Die Einteilungen des Tages

In der Geschichte gibt es niemals einen Anfang mit großem A.
Es gibt nur Entwicklungen, Kreuzungen, Trennungen,
Vergessen, Wiederentdeckungen.

Jean Bottéro - Spezialist für das alte Mesopotamien.

Zur Einführung

Wir können verstehen, warum das Jahr 365 Tage hat, weil das ungefähr der Dauer eines Umlaufs der Erde um die Sonne entspricht.

Wir können auch verstehen, warum der Monat 29 oder 30 Tage zählt, weil dies ungefähr der Dauer eines Umlaufs des Mondes um die Erde entspricht. Und wir sehen an den verschiedenen Kalendern dieser Website, dass die Länge der Monate angepasst werden kann.

Wir wissen, was ein Tag ist: die Dauer eines scheinbaren Umlaufs der Sonne um die Erde, die in Wirklichkeit nichts anderes ist als die Dauer einer Erdrotation um ihre eigene Achse.

Aber warum hat der Tag 24 Stunden, die Stunde 60 Minuten und die Minute 60 Sekunden? Wenn wir uns diese Frage stellen, stoßen wir auf dasselbe Problem wie damals, als wir wissen wollten, warum die Woche sieben Tage zählt.

Um dieser Frage nachzugehen, machen wir eine Reise durch die Zeit und verfolgen die Entwicklung der Stundenzahl im Tag seit den frühesten Epochen. Dabei werden wir uns hüten, vorschnell zu behaupten, dass unsere heutige Einteilung des Tages dieser oder jener Zivilisation zu verdanken sei. Erinnern wir uns vielmehr an Jean Bottéros Satz. Die Einflüsse kreuzen sich so vielfach, dass wir sie unmöglich mit letzter Sicherheit rekonstruieren können.

Bevor wir unsere Untersuchung beginnen, sollten wir uns aber über die Bedeutung einiger Wörter verständigen, die wir verwenden werden. Sonst laufen wir Gefahr, alles durcheinanderzubringen und nicht von denselben Dingen zu sprechen.

Welchen Sinn wir den Wörtern geben werden

Der Vorteil eindeutiger Definitionen besteht nicht nur darin, dass wir jedem Wort dieselbe Bedeutung geben. Schon dabei werden wir feststellen, dass manches, was selbstverständlich zu sein scheint, es keineswegs ist.

Der Tag

A) Wir verstehen unter dem Tag den Durchschnitt der Zeitintervalle zwischen zwei Sonnenaufgängen, zwei Sonnenuntergängen oder zwei Meridiandurchgängen der Sonne an einem Ort. Er entspricht grob dem bürgerlichen Tag oder dem mittleren Sonnentag der Astronomen. Beachten wir, dass der mittlere Sonnentag bei Astronomen mittags beginnt, während unser heutiger bürgerlicher Tag um Mitternacht anfängt. Dieser „Tag“ in unserem Sinn entspricht dem, was die Griechen Nykthemeron nannten, von nux-nuctos für Nacht und hemera für Tag.

Sagen wir aber der Genauigkeit halber, damit uns die Astronomen nicht auf die Finger klopfen, dass die Dauer des wahren Sonnentags nicht dieselbe ist, je nachdem, ob man ihn vom Sonnenaufgang, vom Sonnenuntergang oder vom Meridiandurchgang der Sonne aus misst. Nach den Ephemeriden des Bureau des longitudes hatte der Tag zwischen dem 01.08.2003 und dem 02.08.2003 beispielsweise folgende Dauer:

Tag Aufgang Meridiandurchgang Untergang
01.08.2003 4 h 24 m 52 s 11 h 57 m 01 s 19 h 28 m 17 s
02.08.2003 4 h 26 m 12 s 11 h 56 m 57 s 19 h 26 m 49 s
Dauer des Tages 24 h 1 m 20 s 23 h 59 m 56 s 23 h 58 m 32 s

Das ist allerdings nur eine Randbemerkung, denn unser Ziel ist weniger, Unterschiede von wenigen Minuten festzustellen, als vielmehr zu verstehen, warum ein Tag 24 Stunden hat.

Und gleich noch eine Frage dazu: Soll man sagen, ein Tag habe 24 Stunden, oder eher zweimal zwölf Stunden? Denn schließlich haben unsere Uhren, Wecker oder Wanduhren mit Zeigern doch Zifferblätter mit zwölf Zahlen. Wer hat nicht schon „es ist 4 Uhr 20“ gehört statt „es ist 16 Uhr 20“?

