Ein wenig Geschichte
„Alfred Métraux (Die Inka, Éditions du Seuil): Der Begriff Inka ist mehrdeutig und hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch von seiner ursprünglichen Bedeutung entfernt: Herrscher. Der Souverän Perus war der Inka schlechthin, ein Titel, der auch den Mitgliedern seiner Familie und den mit ihm verwandten Linien verliehen wurde. [...] Heute bezeichnet dieses Wort, als Substantiv wie als Adjektiv, alles, was sich auf die Geschichte oder die Zivilisation der Inka-Dynastie bezieht. Es wird insbesondere auf das Volk angewandt, über das sie herrschte. [...]
Unter dem Namen Quechua bezeichneten die Missionare die runa-simi oder Sprache der Menschen; bis heute nennt man so die Indigenen, die sie sprechen. [...] Die Geschichte der Indianer Perus umfasst also zwei Perioden: jene der eigentlichen Inka, die im 16. Jahrhundert endet, und jene der Quechua, die sich bis in unsere Gegenwart fortsetzt [...].
Eckpunkte der Geschichte der Inka in Tabellenform
| Daten | Eckpunkte |
|---|---|
| 15.000 bis 5.000 v. Chr. | Lithische Periode -10.000 erste Lebensspuren in Peru (Felsmalereien, Pfeilspitzen ...) - 6.000 Sesshaftwerdung und Domestikation von Tieren (Lama) |
| 5000 bis 1800 v. Chr. | Archaische Periode - 2.500 Intensivierung der Landwirtschaft und Entwicklung von Bewässerungstechniken - 1.800 Herstellung von Keramik |
| 1800 bis 500 v. Chr. | Formative Periode - 1.800 bis 1.200: frühe Formativzeit. Bauerndörfer. Erste Metallobjekte - 1.200 bis 500: späte Formativzeit. Entwicklung und Ausbreitung der Chavín-Kultur. |
| 500 v. Chr. bis 700 n. Chr. | Periode regionaler Entwicklung. Nach dem Niedergang der Chavín-Zivilisation entstehen im Süden regionale Kulturen: Mochica an der Nordküste, Lima an der Zentralküste, Nazca an der Südküste, Tiahuanaco nahe dem Titicacasee. |
| 500 bis 1000 n. Chr. | Wari-Reich. Im Süden der Sierra erlebt die Wari-Kultur (Becken von Ayacucho) ihren Aufstieg und prägt einen großen Teil des Landes, bevor sie allmählich zusammen mit der gleichnamigen Stadt verblasst. |
| 1000 bis 1450 | Periode regionaler Staaten. Entstehung lokaler Herrschaftsgebilde um die großen urbanen Zentren |
| Um 1200 n. Chr. | Beginn des Inka-Staates. Gründung der Hauptstadt: Cuzco |
| 1200 bis 1438 | Herrschaft der halblegendären Inka: Manco-Capac, Sinchi-Rocha, Lloque Yupanqui, Mayta-Capac, Capac-Yupanqui, Inca-Roca, Yahuar-Huaca, Viracocha-Inca. |
| 1438 - 1471 | Herrschaft Pachacuti Inca Yupanquis |
| 1471 - 1493 | Herrschaft Topa Inca Yupanquis |
| 1493 - 1527 | Herrschaft Huayna Capacs |
| 1527 | Pizarro landet in Tumbez und entdeckt das Reich der Inka. |
| 1531 - 1532 | Dritte Expedition Pizarros und Besetzung von Tumbez |
| Juni 1532 | Pizarro gründet die erste spanische Stadt in Peru, San Miguel (heute Piura) |
| 1533 | Ermordung Huascars auf Befehl Atahuallpas. |
| 29. August 1533 | Hinrichtung Atahuallpas nach Zahlung seines Lösegelds. "In diesem Reich fliegt kein Vogel, kein Blatt bewegt sich, wenn es nicht mein Wille ist." So soll Atahuallpa, der letzte Inka-Herrscher, kurz vor seiner Ermordung durch die spanischen Eroberer gesprochen haben. |
| 15. November 1533 | Einzug der Spanier in Cuzco. |
| 1536 | Aufstand Manco-Capac II. und Belagerung Cuzcos |
| 1537 | Manco-Capac flüchtet in die Berge von Vilcabamba und gründet einen neuen Inka-Staat. |
| 1545 | Manco-Capac wird von den Spaniern ermordet. |
| 1572 | Eroberung des Inka-Königreichs von Vilcabamba und Gefangennahme des Inka Tupac-Amaru, der noch im selben Jahr hingerichtet wird. |
| 1572 | Vizekönig Francisco de Toledo gibt Peru eine neue soziale und politische Ordnung. |
| ... | ... |
| 1975 | Präsident Velasco Alvarado erklärt Quechua in Peru zur offiziellen Sprache |
| 1979 | Die Verfassung hebt das Dekret wieder auf. |
Einige Begriffe
Beenden wir diesen Teil mit einigen Begriffen, die uns helfen werden, den Inka-Kalender besser zu verstehen. Ich danke Daniel Duguay, von dem ich diese Definitionen übernommen habe.
