Zur Einfuehrung
Ob solar, lunar oder lunisolar, Kalender sind auf einer Grundeinheit aufgebaut: dem Jahr.
Es erscheint uns heute ganz selbstverstaendlich, uns in der Zeit, die wir als linear voraussetzen, mithilfe einer Jahreszahl zu orientieren. Die Bastille wurde 1789 gestuermt. Die Schlacht bei Marignano fand 1515 statt. Das Konzil von Nizaea tagte 325.
Wenn man jedoch einen der Vaeter des Konzils von Nizaea gefragt haette, in welchem Jahr dieses Konzil stattfand, haette er wahrscheinlich geantwortet: „unter Konstantin dem Grossen und im Konsulat der hochberuehmten Paulinus und Julianus“. Fuer sie war das vielleicht klar. Fuer uns ist es deutlich weniger hilfreich. Solange man nicht weiss, wann Paulinus und Julianus Konsuln waren, kommt man keinen Schritt weiter. Mit einem solchen System ist es schwierig zu erkennen, welches Ereignis vor welchem anderen liegt.
Diese Datierungssysteme wollen wir auf dieser Seite zusammentragen, besonders jene, die der Nummerierung der Jahre vorausgingen, wie wir sie heute kennen.
Die Seite erhebt keinerlei „chronologischen“ Anspruch. Ihr Ziel ist nur, ein wenig besser zu verstehen, wie man sich in der Zeit orientieren konnte, bevor die lineare Jahreszaehlung aufkam, und unseren heutigen Zustand vielleicht ein wenig mehr zu schaetzen.
Die Zaehlung der Jahre in Mesopotamien
Im Laufe der Jahrhunderte und unter wechselnden Einfluessen kannte Mesopotamien fast alle Datierungssysteme, die man sich vorstellen kann. Wie wir sehen werden, traten diese Systeme teils nacheinander auf, oft wurden sie aber auch gleichzeitig verwendet.
Jahresnamen
Das Prinzip bestand darin, dem laufenden Jahr den Namen eines bemerkenswerten Ereignisses zu geben, meist militaerischer oder religioeser Art, das sich im Vorjahr ereignet hatte.
So finden sich Jahresbezeichnungen wie diese:
„Jahr, in dem Samsuiluna Koenig wurde
Jahr, in dem er in Sumer und Akkad Steuerfreiheit gewaehrte
...
Jahr, in dem die Mauern von Isin niedergerissen wurden
Jahr unter dem Kommando Enlils
Jahr nach dem Jahr unter dem Kommando Enlils
Dieser Auszug aus einer Tafel des British Museum betrifft die Herrschaft Samsuilunas, Koenig von Babylon etwa von 1749 bis 1711 v. Chr., des Nachfolgers Hammurabis.
Weitere Listen gibt es zum Beispiel fuer die Koenige der ersten Dynastie von Isin, etwa 2017 bis 1794 v. Chr., hier.
Dieses System, das sowohl von Sumerern als auch von Babyloniern verwendet wurde, ist von den Koenigen von Agade im 24. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende der altbabylonischen Zeit 1595 v. Chr. belegt.
Diese in den verschiedenen Staedten aufbewahrten Jahreslisten lassen sich mit anderen Listen verbinden, die die Regierungsjahre der verschiedenen Koenige summieren. Ein Beispiel findet sich hier.
Und wenn ich schon bei Links bin: hier finden sich chronologische Listen der Herrscher Mesopotamiens von 2700 bis 525 v. Chr.
Personennamen
Dieses System war eine assyrische Spezialitaet, die die Babylonier nicht praktizierten. Das laufende Jahr erhielt den Namen eines hohen Amtstraegers, der in diesem Jahr eine offizielle Funktion innehatte. Diese Persoenlichkeit war der Limmu oder Limu. Im Grunde handelt es sich um nichts anderes als ein Eponym avant la lettre.
Der Limmu wurde unter einflussreichen Persoenlichkeiten ausgelost, etwa unter dem Oberbefehlshaber, dem Grosswesir, dem Leiter der Musiker, dem Oberaufseher der Eunuchen oder den Statthaltern der Staedte und Provinzen. Selbstverstaendlich war der Koenig im ersten Jahr seiner Herrschaft selbst Limmu.
Vollstaendige Limmu-Listen gibt es fuer die Zeitraeume 1876 bis 1784 und 858 bis 700. Einsehen kann man sie hier.
Mitunter wurde dem Namen des Limmu ein Kommentar hinzugefuegt. So liest man in der Liste fuer 858 bis 699 hier, dass im Jahr des Limmu Bur-Saggile, Statthalter von Guzana, im Monat Simanu eine Finsternis stattfand. Diese Angabe hat es erlaubt, das Ereignis auf den 15. Juni 763 v. Chr. zu datieren.
Regierungsjahre
Dieses bereits in sumerischer Zeit verwendete System wurde bei den Babyloniern und Persern seit der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr. zum Standard und blieb bis in die hellenistische Epoche in Gebrauch. Erst dann setzte sich das Prinzip einer eigentlichen Aera durch, sei es die seleukidische oder eine andere wie hier, ohne dass der jeweils herrschende Souveraen eigens genannt werden musste.
Das Prinzip ist einfach: Man nummeriert die Jahre seit dem Regierungsantritt des herrschenden Souveraens.
Die einzige Schwierigkeit besteht darin, was mit dem Jahr geschieht, in dem dieser Souveraen mitten im Jahr den Thron besteigt, und welches Jahr als Jahr 1 seines Reiches gilt.
Tatsaechlich existieren zwei Systeme. Das zweite sehen wir uns bei der Datierung in Aegypten genauer an.
Die Babylonier und Perser nannten den Abschnitt zwischen dem Tod des alten Koenigs, oder einem anderen Ereignis, das seine Herrschaft beendete, und dem Beginn des naechsten vollen Jahres resh sharruti. Das war sein „Beitrittsjahr“, ohne besondere Nummerierung. Fuer den Teil dieses Jahres, in dem der alte Koenig noch regierte, bleibt es also zugleich dessen letzte nummerierte Jahresangabe.
Jahr 1 beginnt folglich erst mit dem ersten Tag des folgenden Jahres.
Nehmen wir ein Beispiel aus der Babylonian Chronology von Parker und Dubberstein.
Nabopolassar starb am 8. Abu im 21. Jahr seiner Herrschaft, was dem 12. April 605 v. Chr. im julianischen Kalender entspricht. Sein Sohn Nebukadnezar II. bestieg den Thron am 1. Ululu seines ... Beitrittsjahres, was dem 7. September 605 v. Chr. im julianischen Kalender entspricht.