Wenn wir uns noch gut an den Bug des Jahres 2000 erinnern, wissen wir weit weniger, dass auch 1900 sein eigenes kleines Erdbeben hatte. Lesen wir deshalb, was der Chronist Henri de Parville 1898 in der Wissenschaftszeitschrift La Nature schrieb: "Die Zeitungen haben angekündigt, dass der bürgerliche Tag ab 1900 nicht mehr wie bisher in zwei Teile von je zwölf Stunden geteilt werde, die sogenannten Stunden des Morgens und des Abends. Sie stützen sich dabei auf die Bemerkung, dass in den Tabellen des Annuaire du Bureau des longitudes die Tage zwar wie bisher um Mitternacht beginnen, aber von 0 bis 24 Stunden gezählt werden ... Man würde um 15 Uhr spazieren gehen, zum Essen auf 19.30 Uhr einladen und so weiter. Welch Umwälzung unserer Sitten! Und die Zifferblätter der Uhren und das Schlagen der Pendeluhren? Wird man die Geduld haben, 23 Schläge anzuhören?"

Und fast beschwichtigend fügt Henri de Parville weiter unten hinzu: "Das Bureau des longitudes hat nicht die Befugnis, unsere Stunden zu ändern. Dafür braucht es ein Gesetz. Es ist zwar bereits ein Gesetzentwurf in der Kammer eingebracht worden, um die durchgehende Nummerierung von 0 bis 24 Uhr einzuführen. Aber wie so oft ist er in den Schubladen liegen geblieben ... Auch anderswo befindet sich die Reform noch im Wartestand. Gehen wir also in Frankreich nicht zu schnell vor und beruhigen wir jene, die die voreilige Nachricht von der Veränderung unserer jahrhundertealten Stunden etwas beunruhigt hat."

Die Nachricht erwies sich also als verfrüht ... um 15 Jahre, denn die so sehr gefürchtete Reform kam schließlich doch, durch das Gesetz vom 9. März 1914, mit dem Frankreich das Zeitzonensystem übernahm und die Einteilung des Tages in 24 Stunden einführte.

Und man sagt immer noch oft „es ist 4 Uhr 20“ statt „es ist 16 Uhr 20“. Wenn der Übergang zum Euro genauso lange dauert, wird man wohl noch lange von Francs sprechen.

Zum Abschluss dieses Punktes sehen wir uns die Definition der Stunde in verschiedenen Ausgaben des Wörterbuchs der Académie an:

Sechste Ausgabe - 1835: "HEURE: Zeitspanne, die den vierundzwanzigsten Teil des natürlichen Tages bildet. Üblicherweise teilt man den Tag in zwei Teile zu je zwölf Stunden, deren erster um Mitternacht beginnt und deren zweiter mittags."

Achte Ausgabe - 1932: "HEURE: Zeitspanne, die den vierundzwanzigsten Teil des natürlichen Tages bildet. Gewöhnlich teilte man den Tag in zwei Teile zu je zwölf Stunden, deren erster um Mitternacht und deren zweiter mittags begann. Der Gebrauch neigt dazu, die Stunden von 0 bis 24 zu nummerieren, beginnend um Mitternacht."

Neunte Ausgabe - noch in Bearbeitung, Band 1 1992 erschienen, Band 2 2000: „HEURE: Zeitspanne, die dem vierundzwanzigsten Teil des Tages entspricht.

B) Mit Tageszeit bezeichnen wir das Intervall vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang.

C) Und ganz selbstverständlich nennen wir Nacht das Intervall vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang.

Ganz selbstverständlich? Als ob man schlagartig von der Nacht in die Tageszeit überginge, sobald die Sonne sichtbar wird. Als ob man schlagartig von der Tageszeit zur Nacht überginge, sobald die Sonne verschwunden ist. Und was ist mit all der Zeit, in der es bereits heller wird, ohne dass man die Sonne sieht? Und mit jener Zeit, in der es noch nicht dunkel ist, obwohl die Sonne schon untergegangen ist? Für all diese Übergänge gibt es eine ganze Reihe von Wörtern:

Beachten wir, dass das Wort crépuscule im 16. Jahrhundert den Sonnenuntergang und nicht den Sonnenaufgang bezeichnete.

Wenn man genau darüber nachdenkt, gibt es am Ende in einem Tag nur einen einzigen Moment, der sich wirklich klar definieren lässt: den Augenblick, in dem der Schatten des Gnomons, siehe die Seite zu den Messinstrumenten, am kürzesten ist, also die Sonne den Meridian durchläuft und an ihrem höchsten Stand des Tages steht: den wahren Mittag. Das führt uns dazu, unsere soeben definierte Tageszeit in Vormittag und Nachmittag zu teilen.