Ayllu
Sehr alte peruanische Sozialinstitution, die eine landwirtschaftliche Gemeinschaft zusammenfasst, die durch Verwandtschaft, Blutsbande, Nachbarschaft, Religion und Sprache verbunden ist (im Allgemeinen etwa 200 bis 300 Personen pro ayllu). Diese Bindungen sind auch wirtschaftlicher Natur, weil alle Beteiligten einen Teil ihrer Arbeit innerhalb eines kooperativen Systems, des ayni, auf gemeinsamem Land verrichten (marka auf Quechua).
Das ayllu-System geht auf kleine andine Bauerngemeinschaften zurück, die der Zeit der Inka vorausgingen. Die Inka, die selbst aus ihnen hervorgingen, passten es ihrer Regierungsform an und stärkten es. Der Inka selbst lebte in einem ayllu (der königlichen panaca). Diese Form sozialer Organisation überlebte die Eingriffe der Spanier in die indigenen Gemeinschaften und bestand während der gesamten Kolonialzeit neben dem harten System der encomienda fort.
Noch heute gibt es in Peru fast 5000 andine ayllus, die gemeinsam Feldarbeit verrichten, Gemeinschaftsspeicher, Wege und Brücken bauen oder instand halten.
Huaca oder Guaca
Bezeichnete im vorspanischen Peru jeden Gegenstand oder jeden Ort, der von übernatürlicher Kraft erfüllt war und dem Verehrung erwiesen werden musste. Im weiteren Sinn bezeichnet das Wort heute auch Ruinen, alte Siedlungsplätze und sogar Gefäße (huacos), die in Gräbern gefunden werden. Huaqueros sind Grabräuber.
Panaca
Dieses Quechua-Wort lässt sich mit „Linie“ oder „Verwandtschaft“ übersetzen. Die Inka kannten ein doppeltes, genauer gesagt paralleles Abstammungssystem, das uns merkwürdig erscheinen mag: Innerhalb des ayllu gab es eine patrilineare und eine matrilineare Abstammung. Männer galten offenbar nur als Nachkommen ihres Vaters, Frauen nur als Nachkommen ihrer Mutter.
Was die eigentliche Familie betrifft, die enger gefasst war als die Gemeinschaft, so waren ihre Bindungen natürlich stärker. Dennoch unterschieden sich die Bezeichnungen für ihre Mitglieder danach, ob sie von Männern oder Frauen verwendet wurden. So nannte die Mutter ihre Kinder beiderlei Geschlechts mit demselben Wort, während der Vater zwischen Sohn und Tochter unterschied, denselben Ausdruck für „Sohn“ jedoch auch auf andere Verwandte, etwa Neffen, anwandte. Auch die Bezeichnungen „Bruder“ und „Schwester“ wurden oft für Cousins und Cousinen ersten Grades verwendet. Es kam sogar vor, dass ein Indigener einen beliebigen Verwandten als „Vater“, „Mutter“, „Bruder“ oder „Schwester“ bezeichnete.
Ein gutes Verständnis dessen, was die panaca war, verhindert also den Fehler vieler Chronisten, die behaupteten, der oberste Inka habe beispielsweise seine älteste Schwester heiraten können.
Sucanca
Steinpfeiler, die östlich und westlich von Cuzco errichtet wurden und dazu dienten, die Stellung der Sonne bei ihrem Auf- und Untergang zu den Sonnenwenden anzuzeigen. Der Beginn des Winters wurde durch eine Pucay Sucanca markiert, der Beginn des Sommers durch eine Chirao Sucanca.