Erst am 1. Nisanu des folgenden Jahres, also am 22. Maerz 603 v. Chr., befinden wir uns im ersten Regierungsjahr Nebukadnezars II.
Dieses System mit einem gesonderten Beitrittsjahr ist im Grunde nicht besonders kompliziert. Das Problem fuer Historiker besteht darin, zu wissen, ob die von ihnen ausgewerteten Dokumente im einen oder im anderen System abgefasst wurden.
Die Zaehlung der Jahre in Aegypten
Die Aegypter verwendeten, wie die Babylonier, das System der Regierungsjahre.
Die Zaehlung unterschied sich jedoch insofern, als sie das Jahr des Regierungsantritts des Pharaos bereits als erstes Regierungsjahr betrachteten. Der neue Herrscher erhielt dieses Jahr also gutgeschrieben, waehrend das letzte Regierungsjahr seines Vorgaengers schon im vorangehenden Jahr endete. Man findet denn auch Texte vom Typ: „im Monat Athyr des zweiten Jahres Hadrians, das zugleich das erste des Antoninus Caesar ist“.
Eine der Schwierigkeiten dieses Systems besteht darin, zu wissen, was genau unter einem Regierungsjahr zu verstehen ist.
Im Allgemeinen entspricht es dem aegyptischen Ziviljahr. Es scheint aber, dass im Neuen Reich der Beginn des Regierungsjahres mit dem Jahrestag des Herrschaftsantritts zusammenfiel.
Und selbst wenn das Regierungsjahr dem Ziviljahr entspricht, muss man noch fragen, ob dieses offizielle Regierungsjahr wirklich am 1. Thot begann. Denn in ptolemaeischer Zeit, noch vor Ptolemaios V., als sich makedonischer und aegyptischer Kalender noch nicht deckten, war der makedonische Kalender zum offiziellen Kalender geworden.
Wenn man all die moeglichen Varianten dieses Systems bedenkt, besonders beim Jahresbeginn, versteht man besser, was Chris Bennett, dessen Website hier zu finden ist, ueber die ptolemaeische Zeit schreibt: «Es gab vier Systeme zur Datierung von Jahren ... die aegyptischen Regierungsjahre, das aegyptische Finanzjahr, die makedonischen Regierungsjahre und die Regierungsjahre des Augustus.»
Ein Beispiel: der Palermo-Stein
Wie sein Name sagt, befindet sich dieser Basaltstein im archaeologischen Museum von Palermo.
Tatsaechlich ist er nur ein Fragment, 43 Zentimeter hoch und 25 Zentimeter breit, einer groesseren rechteckigen Stele. Beide Seiten tragen die Koeniglichen Annalen von den ersten aegyptischen Koenigen bis zur 5. Dynastie.
Jede „Zeile“ ist in drei Teile gegliedert. Von oben nach unten zeigen sie den Namen des Koenigs, die wichtigen Ereignisse des jeweiligen Jahres und die Hoehe der Nilflut.
Uns interessieren hier die Jahre. Sie erscheinen als Rechtecke, voneinander getrennt durch eine Linie, die in eine nach links gebogene Kurve auslaeuft. Dieses Zeichen stellt ein Palmblatt dar und ist das Symbol fuer das Jahr.
Die Jahre werden als Rechtecke dargestellt, die durch eine Linie voneinander getrennt sind, welche mit einer nach links gebogenen Kurve endet. Das ist das Zeichen des Palmblatts und das Symbol des Jahres.
Man erkennt, dass das mittlere Jahr durch eine senkrechte Linie geteilt wird, die sich oberhalb des Jahresrechtecks fortsetzt. Diese Linie steht ganz einfach fuer einen Herrscherwechsel. Da Hieroglyphen von rechts nach links gelesen werden, handelt es sich hier um den Uebergang von der Herrschaft Khasekhemuis, des letzten Herrschers der 2. Thinitischen Dynastie, zu der seines Sohnes Djoser.
Dieses Ereignis ist im rechten Teil des Rechtecks datiert: zwei Mondsicheln fuer zwei Monate, zwei umgekehrte U fuer zweimal zehn Tage und drei senkrechte Striche fuer drei Tage. Der Herrschaftswechsel fand also zwei Monate und 23 Tage nach Jahresbeginn statt, also 83 Tage nach Beginn des Jahres.
Dieses kleine Beispiel bestaetigt genau das System, das wir weiter oben gesehen haben: Ein Jahr kann zugleich das erste eines neuen und das letzte eines vorherigen Herrschers sein.
Die Zaehlung der Jahre in Griechenland
Auf die Olympiaden, einen erst spaet verwendeten Zyklus, ab dem 2. Jahrhundert v. Chr., ueber den wir bereits hier gesprochen haben, kommen wir nicht mehr zurueck, ausser um zu praezisieren, dass das olympische Jahr von der Mitte des Sommers, wahrscheinlich dem Sommer-Solstitium, bis zur Mitte des folgenden Sommers reichte.
Da ich keine Seite gefunden habe, die diese Olympiaden vollstaendig auflistet, verweise ich wenigstens auf die Formeln, mit denen man von einem Jahr des Zyklus zum julianischen Jahr und zurueck gelangt:
Bei den Griechen findet sich daneben ein Datierungssystem, das dem assyrischen Limmu-System entspricht.
Jedes Jahr wird mit dem Namen einer Person verbunden, die im selben Zeitraum eine administrative, politische oder religioese Funktion ausuebt.
Und da die Abstimmung der Kalender zwischen den Stadtstaaten nicht eben zu den Lieblingsbeschaeftigungen der Griechen gehoerte, entsteht eine Art „chronologische Triangulation“, um sich in der Abfolge der Jahre wenigstens halbwegs zurechtzufinden.
Um diese Bezuge auf Eponyme zu verstehen, nehmen wir einige Beispiele aus Thukydides' Peloponnesischem Krieg.
Die bekannteste Stelle duerfte diese sein: «Im Verlauf des fuenfzehnten Jahres, als Chrysis seit achtundvierzig Jahren Priesterin in Argos war, Aenesias Ephor in Sparta und Pythodoros in Athen noch vier Monate das Archontat auszuueben hatte ...» 2.2.1.
In diesem Beispiel sieht man die „chronologische Triangulation“ an drei Namen:
- Chrysis, Priesterin in Argos. Dieses Amt war, anders als die beiden anderen, ein Amt auf Lebenszeit.
- Aenesias, Ephor in Sparta. Der Ephor war einer der fuenf Magistrate Spartas, die gemeinsam die Regierung bildeten. Ihre Amtszeit betrug ein Jahr.