Ach ja ... habe ich eigentlich den Ursprung des Wortes Tag erklärt? Nein? Das überrascht mich nicht, denn so selbstverständlich ist nicht, dass das französische jour vom lateinischen dies kommt. Und damit Sie nun doch neugierig geworden sind, will ich alles sagen.

Hinter dies, übrigens auch hinter dem Wort Dieu, also Gott, steht die indoeuropäische Wurzel dei, die Klarheit oder Leuchten ausdrückt. Man findet sie noch in den französischen Wochentagen lundi, mardi ... und sogar in midi. Als Synonym zu dies findet man im Vulgärlatein des 3. bis 5. Jahrhunderts das Wort diurnum. Nachdem es sein d verloren hatte, wurde diurnum zunächst zu jorn im 10. Jahrhundert, dann zu jur im 11. Jahrhundert und schließlich im 13. Jahrhundert zu jour. Und wenn Sie sich nun endgültig mit der Etymologie überwerfen wollen, dann noch dies: Jupiter, der Name des Planeten, kommt von die pater oder jur-pater, was man also als „Gott des Tageslichts“ deuten kann. Das bringt Licht hinein, nicht wahr? Tag und Gott sind also ... Verwandte.

Die Stunde

Mit dem Wort „Stunde“ legen wir den Finger auf ein Wort, das unsere Lektüre dieser Seite geradezu vergiften wird.

A) Zunächst müssen wir zwischen der Stunde als Dauer und der Stunde als Zeitpunkt unterscheiden. Das ist noch relativ einfach, und damit werden wir ohne große Mühe fertig.

B) Vor allem aber müssen wir einen grundlegenden Unterschied machen zwischen temporalen oder ungleichen Stunden und äquinoktialen oder gleichen Stunden. Im Verlauf unserer Untersuchung werden wir genau sehen, was diese Begriffe bedeuten. Vorläufig genügt es zu wissen, dass äquinoktiale Stunden während des gesamten Tages und des ganzen Jahres dieselbe Länge haben. Für temporale Stunden gilt das nicht.

Das französische heure stammt vom griechischen hôrai, das im Lateinischen zu horae wurde. Die Hôrai waren kleinere, wohlwollende Göttinnen der griechischen Mythologie. Zunächst personifizierten sie Naturerscheinungen, bevor sie gegen das 4. Jahrhundert v. Chr. die Jahreszeiten symbolisierten. Im römischen Latein sind sie zu zwölf an der Zahl die Begleiterinnen der Göttin Aurora, die sie in regelmäßigen Abständen an den Himmel setzt, um den Wagen des Sonnengottes zu geleiten.

Die Einteilung des Tages in 24 Stunden

Die Einteilungen des babylonischen Tages

Um eine Einteilung des Tages, oder der Tageszeit, in 12 oder 24 Stunden zu finden, muss man nach Mesopotamien gehen. Sicher zu den Babyloniern und wohl schon zu den Sumerern. Erinnern wir uns: Die Sumerer kommen um 4200 v. Chr. nach Mesopotamien, kennen die Schrift etwa ab 3000 v. Chr., bevor sie um 2700 v. Chr. allgemein gebräuchlich wird, und lösen um 2000 v. Chr. bereits Gleichungen zweiten Grades. Das babylonische Reich entsteht erst um 1900 v. Chr.

Warum 12 oder 24 bei einer Zivilisation, die doch vor allem für das sexagesimale Zahlensystem, also die Basis 60, bekannt ist, auf die wir noch zurückkommen werden?

Weil diese Basis 12 und ihre Vielfachen und Teiler bei den Sumerern und Babyloniern in fast allen Maßen eine überragende Rolle spielten, wie einige Beispiele zeigen:

Vergessen wir auch nicht, dass die Babylonier, als sie im 6. Jahrhundert v. Chr. den Tierkreis erfanden, ihn in 12 Teile einteilten. Beachten wir nebenbei, dass diese Einteilung in der Ebene der Ekliptik und nicht in der Äquatorebene erfolgte, was den hohen Stand der babylonischen Astronomie beweist.

Es überrascht also keineswegs, dass die mesopotamische Zivilisation das duodezimale System zur Einteilung des Tages verwendete.

Tafel aus etwa 3000 v. Chr., in Uruk gefunden, die zeigt, dass neben der Basis 20 noch andere Basen verwendet wurden.
Ref.: ATU 2, Tafel W 22 114. Bagdad, Irakisches Museum. Bild entnommen der Universalgeschichte der Zahlen von G. Ifrah.