Ushnu
Steinmarke, die als Beobachtungspunkt dient und von der aus man eine sucanca oder einen anderen markanten Punkt „anvisiert“. In Cuzco selbst befand sich das ushnu auf der Huacaypata (dem Hauptplatz).
Der oder die Kalender?
Die Schwierigkeiten
Die größte Schwierigkeit bei der Rekonstruktion des Inka-Kalenders liegt darin, dass die Inka keine Schrift kannten. Jedenfalls keine Schrift, wie wir sie heute verstehen, und auch keine logosyllabische Schrift wie bei den Maya.
Das hinderte sie allerdings nicht daran, ein nahezu gigantisches Maß an Informationen zu speichern. Dazu dienten die Quipus (quipo, quipou), also Schnurgebilde, bei denen Knoten, Farben und Anzahl der Fäden dem Rechnen und der Aufbewahrung von Informationen dienten.
Es wäre erstaunlich, wenn diese Quipus keine Kalenderdaten enthalten hätten. Das Problem ist nur: Wir sind keine „Quipu camayo“ (Personen, die mit dem Quipu umzugehen wussten), und die Geheimnisse dieser „Dokumente“ sind bis heute weitgehend Geheimnisse geblieben. Zumal wohl nur derjenige, der einen Quipu angefertigt hatte, ihn wirklich entziffern konnte.
Eine Anekdote, die Bernabé Cobo [1582-1687] erzählt, gibt eine Vorstellung von der Speicherkapazität der Quipus: Ein Spanier ließ sich für die Reise von einer Stadt in die andere in einer Art Straßenstation einen Führer geben. Er kam nie an seinem Ziel an, und seine Leiche wurde erst sechs Jahre später gefunden. Er war ermordet worden. Aber von wem? Wer war der Führer, der ihn begleitet hatte? Die quipu camayos wurden hinzugezogen, und einer von ihnen fand im eigenen Quipu den Namen des betreffenden Führers. Der Mann wurde verhört und gestand den Mord an dem Spanier.
Mangels lesbarer Schrift haben uns die Inka Monumente und heilige Orte (huacas) hinterlassen. Doch auch hier gibt es ein Problem: Vieles wurde von den Spaniern während der Eroberung des Inka-Reiches und auch später zerstört. Im Namen der Christenheit und ihres Missionierungseifers vernichteten sie diese Stätten der angeblichen oder tatsächlichen Idolatrie. Wie man auch beim Inuit-Kalender sieht, war Christenheit allzu oft gleichbedeutend mit blankem Stumpfsinn.
Um uns also eine Vorstellung vom Inka-Kalender zu machen, bleiben uns im Grunde nur noch:
1) die Schriften von Chronisten aus der Zeit nach der Eroberung, etwa Bernabé Cobo (1582-1687), ein spanischer Priester, der 61 Jahre in Südamerika lebte, Felipe Guaman Poma de Ayala (1538?-1620?), selbst teilweise Inka und Verfasser eines gewaltigen, von ihm illustrierten Werks, Garcilaso de la Vega (1539 - ?), in Cuzco geboren, und viele andere, deren Liste sich hier auf einer sehr guten Website (auf Französisch) findet, auf der man auch ein Wörterbuch der Inka und sogar Reisetipps finden kann.
2) Hypothesen, die von modernen Forschern wie Anthony Aveni oder R. Tom Zuidema und anderen formuliert wurden.
Wir werden uns also auf Entdeckungsreise durch die Chroniken und die modernen Hypothesen begeben. Natürlich werden die Texte der Erstgenannten dabei gelegentlich durch die Aussagen der Letztgenannten erhellt.
Cuzco
Und weil uns unsere Recherchen vor allem nach Cuzco führen werden, schauen wir uns die geografische Lage der Hauptstadt des Inka-Reiches etwas genauer an.
Das Reich ist in vier Viertel (suyus) gegliedert, daher sein Name: Tahuantinsuyo (die „vier Viertel“). Cuzco bildet das Zentrum dieses Gefüges, ohne selbst zu einem dieser Viertel zu gehören.
Die Inka sahen in der geografischen Anlage ihrer Stadt die Form eines Pumas, ihres heiligen Tieres (siehe Kartusche unten links in der obigen Skizze).
