzoegerung dauerte es bis 1567, ehe das Edikt in Paris angewandt wurde, und fuer den Rest des Koenigreichs noch laenger. Wenig spaeter, 1582, folgte dann die grosse gregorianische Reform.

Die Chronologie, wie wir sie heute kennen, war geboren.

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