- Pythodoros, Archont in Athen. Der eponyme Archont war in Athen der eigentliche Leiter der Stadt und uebte die hoechsten Aufgaben in Zivilverwaltung und oeffentlicher Rechtsprechung aus. Andere Archonten gab es ebenfalls, aber der hier gemeinte steht am Ursprung des Begriffs eponym. Eine Liste der eponymen Archonten Athens findet sich hier.
Fielen Amtsantritt der Archonten und Ephoren mit dem Beginn des Ziviljahres zusammen? Gluecklich waere, wer darauf mit Gewissheit antworten koennte.
Das Problem ist selbst fuer die Griechen so komplex, dass Thukydides persoenlich noch den Verweis auf einen „saisonalen Kalender“ hinzufuegt, der ihm offenbar praeziser erscheint als die Archontate:
„5.20.1-2: Dieser Frieden wurde gegen Ende des Winters, zu Beginn des Fruehlings, sofort nach den Dionysien geschlossen, jenen Festen, die in der Stadt gefeiert werden ... Diese Methode ist nicht ganz genau, denn ein Ereignis kann am Anfang, in der Mitte oder irgendwann im Verlauf eines solchen Magistrats stattgefunden haben. Wenn man aber, wie ich es getan habe, nach Sommern und Wintern zaehlt, sieht man, dass sich dieser erste Teil des Krieges auf zehn Sommer und ebenso viele Winter erstreckte, weil die Summe dieser Jahreszeiten ein Jahr bildet.
Damit sind wir mit den Eponymen noch nicht am Ende. Man liest auch:
„4.118.12: Das Volk der Athener, waehrend die Phyle Akamantis Prytanie hatte, Phsenippos Schriftfuehrer war und Nikiades Epistates, hat auf Vorschlag des Laches Folgendes beschlossen ...
Was Prytanen und Epistaten genau waren, erklaert Wikipedia hier. Diesmal befinden wir uns in einer politischen Jahreszaehlung, die bis zur Angabe eines ganz bestimmten Tages geht, denn der Epistates wechselte taeglich.
In griechischen Jahren ist es also nicht leicht, sich zurechtzufinden, wenn man die Listen der Eponyme nicht auswendig kennt.
Die Zaehlung der Jahre in Rom
Obwohl diese „Nummerierung“ der Jahre ueber Eponymenlisten den grossen Nachteil hat, dass man die Listen auswendig kennen muss, findet sich ein entsprechendes System auch in Rom.
Hier dienen die Konsuln, immer zwei, dazu, sich so gut es eben geht in der Folge der Jahre zurechtzufinden.
Solche Listen von Konsuln finden sich auf Wikipedia. Sie heissen die Konsularfasten.
Titus Livius benutzte diese Listen ausgiebig in seiner Roemischen Geschichte, Ab urbe condita. Er stellte auch selbst solche Listen zusammen und beklagte sich dabei ueber die Schwierigkeit dieser Arbeit:
„Titus Livius, II, 21, Tod des Tarquinius Superbus: ... In den drei folgenden Jahren gab es weder wirklichen Frieden noch wirklichen Krieg. Konsuln waren Quintus Cloelius und Titus Larcius, dann Aulus Sempronius und Marcus Minucius, unter denen die Weihe des Saturntempels stattfand und die Saturnalien eingesetzt wurden. Auf sie folgten Aulus Postumius und Titus Verginius. Bei einigen Autoren finde ich, dass erst in diesem Jahr die Schlacht am Regillussee stattfand, dass Aulus Postumius, aus Misstrauen gegen seinen Kollegen, das Konsulat niederlegte und zum Diktator ernannt wurde. Die Verschiedenheit der Ueberlieferungen ueber die Reihenfolge der Magistrate fuehrt zu so vielen chronologischen Irrtuemern, dass man in so grossem Abstand zu den Ereignissen und den Historikern weder die Konsuln noch die Ereignisse jedes einzelnen Jahres mit Sicherheit bestimmen kann.
Auch die Regierungsjahre tauchen in Rom wieder als System der Jahreszaehlung auf, naemlich die Regierungsjahre der Kaiser.
Verlassen wir Rom nicht, ohne den cursus honorum, die Aemterlaufbahn, zu erwaehnen. Fuer die allgemeine Jahreszaehlung war sie zwar nicht direkt nuetzlich, aber fuer die Biographie eines bestimmten Individuums setzte sie wichtige Markierungen.
Diese Ehrenaemter mussten in einer festgelegten Reihenfolge und jeweils mit einem Mindestalter durchlaufen werden.
- Die Konsuln, ueber die wir bereits gesprochen haben. Mindestalter: 42 Jahre.
- Die Praetoren, zuständig fuer die Rechtsprechung. Mindestalter: 40 Jahre.
- Die Aedilen, mit kommunalen Aufgaben. Mindestalter: 36 Jahre.
- Die Quaestoren, fuer die Finanzen. Mindestalter: 30 Jahre.
- Die Censoren, fuer die Volkszaehlung. Mindestalter: 44 Jahre.
- Die Volkstribunen, als Vertreter des Volkes. Mindestalter: 27 Jahre.
Mehr dazu hier.
Aus der Zahl der Jahre, die jemand in einem Amt verbringt, laesst sich so etwas wie sein „amtlicher Stammbaum“ erstellen:
„Tacitus, Annalen, Urteile ueber Augustus 1,9: Augustus selbst wurde Gegenstand tausendfacher Gespraeche. ... Man zaehlte seine Konsulate, zusammen so viele wie die des Marius und des Valerius Corvus, seine siebenunddreissig aufeinanderfolgenden Jahre tribunizischer Gewalt, den einundzwanzigmal verliehenen Titel Imperator und so viele andere Ehren, oft wiederholt, oft voellig neu.
Die Zaehlung der Jahre bei Hebraeern und Juden
Sich in den verschiedenen Datierungssystemen zurechtzufinden, die die Juden im Lauf der Jahrhunderte verwendeten, ist keine Kleinigkeit.
Wir werden daher bescheidener vorgehen und nur einen ersten Zugang zu diesen Systemen versuchen, die sich kreuzen, ergaenzen und einander manchmal widersprechen.
Wenn wir gelegentlich die Bibel heranziehen, dann keineswegs, um eine biblische Chronologie zu entwerfen. Ich teile in dieser Frage im Uebrigen voll und ganz die Ansicht Christian Robins, Forschungsdirektor fuer alte semitische Studien am CNRS: „Die Bibel ist kein Geschichtshandbuch.“
Wo anfangen?
Am besten vielleicht mit einem Text, der die verwendeten Systeme aufzählt. Dann koennen wir sie nacheinander durchgehen und die jeweils auftretenden Schwierigkeiten notieren.