Die Stadt selbst ist in zwei Bereiche geteilt: Hanan (Ober-)Cuzco und Hurin (Unter-)Cuzco.
Die geografische Lage Cuzcos ist für den Aufbau des Kalenders von großer Bedeutung. Die Stadt liegt in einem Tal auf fast 3.300 Metern Höhe. Ihre Koordinaten sind: 13° 54' südlicher Breite und 71° 56' westlicher Länge. Zur Zeit der spanischen Eroberung hatte die Stadt etwa 100.000 Einwohner.
All diese Zahlen sind wichtig:
Die Höhe
In der Höhenlage von Cuzco ist der Himmel besonders klar und eignet sich hervorragend für astronomische Beobachtungen, sei es von Sonne, Mond oder Sternen. Und die Inka machten von dieser Möglichkeit reichlich Gebrauch, auch wenn die Berglandschaft die Dauer solcher Beobachtungen einschränkte. Vielleicht aus reinem Interesse an astronomischem Wissen, ganz sicher aber, um einen im Wesentlichen landwirtschaftlichen Kalender zu entwickeln, der ihre alltäglichen Fragen beantworten konnte: Wann Mais säen? Wann ernten? Wann Kartoffeln pflanzen? Wann die Lamas scheren?
Und wie in jedem Gebirgsland tritt an die Stelle des Entfernungsbegriffs ein Begriff der Vertikalität. Entscheidend ist nicht, wie viele Kilometer zwei Orte voneinander trennen, sondern wie viele Höhenmeter man überwinden muss, um von hier nach dort zu gelangen. Dieses Prinzip der Vertikalität findet sich ebenso im Kalender wie in der Sozialordnung und im Weltbild mit Hanan Pacha (der oberen Welt), Kay Pacha (der Welt hier) und Hurin Pacha (der unteren Welt). Es findet sich sogar in Cuzco selbst wieder, mit seinen beiden Stadtteilen Hanan Cuzco und Hurin Cuzco, die von Menschen unterschiedlicher sozialer Stellung bewohnt wurden.
Die Begriffe Zeit und Raum sind so eng miteinander verflochten, dass das Wort pacha zugleich Zeit und Ort bezeichnet.
Eine weitere Vorstellung wird wichtig werden: die Dualität. Ob im alltäglichen oder sozialen Leben (oben und unten), im Weltbild (die obere und die untere Welt) oder bei den Jahreszeiten (trocken und feucht) - alles steht sich gegenüber oder ergänzt einander. Später werden wir sehen, dass Aveni daraus eine kalenderbezogene Hypothese entwickelt hat.
Die geografische Breite
Zwei Dinge sind festzuhalten:
- Das Inka-Reich im Allgemeinen und Cuzco im Besonderen liegen auf der Südhalbkugel. Die Jahreszeiten sind dort also im Vergleich zu unseren Breiten vertauscht. Wenn bei uns am 21. Juni Sommersonnenwende ist, war das für die Inka die Wintersonnenwende. Dasselbe gilt sinngemäß für Wintersonnenwende und Tagundnachtgleichen. Wenn wir zum Beispiel von der Wintersonnenwende sprechen, beziehen wir uns auf Cuzco.
- Cuzco liegt zwischen dem Äquator und dem Wendekreis des Steinbocks. Auch das bringt ein Phänomen mit sich, das wir in unseren Breiten nicht kennen. Die Sonne steht dort zweimal im Jahr im Zenit, einmal im Februar und einmal im Oktober.
In Cuzco: scheinbare Bewegung der Sonne.
In Cuzco: Höhe der Sonne zu Mittag.
Was die Chroniken berichten
Im Lauf der Lektüre dieser Chroniken werden wir feststellen, dass die Inka Beobachtungsorte und Orientierungspunkte nutzten, um imaginäre Linien zwischen einem Beobachtungsort und den Auf- und/oder Untergangspunkten der Sonne am Horizont zu ziehen.
Diese Linien dürfen auf keinen Fall mit dem Ceque-System verwechselt werden (mehr oder weniger gerade Linien, die in alle Richtungen vom Coricancha, dem Sonnentempel von Cuzco, ausstrahlten), das wir im Abschnitt Hypothesen betrachten werden.