Aber warum diese Vorliebe für die 12? Vielleicht, weil das Jahr zwölf Monate hat. Eine andere Erklärung verweist auf ein uraltes Zählsystem: das Zählen mit der Hand. Das duodezimale System könnte daraus entstanden sein, dass man mit nur einer Hand zählt. Der Daumen der rechten Hand legt sich jeweils auf die Finger der gleichen Hand und zählt deren Glieder. Schließlich hat doch jeder irgendwann einmal an den Fingern gezählt.

Indem er sich den anderen Fingern entgegenstellt, erlaubt der Daumen, 12 Fingerglieder zu zählen.

Darin kann man eine Erklärung für die Existenz des duodezimalen Systems sehen.

Wir haben übrigens noch heute Spuren dieser duodezimalen Zählung: ein Dutzend Eier, ein Dutzend Austern, ein Karton mit zwölf Weinflaschen ... Von der Zählung auf unseren Uhren spreche ich noch gar nicht, denn genau darum geht es in dieser Untersuchung.

Wie war also der Tag der Babylonier eingeteilt? In 12 oder in 24 Stunden? Handelte es sich um den Tag im ganzen oder nur um die Tageszeit?

Hier und da kann man lesen, der babylonische Tag sei in 12 gleiche kaspus geteilt gewesen. Der kaspu entspräche dann zwei unserer Stunden, und wir hätten es mit äquinoktialen Stunden zu tun. Das ist allerdings keine besonders befriedigende Antwort, wenn man bedenkt, dass das einzige Zeitmessinstrument jener Epoche ein Gnomon war und damit für die Einteilung der Nacht ungeeignet.

Deshalb ersetzen wir diese „Definition“ durch diejenige von Gerhard Dohrn-van Rossum: "Man hatte den ganzen Tag in zwölf Doppelstunden geteilt, wobei Tag und Nacht getrennt behandelt wurden. Nach dieser Ordnung werden sowohl die helle Tageszeit, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, als auch die Nacht in je zwölf Teile zerlegt, die innerhalb jeder Kategorie untereinander gleich sind. Dauer und zeitliche Lage dieser Stunden ändern sich mit der Länge der hellen Tageszeit, aber die 'sechste Stunde' bezeichnet immer den Mittag."

Zusammengefasst, mit unserem weiter oben festgelegten Vokabular, wäre der Tag also in Tageszeit und Nacht geteilt. Die Tageszeit zählte 12 Stunden, die untereinander gleich lang waren, deren Länge sich aber im Lauf des Jahres veränderte. Jede Stunde des Tages hätte ihr Gegenstück in der Nacht, die ebenfalls 12 untereinander gleiche Stunden umfasste. Je länger die Stunden des Tages, desto kürzer die der Nacht. Nur zweimal im Jahr, zu den Tagundnachtgleichen, haben Tages- und Nachtstunden dieselbe Dauer. Solche Stunden nennt man temporale oder ungleiche Stunden.

Man muss sich diese Doppelstunden also nur als gleich vorstellen, um wieder zu unserem alten System von zweimal zwölf Stunden zu gelangen.

Die Deutung von Gerhard Dohrn-van Rossum wird bestätigt, wenn man liest, was Herodot (484-425 v. Chr.) über die Zeitmessung der Griechen schreibt, II, 109: "den Gebrauch des polos, des Gnomons und die Einteilung des Tages in zwölf Teile haben die Griechen von den Babyloniern gelernt." Wenn wir die Studie zu den Messinstrumenten erneut lesen, sehen wir, dass Gnomon und polos ausschließlich tagsüber verwendete Instrumente sind. Es ist also tatsächlich von der Tageszeit die Rede.

Ein weiterer Text bestätigt diese Hypothese der zweimal zwölf Stunden. Die Hebräer vor dem babylonischen Exil teilten die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, also unsere Tageszeit, lediglich in drei große Abschnitte: Morgen, Mittag und Nachmittag. In Babylon lernten sie die Teilung des Tages kennen. Um 90 n. Chr. schreibt Johannes der Evangelist: "Jesus antwortete ihnen: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag geht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht. Wenn jemand aber in der Nacht geht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist." Die zwölf Stunden bezeichnen also tatsächlich nur die Tageszeit und nicht den ganzen Tag.