Der Text stammt vom Rabbi Baruch Epstein, 1860 bis 1941, dem Autor von Torah Temimah, einem Kommentar zur Tora: «So war es Brauch, die Jahre vom Auszug aus Aegypten bis zum Bau des Tempels von Jerusalem durch Salomo zu zaehlen. Danach zaehlte man nach diesem Datum weiter. Nach seiner Zerstoerung zaehlte man nach den Jahren des Exils. Spaeter zaehlte man nach Regierungsjahren: im zweiten Jahr der Herrschaft Dareios' II. oder im zweiten Jahr der Herrschaft Nebukadnezars II. Heute zaehlen wir die Jahre seit der Schoepfung der Welt.»
In diesem Satz finden sich die grossen Wendepunkte der juedischen Geschichte: der Auszug aus Aegypten, der Bau des Tempels, die Deportation. Es fehlen nur der Wiederaufbau und die erneute Zerstoerung des Tempels. Und auch das Jubel- und Sabbatjahr-System duerfen wir nicht uebergehen. Darauf kommen wir weiter unten zurueck.
Auffaellig ist zudem, dass, abgesehen von der Datierung nach der Weltaera, also Anno mundi, die universell sein will, und abgesehen von den Regierungsjahren, alle anderen Systeme genuin juedisch sind.
Ein wenig Aufraeumen
Wenn man nicht ueberall Datierungssysteme und Aeren sehen will, kann man eine einzelne Zeitreferenz noch nicht als neues System bezeichnen. Erst wenn vom betreffenden Ereignis oder Herrscher aus in groesserem Massstab und ueber laengere Zeit gezaehlt wird, kann man davon sprechen.
Deshalb streichen wir den Auszug aus Aegypten aus unserer Liste eigentlicher Datierungssysteme. Gewiss findet sich diese Referenz in 1 Koenige 6,1, «Es war im vierhundertachtzigsten Jahr nach dem Auszug der Kinder Israels aus Aegypten, dass Salomo das Haus des Herrn baute», aber das ist eher eine isolierte Bezugnahme.
Dasselbe gilt fuer den Bau und die Zerstoerung des ersten Tempels.
Nach Jack Finegan, dessen Handbook of Biblical Chronology hier einschlaegig ist, wurde allerdings eine Aera bis in mittelalterliche Schriften verwendet: die Aera der Zerstoerung des zweiten Tempels. Ihr Beginn stellt sich so dar:
| Jahr der Aera | Beginn des Jahres | Ende des Jahres |
|---|---|---|
| 1 | 9 Ab = 5. August 70 | 30 Elul = 24. September 70 |
| 2 | 1 Tishri = 25. September 70 | 29 Elul = 13. Oktober 71 |
| 3 | 1 Tishri = 14. Oktober 71 | 30 Elul = 2. Oktober 72 |
| 4 | 1 Tishri = 3. Oktober 72 | 29 Elul = 21. September 73 |
| 5 | 1 Tishri = 22. September 73 | 29 Elul = 10. Oktober 74 |
Auf den 1. Tishri als Jahresbeginn ab dem zweiten Jahr dieser Aera kommen wir spaeter noch zurueck.
Regierungsjahre und seleukidische Aera
A) Regierungsjahre
Die Juden praktizierten, wie Babylonier und Aegypter, das System der Regierungsjahre.
Und weil wir dieses System bereits genauer betrachtet haben, koennte es eigentlich genuegen zu sagen, dass das erste Regierungsjahr jenes Jahr ist, in dem der kuenftige Koenig den Thron besteigt. Aber ganz so einfach ist es nicht. Wir muessen noch genauer hinsehen, denn einige Schwierigkeiten dieses Systems wirken bis heute nach.
Der Ursprung dieser Schwierigkeiten laesst sich in einer einzigen Frage zusammenfassen: Wann beginnt in der Zaehlung der Regierungsjahre das Jahr? Anders gesagt: An welchem Kalendertag springt ein Regierungsjahr ins naechste?
Einen ersten Hinweis finden wir in der Mischna, genauer im Traktat Rosch ha-Schana, der sagt:
„«Es gibt vier Jahresanfaenge: der erste des Monats Nissan ist Neujahr fuer die Koenige und die Feste. Der erste des Monats Elul ist Neujahr fuer den Viehzehnten; Rabbi Elasar und Rabbi Schimon sagen, das gelte erst am ersten Tishri. Der erste des Monats Tishri ist der Jahresanfang fuer die Jahre, die Schemitta-Jahre und die Jubeljahre, fuer Pflanzungen und Gemuese. Der erste des Monats Schevat ist der Jahresanfang fuer die Baeume nach der Schule Schammais; die Schule Hillels sagt, es sei der fuenfzehnte dieses Monats.» Rosch ha-Schana 1:1
Der erste dieser Jahresanfaenge, der uns hier interessiert, ist der 1. Nissan. Zu diesem Datum wechseln also die Regierungsjahre der Koenige. Ein Beispiel findet sich in der Bibel:
„«Es war im vierhundertachtzigsten Jahr nach dem Auszug der Kinder Israels aus dem Land Aegypten, dass Salomo das Haus des Herrn baute, im vierten Jahr seiner Herrschaft ueber Israel, im Monat Ziv, das ist der zweite Monat.» 1 Koenige 6,1
Wir wissen, dass Ziv im alten kanaanaeischen Kalender der zweite Monat war
Epstein, wiederum er, bestaetigt das System, von dem wir weiter oben bereits gesprochen haben: «Wenn ein Koenig am 29. Adar den Thron besteigt, so gilt er bereits mit dem Beginn des 1. Nissan als ein Jahr regierend. Daraus lernen wir, dass Nissan fuer die Koenige Neujahr ist und dass ein einziger Tag in einem Jahr als ein Jahr gerechnet wird. Besteigt er dagegen den Thron am 1. Nissan, dann gilt er nicht als ein Jahr regierend, bevor der folgende 1. Nissan nicht verstrichen ist.» Epstein, BT 2.
Wie die Mischna sehr klar sagt, ist dieses Zaehlsystem, mit Ausnahme der Feste, ausschliesslich den Koenigen vorbehalten.
Einige Rabbiner behaupten sogar, es gelte nur fuer die Koenige Israels. Fuer fremde Koenige, Perser, Aegypter und andere, muesse man den zweiten Typ von Jahren anwenden, der am 1. Tishri beginnt, denn dies sei „der Jahresbeginn fuer die Jahre, die Schemitta-Jahre ...“.
Zur Begruendung eines solchen Systems verweist man auf zwei Verse aus dem Buch Nehemia:
„Neh 1,1: Worte Nehemias, des Sohnes Hachaljas. Im Monat Kislew, im zwanzigsten Jahr, als ich in Susa, der Burg, war ...
„Neh 2,1: Im Monat Nisan, im zwanzigsten Jahr des Koenigs Artaxerxes, als Wein vor ihm stand, nahm ich den Wein und reichte ihn dem Koenig.
Die Argumentation lautet dann:
- Das in 1,1 erwaehnte Ereignis geht dem in 2,1 genannten chronologisch voraus.
- Also liegt Kislew vor Nisan, und Nisan kann nicht der erste Monat des Jahres sein.
- Folglich muss der 1. Tishri der Beginn des Regierungsjahres bei anderen Koenigen als den Koenigen Israels sein.
Dieses Argument funktioniert allerdings nur, wenn beide Verse tatsaechlich dasselbe, das zwanzigste Regierungsjahr Artaxerxes, meinen. Das ist ein eher duennes Argument. Vielleicht gibt es weitere.
B) Die seleukidische Aera
Unter den Herrscherjahren, die fuer die Juden zu chronologischen Bezugspunkten wurden, verdient eines besondere Aufmerksamkeit, schon wegen seiner Verbreitung und Langlebigkeit. Es wurde zu einer eigentlichen Aera: der seleukidischen Aera.
Und selbst diese Aera stellt uns noch vor Probleme, denn ihr Ausgangsdatum variiert. Die Juden machten es sich also auch hier nicht gerade einfach.
„Die seleukidische Aera beginnt eigentlich am 1. Dios, also am 7. Oktober 312 v. Chr. Sie entspricht jedoch nicht dem Regierungsantritt Seleukos' I. Nikator, sondern seinem Sieg ueber Demetrios Poliorketes in der Schlacht von Gaza. Erst 305 v. Chr. wurde Seleukos Koenig von Babylon.
Sein Sohn Antiochos I. Soter begann dann keine neue Reihe von Regierungsjahren, sondern fuehrte die Zaehlung seines Vaters fort. Die folgenden Koenige taten dasselbe. So war die seleukidische Aera geboren.
Man kann sich fragen, warum ueberhaupt so gezaehlt wurde. Eine moegliche Erklaerung ist, dass Seleukos den babylonischen Kalender mitsamt seinem 19-jaehrigen Interkalationszyklus uebernommen hatte. Technisch war es schwierig, diesen Zyklus aufrechtzuerhalten, wenn bei jedem Herrscherwechsel die Zaehlung neu begonnen haette.
Damit die seleukidische Aera in Kleinasien und im Orient breit verwendet werden konnte, musste ihr erstes Datum dem ersten Tag des jeweiligen Jahres des Landes angepasst werden, das sie uebernahm.
So entstanden mehrere Varianten, je nachdem, ob im betreffenden Land das Jahr im Fruehling oder im Herbst begann. Hinzu kam noch die Frage, ob man das Jahr des Ereignisses als „Jahr null“, also als Beitrittsjahr, oder bereits als Jahr 1 betrachtete.
So schoben die Juden Babyloniens und Chaldaeas dieses Datum, also den 1. Dios 312 v. Chr., auf den 1. Nissan 311 v. Chr. vor und trugen diese Form spaeter nach Palaestina. In Syrien und Kleinasien blieb man dagegen beim 1. Tishri 312 v. Chr.
So kommen wir fuer die seleukidische Aera zu zwei Abkuerzungen: SEB im babylonischen Kalender und SEM im makedonischen Kalender.
Dieses auf der seleukidischen Aera beruhende Datierungssystem, gleichgueltig, ob mit SEB oder SEM gerechnet wurde, wurde von Juden sehr frueh verwendet und blieb lange in Gebrauch, unter verschiedenen Bezeichnungen: minian yevani, „Zeit der Griechen“, malkhut yavan, „griechische Herrschaft“, malkhut paras, „persische Herrschaft“, oder minian shetarot, „Aera der Vertraege“.
All diese Benennungen duerfen uns nicht darueber hinwegtäuschen, dass es sich um ein fuer die Juden aeußeres System handelte, das von Schreibern und Beamten verwendet wurde, um Vertraege und Kaufgeschaefte zu datieren. Wenn Juden in Frankreich ihre kommerziellen Transaktionen nach dem gregorianischen Kalender datieren, sagt uns das nichts ueber ihren religioesen Kalender. Genauso wenig ist die Verwendung der seleukidischen Aera und des dazugehoerigen Kalenders als genuin juedische Tatsache zu werten. Es ist schlicht die Verwendung des offiziellen Kalenders des herrschenden Landes. Vermutlich deswegen wird die seleukidische Aera haeufig mit einer rein juedischen Datierung kombiniert, etwa mit der Zerstoerung des Tempels oder mit der Schoepfungsaera.
Wie lange wurde die seleukidische Aera von Juden verwendet?
- Sehr frueh, denn sie begegnet bereits in den Makkabaeerbuechern. Gerade dort zeigt sich auch das Problem der doppelten Ausgangsdaten, SEB und SEM.
- „Und Koenig Antiochos starb dort im Jahr hundertneunundvierzig.“ 1 Makk 6,16. Das ist eine SEB-Datierung.
- «Im Jahr hunderteinundvierzig, am vierundzwanzigsten des Monats Dioskorinthios ... Unser Vater ist zu den Goettern versetzt worden.» 2 Makk 11,21-23. Das ist eine SEM-Datierung.
- Abgeschafft wurde sie angeblich von David ibn Zimra im Jahr 1527. Nach Sylvie Anne Goldberg, in ihrem sehr gut dokumentierten und faszinierenden Buch La Clepsydre, wurde sie von den Juden des Jemen sogar noch bis ins 20. Jahrhundert benutzt.
C) Die Weltaera oder Schoepfungsaera, Anno mundi = AM
Obwohl in Texten wie dem Seder Olam Rabbah oder dem Talmud, die die Lebenszeiten und Alter der biblischen Gestalten sowie die Laengen verschiedener historischer Perioden zusammenstellten, bereits alle Zutaten fuer eine Schoepfungsaera vorhanden waren, trat diese Aera als eigentliche Aera erst spaet auf, im 5. Jahrhundert, und verbreitete sich noch spaeter, etwa zur Zeit Maimonides im 12. Jahrhundert.
Um den Ausgangspunkt einer Aera festzulegen, muss man ihn mithilfe eines anderen, in einem anderen Kalender sicher bekannten Datums verankern. Als Anker diente hier das Datum der Zerstoerung des zweiten Tempels. Fuer unsere Zwecke beziehen wir uns auf den julianischen Kalender ohne Jahr null, um den Beginn der Schoepfungsaera zu bestimmen.
Ganz einfach ist das nicht. Je nach den Texten, die man datieren will, und je nach ihrer Entstehungszeit, erhalten dieselben Ereignisse in der Schoepfungsaera unterschiedliche Jahreszahlen. Das Jahr der Zerstoerung des zweiten Tempels kann so, je nach Text, als 3828, 3829 oder 3830 der Schoepfung angegeben werden.