Aber wie zählten die Babylonier die Stunden der Nacht? Wenn sie nicht ein Instrument verwendeten, von dem wir nichts wissen, dann war diese Einteilung rein theoretisch. Wir werden im Übrigen später sehen, dass ihnen eine solche abstrakte Kenntnis durchaus vertraut war, nicht nur aufgrund ihrer enormen mathematischen Fähigkeiten, wenn wir zu den Unterteilungen von Stunde und Minute kommen.

Sind die Babylonier also die „Erfinder“ der Einteilung des Tages in 24 Stunden? Erinnern wir uns an den Satz von Jean Bottéro und antworten wir: Das spielt keine so große Rolle. Nachdem wir die ägyptische Einteilung des Tages betrachtet haben, werden wir feststellen, dass sich diese Einteilung in 24 Stunden nur langsam verbreitete und dass es sehr schwer ist zu sagen, wer von wem wirklich geerbt hat. Das Einzige, was sicher ist: Alexander der Große, von dem wir gelesen haben, dass er die Stunde von den Babyloniern übernahm, hat durch seine Eroberungszüge die Verbreitung dieser Tageseinteilung stark gefördert, in Indien, Persien und in den Mittelmeerländern. Übrigens ist der Gebrauch des Wortes hora zur Bezeichnung der temporalen Stunde erst seit seiner Zeit bezeugt.

Bevor wir Mesopotamien verlassen und nach Ägypten reisen, halten wir noch fest, dass einige Forscher eine mögliche Entwicklung des mesopotamischen Systems von 6 über 12 zu 24 Stunden in Betracht ziehen. Moritz Cantor spricht sogar von einer ursprünglichen Einteilung in 60 Teile.

Die Einteilungen des ägyptischen Tages

Die Ägypter gehen die Teilung des Tages auf originelle Weise an. Sie widmen sich gerade dem, was lange Zeit, mangels Messinstrumenten, ein echtes Problem war: der Nacht. Sie dagegen konzentrieren sich darauf, sie zu gliedern. Die Teilung der Nacht wird also nicht die achte Plage Ägyptens sein. Ein Scherz, natürlich.

Zu diesem Zweck nutzen sie ein Phänomen, das sie sehr gut kennen: den heliakischen Aufgang der Sterne.

Zur Erinnerung: Von einem Stern, der im Morgengrauen aufgeht und in den ersten Lichtstreifen des Tages wieder verschwindet, sagt man, er habe seinen heliakischen Aufgang. Man kann das als Signal der letzten Stunde der Nacht ansehen. Der heliakische Aufgang von Sothis oder Sirius markierte den Beginn des ägyptischen Agrarjahres.

Wir wissen, dass das ägyptische Jahr in Dekaden, also Zehntageperioden, gegliedert war, insgesamt 36 an der Zahl, siehe ägyptischer Kalender. Für jeweils zehn Tage wurde ein Stern ausgewählt, der das Ende der Nacht markieren sollte. Für die nächsten zehn Tage wurde dann ein anderer Stern gewählt und so weiter über alle 36 Dekaden hinweg. Der jeweils „diensthabende“ Stern war der Dekan. Es vergingen also 36 Dekaden oder Dekane, bevor derselbe Stern erneut „an der Reihe“ war. Dieses System lässt sich in einer Tabelle mit 36 Spalten darstellen, in denen die Sterne die Namen E1, E2, E3 und so weiter tragen. Zu unserem Verständnis genügen einige Zeilen und Spalten.

Dekan 1 2 3 4
Stunde
1 E1 E2 E3 E4
2 E2 E3 E4 E5
3 E3 E4 E5
4 E4 E5
5 E5

Wie liest man diese Tabelle? Wenn wir uns zum Beispiel in der zweiten Dekade befinden und ich E4 am Himmel sehe, aber noch nicht E5, dann sind wir in der dritten Stunde der Nacht. Man stellt fest, dass sich der Name eines Sterns von einer Spalte zur nächsten um eine Zeile nach oben verschiebt. Daher kommt die mitunter verwendete Bezeichnung diagonaler Kalender für solche Tabellen.

Wir wissen, dass unsere Tabelle 36 oder 37 Spalten enthält. Die Ägypter berücksichtigten nämlich die Epagomenentage durch Einführung einer zusätzlichen Dekade. Aber wie viele Zeilen hat sie?

Ganz einfach: so viele wie heliakische Sternaufgänge in einer Nacht beobachtbar sind. In Ägypten lassen sich in der kürzesten Sommernacht 12 Sternaufgänge beobachten. Die Tabelle wird also 12 Zeilen haben, und damit wird die Nacht in 12 temporale Stunden eingeteilt.