Und weil es eben nicht einfach ist, gehen wir Schritt fuer Schritt vor. Den Fachleuten fuer Chronologie sei gesagt: Sie waren gewarnt, diese Seite ist nicht fuer sie geschrieben.
Bevor wir beginnen, erinnern wir uns an ein paar Kleinigkeiten:
- Die Hebraeer und Juden teilen die Stunde in 1080 halakim. Ein halakim entspricht also 3 1/3 Sekunden.
- Im juedischen System beginnt der Tag um 18 Uhr. Unser Sonntag 18 Uhr entspricht dort also Montag 0 Uhr.
- Jedem Buchstaben des hebraeischen Alphabets ist ein Zahlenwert zugeordnet. Die Tabelle dazu findet sich auf Wikipedia hier.
- Im juedischen Zeitsystem nennt man molad den Zeitpunkt der Konjunktion von Mond und Sonne, also den Neumondzeitpunkt.
Damit koennen wir ein kleines Raetsel ansprechen. Vergleicht man die verschiedenen Texte, Genesis, masoretische Texte, Seder Olam und andere, stellt man fest, dass die Berechnungen der Zeitspannen weit auseinandergehen. Nach rund 200 unterschiedlichen Berechnungen laege der Jahresbeginn der Weltschoepfung nach der Bibel irgendwo zwischen 6984 und 3483 v. Chr. im julianischen Kalender. Warum am Ende dennoch das Jahr 3761 als Jahr der Schoepfung gewaehlt wurde, ich sage bewusst nicht als Jahr 1 der Chronologie, bleibt ein Raetsel.
Nehmen wir also 3761 v. Chr. an. Dann muessen wir nur noch feststellen, welches Ereignis den Start der Zaehlung markiert und welcher Monat der erste Monat dieser Zaehlung ist.
Was den Monat betrifft, hatten wir weiter oben gesehen, dass eigentlich Nissan oder Tishri in Frage kommen. Trotz einiger Anhaenger des Nissan weist der Talmud dem Monat Tishri die Rolle des Jahreswechsels zu. Damit ist die Sache entschieden.
Bleibt nur noch die Frage, von welchem Zeitpunkt an der „Startschuss“ der Zaehlung abgegeben wird, die es uns erlauben soll zu sagen, die Sintflut war im Jahr XXXX, die Zerstoerung des ersten Tempels im Jahr XXX und die erste Runde der franzoesischen Praesidentschaftswahl 2007 faellt auf das Jahr 5767 AM.
Diese Frage fuehrt uns zu drei moeglichen Zaehlungen, die alle zu verschiedenen Zeiten verwendet wurden. Sie unterscheiden sich darin, ob sie ein Jahr null voraussetzen und ob sie von der Schoepfung der Welt oder von der Erschaffung Adams ausgehen.
C-1) Erste Zaehlung, im Ueberblick AM1
Dies ist die heute gebraeuchliche Zaehlung. Wie die anderen geht sie gemaess den Texten davon aus, dass Adam und Eva an einem 1. Tishri erschaffen wurden.
Nach dem Bericht der Genesis wurde der Mensch am sechsten Tag erschaffen. Diese Differenz von fuenf Tagen muss also beruecksichtigt werden. In der AM1-Zaehlung gehoeren diese fuenf Tage bereits zum ersten Jahr der Schoepfung. Genau dieses Jahr ist Jahr 1 der Zaehlung.
Selbstverstaendlich beginnt dieses Jahr 1 am 1. Tishri. Nun haben wir jedoch ein Problem: Wie soll man den molad eines Jahres berechnen, in dem der Mond noch gar nicht erschaffen war? Der Mond entstand schliesslich erst am vierten Tag. Ganz einfach, indem man einen grossen Teil dieses Jahres als rein virtuell betrachtet. Erst am 25. Ellul verlassen wir diese virtuelle Welt und treten in die wirkliche Welt ein: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.“ Genesis 1,1.
Wegen dieser Vorstellung einer „virtuellen Welt“ traegt der molad des zugehoerigen Jahres einen besonderen Namen: Molad Tohu, was sich als „Lunation des Chaos“ uebersetzen laesst. In der Genesis heisst es dazu: „Die Erde aber war wuest und leer.“ Genesis 1,2.
Molad Tohu hat noch einen mnemotechnischen Namen, der auf der Zahlenwertigkeit der hebraeischen Buchstaben beruht: Molad BeHaR"D. Uebersetzen wir die Buchstaben in Zahlen: B = 2, H = 5, R = 200, D = 4, der Rest dient dem Merken. Der erste Wert steht fuer den Wochentag, 1 = Sonntag, 2 = Montag und so weiter, der zweite fuer die Stunde, die uebrigen fuer die Halakim. Damit ist klar: Molad Tohu faellt auf Montag, B = 2, die fuenfte Stunde, H = 5, und 204 Halakim, also 11 Minuten und 20 Sekunden.
Der molad des virtuellen Schoepfungsjahres fiel also im juedischen System auf Montag, 1. Tishri, 5 Uhr 11 Minuten 20 Sekunden Jerusalemer Zeit. Das entspricht, da Montag 0 Uhr im juedischen System unser Sonntag 18 Uhr ist, dem Sonntag, 6. Oktober 3761 v. Chr., 23 Uhr 11 Minuten 20 Sekunden.
Man muss gut verstehen, dass dieses erste Jahr in der AM1-Zaehlung nur 5 Tage und 14 Stunden umfasst, die zur Schoepfungsaera gehoeren. Diese Aera ist die einzige, die ihren Namen wirklich verdient, denn der Rang ihres ersten Jahres geht auf die ersten Augenblicke des Universums selbst zurueck.
C-2) Zweite Zaehlung, im Ueberblick AA1, und dritte Zaehlung, AA2
Diese beiden Zaehlungen setzen bei der Erschaffung Adams ein. Daher spricht man manchmal von Anno Adami, also AA. Es sind diese Systeme, die in alten Texten verwendet werden.
Der einzige Unterschied zwischen ihnen besteht darin, dass die eine, AA1, kein Jahr null verwendet und direkt von der Erschaffung Adams an zaehlt, wie es talmudische Angaben nahelegen, waehrend die andere, AA2, erst von dem Jahr an zaehlt, in dem Adam ein Jahr alt ist, entsprechend dem Seder Olam.
Als Merkhilfen gelten:
- AA1 = Molad VaYaD: V = 6 = Freitag; YaD = 14. Also Freitag, 14 Uhr im juedischen System, entsprechend Freitag, 8 Uhr in unserem Stundensystem.