Der Gebrauch der Dekane reicht vermutlich bis in die dritte Dynastie zurück, also etwa bis 2750 v. Chr.

Die Dekanentafeln werden zwar ungenau als diagonale Kalender bezeichnet, tatsächlich handelt es sich eher um Sternenuhren. Teil des Sarges der Achait, Ägyptisches Museum Kairo - Neugebauer-Parker, Egyptian Astronomical Texts I, 1960.

Natürlich geht ein Stern im Lauf der zehn Tage seines Dekans nicht jeden Tag gleich auf. Am ersten Tag der Dekade steigt er heliakisch auf, danach steht er von Nacht zu Nacht immer höher am Himmel. Dadurch verschiebt sich das Ende der Nacht im Zyklus von der Morgendämmerung hin in die dunkle Nacht. Das genügt jedoch völlig, um die nächtlichen Zeiten des religiösen Kults festzulegen.

Diese Dekane werden aus mehreren Gründen auf Ägypten beschränkt bleiben: Den ägyptischen Himmel sieht man eben nur in Ägypten, hinzu kommt der Einfluss der Präzession der Äquinoktien und später die Einführung von Instrumenten wie dem Nocturlabium. Dagegen bereiten sie den künftigen Astrologen große Freude. Vorher begegnen wir ihnen jedoch im ägyptischen Kult, etwa im Totenbuch oder im Pfortenbuch.

Die Totenbücher enthalten zwölf Teile, die den zwölf Stunden der Nacht entsprechen. Jede Stunde ist dem Sonnengott in seiner Barke gewidmet, umgeben von den Wesen, die diese Region bevölkern. Die ganze Nacht hindurch musste er gegen seinen Erzfeind, die Schlange Apophis, kämpfen.

Erste Stunde aus dem Pfortenbuch. Sie markiert den Beginn der langen Reise des Sonnengottes in seiner Barke während der zwölf Nachtstunden, Grab Ramses VII.
Erste Stunde aus dem Pfortenbuch. Sie markiert den Beginn der langen Reise des Sonnengottes in seiner Barke während der zwölf Nachtstunden, Grab Ramses VII. © Mutnedjmet / Flickr

Weitere Bilder finden Sie hier. Copyright „Une promenade égyptienne“.

Und die Einteilung der Tageszeit?

Ein Gemälde aus dem Grab Sethos' I., des Pharaos, der von 1318 bis 1304 v. Chr. regierte, zeigt eine Sonnenuhr, die die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang in zehn Stunden teilt. Die Ägypter fügten noch eine Stunde für die Morgendämmerung und eine für die Abenddämmerung hinzu. Es handelt sich selbstverständlich um temporale Stunden.

Addiert man diese temporalen Stunden der Tageszeit zu den Stunden der Nacht, gelangt man zu einer Einteilung des ägyptischen Tages in 24 Stunden.

Das spätere Schicksal der babylonischen und ägyptischen Systeme

Nach dem, was wir gerade gelesen haben, könnte man meinen, die Einteilung des Tages in 24 Stunden oder in zweimal zwölf Stunden habe sich rasch über die Jahrhunderte verbreitet. Das Gegenteil ist der Fall. Zwei Beispiele, das antike Rom und das Mittelalter, werden uns das zeigen.

Das antike Rom und die 24 Stunden

In den Zwölf Tafeln, um 450 v. Chr., kann man lesen: "... Wenn die Streitparteien ihren Fall durch Vergleich regeln, soll der Magistrat es verkünden ... Nach Mittag, wenn eine der beiden Parteien nicht erscheint, soll der Magistrat zugunsten der anwesenden Partei entscheiden. Sind beide anwesend, kann die Verhandlung bis zum Sonnenuntergang dauern, aber nicht länger."

Es war also besser, seine Rechtsstreitigkeiten im Winter zu führen. Nun gut, ich schweife ab. Was ich sagen wollte: Man kennt damals den Mittag und den Sonnenuntergang. Man kann mit Sicherheit auch den Sonnenaufgang hinzufügen. Drei Orientierungspunkte im Verlauf der Tageszeit.

Nach Varro brachte der Konsul Valerius Messalla 263 v. Chr. eine Sonnenuhr aus Catania mit, das von den römischen Legionen erobert worden war. Sie wurde offenbar häufig benutzt, denn erst 89 Jahre später stellte man fest, dass ihre Markierungen falsch waren: Die Breite Roms ist eben nicht dieselbe wie die von Catania.