- AA2 = Molad G'K„B TT'V, bei der Formulierung bin ich nicht ganz sicher: G = 3 = Dienstag; K“B = 22; TT'V = 876. Also Dienstag, 22 Uhr und 876 Halakim im juedischen System, das entspricht Dienstag, 16 Uhr 48 Minuten 40 Sekunden in unserer Zaehlung.
Zum Abschluss dieses Abschnitts sehen wir uns eine Uebersichtstabelle an:
| Ereignis / Typ der Aera | AM1 | AA1 | AA2 |
|---|---|---|---|
| Erde des „Chaos“, Genesis 1,2 | 1 AM | ||
| Erschaffung Adams | 2 AM | 1 AM | |
| Erster Geburtstag Adams | 3 AM | 2 AM | 1 AM |
| Beginn der seleukidischen Aera | 3 450 AM | 3 449 AM | 3 448 AM |
| Beginn der christlichen Aera, 1 v. Chr. / 1 n. Chr. | 3 761 AM | 3 760 AM | 3 759 AM |
| Zerstoerung des zweiten Tempels | 3 830 AM | 3 829 AM | 3 828 AM |
Sabbatjahre und Jubeljahre
Wie die Woche gliedert sich auch der Zyklus der Sabbatjahre und der Zyklus des Jubeljahres um die Zahl 7.
So wie die Woche aus sieben Tagen besteht, mit einem besonderen siebten Tag, dem Sabbat, so besteht der Sabbatzyklus aus sieben Jahren, mit einem besonderen Jahr, dem Sabbatjahr, also Shemitta oder Schevi'it. Man kann also durchaus von einer „Woche von Jahren“ sprechen.
Der Jubelzyklus umfasst nicht weniger als sieben solcher Jahrwochen.
A) Der Sabbatzyklus
Wie wir oben im Traktat Rosch ha-Schana gesehen haben, beginnen die Jahre dieses Zyklus mit dem Monat Tishri.
In diesem Zyklus besitzt die Shemitta, also das letzte Jahr der Reihe, eine doppelte Besonderheit, deren Prinzip, wie Sylvie Anne Goldberg treffend schreibt, darin besteht, „die Zeitlichkeit der Menschen mit der der Erde zu verbinden“. Lesen wir dazu einige Bibelstellen.
Die Ruhe des Landes:
„Exodus 23, 10-11: Sechs Jahre sollst du dein Land besaeen und seinen Ertrag einbringen. Im siebten aber sollst du es ruhen lassen und brachliegen lassen. Die Armen deines Volkes sollen davon essen, und was uebrig bleibt, sollen die Tiere des Feldes fressen. Ebenso sollst du es mit deinem Weinberg und deinem Oelbaum halten.
Auch wenn das nicht unser eigentliches Thema ist, halten wir fest, dass dieses Jahr ohne Aussaat die naechste Ernte erst auf das neunte Jahr verschiebt. Man braucht schon ein gutes Mass Vertrauen in Gott, um diese Vorschrift zu befolgen. Die Einwaende beantwortet er uebrigens selbst:
„Levitikus 25, 20-22: Und wenn ihr sagt: Was sollen wir im siebten Jahr essen, wenn wir nicht saehen und unsere Ernte nicht einbringen? Dann werde ich euch in meinem Segen im sechsten Jahr so viel geben, dass es fuer drei Jahre reicht. Wenn ihr im achten Jahr sät, werdet ihr noch von der alten Ernte essen; bis ins neunte Jahr hinein, bis die neue Ernte kommt, werdet ihr von der alten essen.
Erlass der Schulden und Freilassung der Sklaven:
„Deuteronomium 15, 1-2: Nach Ablauf von sieben Jahren sollst du einen Erlass halten. Und so soll der Erlass geschehen: Jeder Glaeubiger soll erlassen, was er seinem Naechsten geliehen hat; er soll seinen Naechsten und seinen Bruder nicht draengen, wenn der Erlass des Herrn ausgerufen worden ist ...
„Deuteronomium 15, 12-15: Wenn dein hebräischer Bruder oder deine hebräische Schwester sich dir verkauft, soll er dir sechs Jahre dienen; im siebten Jahr sollst du ihn frei entlassen. Und wenn du ihn frei entlaesst, sollst du ihn nicht mit leeren Haenden fortschicken, sondern ihm reichlich mitgeben aus deiner Herde, aus deiner Tenne und aus deiner Kelter. Du sollst ihm geben, wie der Herr, dein Gott, dich gesegnet hat. Und du sollst daran denken, dass du im Land Aegypten Sklave warst und dass der Herr, dein Gott, dich befreit hat. Darum gebiete ich dir heute diese Sache.
Dieser ununterbrochene Siebenjahreszyklus kann als Datierungsinstrument dienen, vorausgesetzt, man kennt die Zyklusnummer und das Anfangsjahr des ersten Zyklus. So findet sich auf einer Grabstele aus der Region Zoar etwa folgender Text: «Hier ruht die Seele Esthers, der Tochter des Edyo, gestorben im Monat Schevat, im dritten Jahr des Brachjahrs, im Jahr 300 der Jahre nach der Zerstoerung des Tempelhauses. Frieden. Frieden.»
Wann begann der erste Sabbatzyklus, und wie lange wurde diese Praxis befolgt?
Was ihre Dauer betrifft, kann man sagen: bis ins 5. Jahrhundert n. Chr., ohne allerdings behaupten zu koennen, dass die Praxis ununterbrochen war.
Zum ersten Zyklus stimmen die Meinungen nicht besonders gut ueberein. Immerhin kann man annehmen, dass er kaum vor der Ankunft der Hebraeer in Palaestina und ihrer Besitznahme des ihnen von Gott zugesprochenen Landes angesetzt werden kann.
Die Jewish Encyclopedia erwaehnt eine erste Shemitta 21 Jahre nach der Ankunft der Hebraeer in Palaestina. Talmudische Berechnungen kommen auf ein erstes Sabbatjahr im Jahr 1240 v. Chr., entsprechend 2510 seit der Schoepfung. James Ussher, anglikanischer Erzbischof von Armagh, 1581 bis 1656, datiert das erste Sabbatjahr auf 1445 v. Chr., also 2560 seit der Schoepfung.
Kurz gesagt: Es ist nicht besonders riskant anzunehmen, dass niemand genau weiss, wann das erste Sabbatjahr stattfand. Zumal die Versuche, dies festzulegen, sich auf die Bibel stuetzen, und zwischen biblischer Erzaehlung und Geschichte ein erheblicher Abstand besteht.
Ab einer Zeit in der Naehe der Zerstoerung des zweiten Tempels werden die Angaben allerdings praeziser. So konnte Benedict Zuckermann 1856 in Ueber Sabbatjahrcyclus und Jobelperiode eine Tabelle der Sabbatjahre von 535/534 v. Chr., von ihm als Sabbatjahr angesehen, bis ... 2238/2239 n. Chr. veroeffentlichen. Diese Tabelle ist heute die am weitesten akzeptierte.
1973 veroeffentlichte Ben Zion Wacholder in The Calendar of Sabbatical Cycles during the Second Temple and the Early Rabbinic Period eine andere Tabelle fuer die Zeit von 519/518 v. Chr. bis 440/441 n. Chr., gestuetzt auf neue archaeologische Funde.
Die beiden Tabellen unterscheiden sich letztlich nur um ein Jahr. Wacholder setzt die Sabbatjahre jeweils ein Jahr spaeter an als Zuckermann.
1979 gab Donald Wilford Blosser Zuckermann wiederum recht, als er in Jesus and the Jubilee Luke 4:16-30: The Year of Jubilee and Its Significance in the Gospel of Luke seine eigene Tabelle fuer den Zeitraum 171/170 v. Chr. bis 75/76 n. Chr. vorlegte.
B) Der Jubelzyklus
Der Jubelrhythmus ist eng mit dem Sabbatrhythmus verbunden, denn das Jubeljahr bildet den Abschluss von sieben Sabbaten von Jahren.
Alle Vorschriften des Sabbatjahres gelten auch fuer das Jubeljahr, das man als eine intensivere Sabbatruhe hoeherer Ordnung betrachten kann.
Dazu kommt aber noch, dass im Jubeljahr «verkaufte Grundstuecke in diesem Jahr an ihren urspruenglichen Besitzer zurueckfallen sollten, damit niemand seines ererbten Besitzes beraubt werden konnte».
Wie verlaeuft dieser Jubelrhythmus? Lesen wir die Stelle, die ihn erklaert:
„Levitikus 25
...
...
25,8 Du sollst sieben Sabbate von Jahren zaehlen, siebenmal sieben Jahre, und die Tage dieser sieben Sabbate von Jahren werden neunundvierzig Jahre ausmachen.
25,9 Am zehnten Tag des siebten Monats sollst du die Posaune erschallen lassen; am Versoehnungstag sollt ihr die Posaune durch euer ganzes Land erschallen lassen.
25,10 Und ihr sollt das fuenfzigste Jahr heiligen und Freiheit ausrufen im Land fuer alle seine Bewohner. Es soll euch ein Jubel sein. Jeder von euch soll in seinen Besitz zurueckkehren, und jeder von euch soll zu seiner Sippe zurueckkehren.
25,11 Das fuenfzigste Jahr soll euch ein Jubel sein: Ihr sollt nicht saehen, nicht ernten, was von selbst waechst, und nicht lesen, was die unbeschnittene Rebe traegt.
25,12 Denn es ist ein Jubel; heilig soll er euch sein. Vom Feld sollt ihr seinen Ertrag essen.
25,13 In diesem Jubeljahr soll jeder von euch in seinen Besitz zurueckkehren.
...
25,20 Wenn ihr sagt: Was sollen wir im siebten Jahr essen, da wir weder saehen noch unsere Ernte einbringen?
25,21 Dann werde ich euch im sechsten Jahr meinen Segen geben, und es wird Ertrag fuer drei Jahre bringen.
25,22 Ihr werdet im achten Jahr saehen und von der alten Ernte essen; bis zur neunten, bis ihre Ernte kommt, werdet ihr von der alten essen.
25,23 Das Land darf nicht fuer immer verkauft werden, denn das Land gehoert mir; ihr seid bei mir nur Fremde und Beisassen.
Die Sache waere einfach, wenn man genau wuesste, wie das Jubeljahr innerhalb der Sabbatzyklen zu platzieren ist. Leider ist der Text nicht besonders klar, und es sind drei Deutungen entstanden, die offenbar auch angewandt wurden.
In den folgenden Tabellen sind Sabbatjahre mit S und Jubeljahre mit J gekennzeichnet.
- Die erste Deutung nimmt an, das Jubeljahr falle mit dem siebten Sabbatjahr des siebten Sabbatzyklus zusammen.
| 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 |
| S | S | S | S | S | S | S J | Neuer Zyklus | ||||||||||||||
| 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | |||||||||||||||
| 7 Sabbate von Jahren = 49 Jahre | |||||||||||||||||||||
Diese Deutung scheint schwer mit dem Text vereinbar, der vom Jubeljahr im fuenfzigsten Jahr spricht.
- Die zweite Deutung macht aus dem Jahr nach den sieben Sabbaten von Jahren das Jubeljahr und zugleich das erste Jahr eines neuen Zyklus von sieben Sabbaten von Jahren.
| 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 |
| S | S | S | S | S | S | S | J | ||||||||||||||
| 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | Neuer Zyklus | ||||||||||||||
| 7 Sabbate von Jahren = 49 Jahre | 50. Jahr | ||||||||||||||||||||
| 50 Jahre | |||||||||||||||||||||
Man sieht, dass diese Loesung, ebenso wie die folgende, dazu fuehrt, dass alle 49 Jahre zwei Brachjahre direkt aufeinanderfolgen. Nach einigen Exegeten erklaert sich dieses Doppel dadurch, dass Gott im sechsten Jahr Ertrag fuer drei Jahre gewaehre.
- Die dritte Deutung schiebt das Jubeljahr zwischen zwei Sabbatzyklen ein.
| 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | ... | 7/7 | 1/7 | |
| S | S | S | S | S | S | S | J | Neuer Zyklus | ||||||||||||||
| 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 7 Jahre | 50. Jahr | 51. Jahr | ||||||||||||||
| 7 Sabbate von Jahren = 49 Jahre | ||||||||||||||||||||||
Nach Sylvie Anne Goldberg wurden diese drei Deutungen im Lauf der Zeit tatsaechlich verwendet, wie Abraham bar Hiyya Ha-Nasi, 1070 bis vielleicht 1136, juedischer Mathematiker aus Spanien, berichtet:
- Von 2552 AM, dem Datum der ersten Brachlegung, bis zum Fall Samarias im Jahr 3037 AM bestanden die verwendeten Zyklen aus 51 Jahren.
- Danach wurden diese Zyklen unterbrochen, und die Jubeljahre faellen bis zum Fall Jerusalems im Jahr 3338 AM alle 49 Jahre.
- Zur Zeit des zweiten Tempels sei dann der 50-Jahre-Zyklus, bei dem das 50. Jahr zugleich Abschluss und Neubeginn markiert, wiederhergestellt worden.
Es gibt allerdings noch andere Einteilungen. Welche davon die richtige ist, wer koennte das mit Sicherheit sagen?