Erst 164 v. Chr. wurde in Rom eine richtige Sonnenuhr aufgestellt und 159 v. Chr. kam eine öffentliche Wasseruhr hinzu. Das veranlasst Plinius den Älteren zu der Bemerkung, bis dahin sei die Tageszeit nicht wirklich eingeteilt gewesen.

Naja, fast nicht. Denn in Rom gab es, auch noch nach dem Auftreten der ersten Instrumente, Einteilungen, die dem Alltag völlig genügten. Die Tageszeit wurde in vier Abschnitte und die Nacht in vier Wachen gegliedert, Prime, Terz, Sext und None. Diese Abschnitte wurden von offiziellen Autoritäten öffentlich angezeigt.

Einige Gelehrte verwendeten für ihre eigenen Zwecke noch weitere Begriffe, um genauere Momente zu bezeichnen. So findet man etwa:

Das Mittelalter und die 24 Stunden

Diese römische Tageseinteilung mit ihrer utilitaristischen Gliederung setzt sich im Mittelalter grundsätzlich fort.

Der englische Mönch Ælfric (um 955-1014) schreibt etwa über die Nacht in seinem De temporibus anni, Von den Jahreszeiten:

Die Nacht hat sieben Abschnitte vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang. Der erste heißt crepusculum, das ist die Dämmerung. Der zweite heißt vesperum, wenn der Abendstern erscheint. Der dritte ist conticinium, wenn alles in seinen Betten schweigt. Der vierte heißt intempestum, wenn Mitternacht ist. Der fünfte ist gallicinium, der Hahnenschrei. Der sechste heißt matutinum oder aurora, das ist die Morgendämmerung. Der siebte ist diluculum, also das frühe Morgenlicht zwischen Morgendämmerung und Sonnenaufgang.

Die katholische Kirche ihrerseits, das haben wir auf der Seite über Zeitmessinstrumente gesehen, teilte die Tageszeit in acht Abschnitte: Matutin, Laudes, Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet.

Muss man aus diesen Beispielen aus Rom oder dem Mittelalter schließen, dass die babylonischen oder ägyptischen Tageseinteilungen im Lauf der Jahrhunderte verloren gegangen seien? Keineswegs. Wir haben damit nur erneut die Richtigkeit des Satzes von Jean Bottéro überprüft: „Es gibt nur Entwicklungen, Kreuzungen, Trennungen, Vergessen und Wiederentdeckungen.“

Die 24 Stunden wurden erst dann wirklich zur Gewohnheit, als ein echtes Bedürfnis nach ihnen entstand und als Zeitmessinstrumente zur Sache eines jeden wurden. Bis dahin verwenden, abgesehen von einigen wenigen Eingeweihten, die eher experimentieren als gebrauchen, die meisten Menschen weiterhin genau das, was ihnen vollkommen genügt.

Wenn man also schreibt, die Römer hätten 263 v. Chr. die Tageseinteilung in Stunden übernommen, ist das vielleicht etwas zu schnell gesagt. So wie eine Schwalbe noch keinen Frühling macht, schafft die Ankunft einer Sonnenuhr noch keinen 24-Stunden-Tag.

Die äquinoktialen Stunden

Wenn man die beiden vorangehenden Abschnitte rechtfertigen müsste, dann wären die äquinoktialen Stunden ein gutes Beispiel.

Denn bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. teilte der griechische Astronom Hipparchos von Nizäa den Tag für seine astronomischen Zwecke in 24 Stunden gleicher Dauer, also äquinoktiale Stunden.

Ihm folgte Ptolemäus, der in dieser Frage noch weiter ging, ganz in der Spur der Babylonier. Darauf werden wir noch zurückkommen.

Und doch begannen äquinoktiale Stunden erst gegen Ende des 13. Jahrhunderts allmählich in die Gewohnheiten einzudringen, nämlich mit dem Auftreten von Instrumenten, die imstande waren, sie zu messen und anzuzeigen. Ich sagte bewusst: begannen.

Teilungen und Unterteilungen der Stunde

Gehen wir direkt an die Quelle, denn es scheint tatsächlich so zu sein, dass zuerst die Sumerer und Babylonier die Stunde in sechzig Minuten und die Minute in sechzig Sekunden geteilt haben. Diese Einteilung wird ungefähr auf die Zeit zwischen 300 und 100 v. Chr. datiert. Davor, etwa um 2400 v. Chr., hätten sie bereits den Kreis in 360 Grad geteilt. Alle Datierungen bleiben natürlich vorsichtig zu behandeln.

Diese Teilungen waren übrigens weitgehend theoretisch, vor allem was die Sekunde betrifft, wenn man an die Genauigkeit der damaligen Messinstrumente denkt.

Es versteht sich von selbst, dass eine so feine Untergliederung der Stunden praktisch nur für Astronomen von Nutzen war. Und selbst das nur in Grenzen, denn Claudius Ptolemäus gab im 2. Jahrhundert n. Chr. den Zeitpunkt seiner Beobachtungen nie mit größerer Genauigkeit als einer Viertelstunde an.

Eben dieser Claudius Ptolemäus trug dann wesentlich dazu bei, dass sich die Einteilung des Tages in 60 Minuten und 3600 Sekunden durchsetzte, indem er sie auf seine eigenen astronomischen Berechnungen anwandte. Und wenn man sieht, welche aktive Rolle Astronomen bei der Entwicklung von Messinstrumenten wie der Uhr spielten, überrascht es nicht, dass wir diese Unterteilungen bis heute benutzen.

Aber den Ursprung zu kennen erklärt noch nicht das Warum. Warum gerade 60?

Ganz einfach, weil die Sumerer ein sexagesimales Zahlensystem in Keilschrift verwendeten. Es handelte sich um ein Stellenwertsystem, genau wie unseres mit Tausendern, Hundertern, Zehnern und Einern, mit dem Unterschied, dass unseres auf der Basis 10, ihres aber auf der Basis 60 beruhte und dass wir zusätzlich die Null verwenden. Die Zeichen für die Zahlen 1 bis 60 dieser Basis 60 sehen so aus:

Man erkennt darin sehr deutlich das Stellenwertprinzip: 29 ist beispielsweise das Zeichen für 20 plus das Zeichen für 9.

Seit unserer Untersuchung des vigesimalen Maya-Systems sind wir an den Umgang mit Basen jenseits der 10 gewöhnt. Deshalb nehmen wir nur ein kurzes Beispiel, damit wir die Hand nicht verlieren: 985 in unserem System ist 9 × (10 × 10) + 8 × 10 + 5, also 9.8.5. Im sumerischen System wäre es 16 × 60 + 25, also 16.25.

Und wie wäre es bei Stunden, Minuten und Sekunden? Nichts einfacher als das: Unsere 06 h 25 min 30 s wären 6 25/60 30/3600, also 6;25,30.

Gut, das sexagesimale System haben wir verstanden. Aber warum Basis 60 und nicht 18 oder 37 oder 72?

Nun ja ... mit dieser Frage musste man rechnen. Um die Wahrheit zu sagen: Eine sichere Antwort haben wir nicht. Hypothesen dagegen gibt es genug. Wir gehen sie in der Form kurz durch, in der Georges Ifrah sie darstellt, um schließlich zu seiner eigenen, recht verführerischen Annahme zu gelangen.

Lassen wir die mystischen Erklärungen beiseite und kommen wir zu Ifrahs eigener, von ihm selbst als „plausibel“ bezeichneter Hypothese.

Historisch soll es vor der sumerischen Vorherrschaft in Mesopotamien verschiedene einheimische Bevölkerungen gegeben haben. Man kann annehmen, dass diese Bevölkerungen und die Sumerer unterschiedliche Zählsysteme hatten und dass die sexagesimale Basis aus einer Symbiose dieser Kulturen hervorging. In Frage kämen dabei die bereits gesehene Basis 12 und die Basis 5. Betrachtet man die ersten zehn Zahlen und ihre Namen genauer,

Zahl 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Name ges min es limmu ia as imin ussu ilimmu u

Ifrah erkennt darin Spuren eines quinären Systems. Mit Ausnahme der 8 sind alle Zahlen über 5 nichts anderes als die Zusammenziehung zweier Zahlen zwischen 1 und 5:

  • 6, as = ia.ges = 5 + 1
  • 7, imin = ia.min = 5 + 2
  • 9, ilimmu = ia.limmu = 5 + 4

Überträgt man diese Theorie auf die Zähltechnik mit den Händen, dann ist 60 die Hauptbasis, während 12 und 5 Hilfsbasen sind. Mit der rechten Hand zählt man von 1 bis 12. Bei zwölf klappt man den Ringfinger der linken Hand ein, dann den nächsten und so weiter.

Damit sind wir am Ende dieser Studie über die Einteilungen und Unterteilungen unseres Tages angekommen. Wir wissen, soweit es überhaupt möglich ist, warum unser Tag 24 Stunden und warum Stunde und Minute 60 Untereinheiten haben. Wir kennen auch ihren Ursprung. Aber vergessen wir den Satz von Jean Bottéro nicht: In der Geschichte gibt es niemals einen Anfang mit großem A.

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