Alle Chronisten stimmen darin überein, dass die Inka die Bewegungen der Sonne sehr aufmerksam beobachteten und bestimmte Sonnenauf- und -untergänge (Sonnenwenden und Äquinoktien) durch an verschiedenen Orten aufgestellte Pfeiler markierten, meist auf Hügelkuppen, die ihren Horizont bildeten. In geringerem Maß beobachteten und markierten sie auch den Zenitdurchgang der Sonne.
Weniger einig sind sich die Chronisten über den genauen Ort dieser „Markierungen“, über ihre Anzahl und darüber, wie sie konkret verwendet wurden.
Sicher ist jedoch, dass diese Beobachtungen und die am Horizont von Cuzco gesetzten Bezugspunkte weniger aus reiner Leidenschaft für Astronomie entstanden als aus einer Notwendigkeit, die vor allem mit Landwirtschaft und in geringerem Maß mit Viehzucht zu tun hatte. Wann den Mais pflanzen, wann ihn ernten, wann die papas (Kartoffeln) setzen, wann sie ernten, wann die Lamas scheren - das waren die Fragen, auf die die Sonnenbeobachtung Antworten liefern sollte.
Gehen wir nun etwas genauer auf die Schilderungen der verschiedenen Chronisten ein, um uns ein Bild davon zu machen, was dieser „Beobachtungskalender“, wie A. Aveni ihn nennt, gewesen sein könnte. Und beginnen wir mit der Frage, ob man bei einem System, dessen Ziel nicht die exakte Zählung der Tage des Jahres ist, sondern eher die Festlegung einer Art Zyklus landwirtschaftlicher Tätigkeiten, überhaupt wirklich von einem Kalender sprechen kann.
Bernabé Cobo über das Zeitverständnis der Inka
Pater Bernabé Cobo erklärt in seiner Geschichte des Inka-Reiches, dass die Inka die Bewegungen der Sonne heranziehen, um Jahre und Tage zu erkennen, und die Bewegungen des Mondes, um die Monate zu bestimmen. So wäre nach ihm die Einteilung der Zeit bei den Inka aufgebaut: Tag, Monat, Jahr. Bemerkenswert ist nebenbei, dass er von der Bewegung des Mondes spricht und nicht vom Zustand, also den Phasen, unseres Satelliten.
"Sie bestimmten unser Sonnenjahr, indem sie die Sonnenwenden beobachteten und das Jahr mit der Sommersonnenwende beginnen ließen, die auf den 23. Dezember fällt und an demselben Punkt endet, an dem sie begonnen hat."
Das Inka-Jahr wäre demnach ein Sonnenjahr gewesen, das mit der Sommersonnenwende beginnt (also der Wintersonnenwende auf der Nordhalbkugel) und mit der nächsten Sommersonnenwende endet. Man darf sich fragen, was Cobo mit unserem Jahr meint. Sollte das heißen, dass dieses Inka-Jahr erst eine Folge der Kolonisierung gewesen wäre?
Natürlich muss man, wenn das Jahr mit der Sonnenwende beginnt, wissen, wann sie stattfindet. Cobo erklärt, wie die Inka dabei vorgingen: "Auf den Hügeln, die Cuzco umgeben, standen zwei Markierungen oder Pfeiler auf der Ostseite und zwei weitere gleiche Pfeiler auf der Westseite der Stadt an den Punkten, an denen die Sonne bei den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks auf- und untergeht [lies: Sommer- und Wintersonnenwende] ; und in dem Moment, in dem die Sonne genau entlang der südlichen Pfeiler auf- und unterging, betrachtete man dies, da die Beobachtungen von Cuzco aus gemacht wurden, als den Beginn des Jahres. [...] Das war der Moment, in dem die Sonne den südlichsten Punkt erreicht hatte. Von dort kehrte sie zur Äquinoktiallinie zurück, ging durch den Zenit, und wenn sie sich zum nördlichsten Punkt entfernte, ging sie auf und unter und richtete sich dabei nach den beiden anderen Pfeilern, die den äußersten Punkt auf dieser Seite markierten; und wenn sie von diesem Punkt zu dem Punkt zurückkehrte, den sie verlassen hatte, also zum Wendekreis des Krebses, den die ersten Pfeiler markierten, war das Jahr beendet."
In dieser Beschreibung erkennen wir das links oben gezeigte Schema wieder: zwei Pfeiler markieren im Osten den Sonnenaufgang zu Sommer- und Wintersonnenwende, zwei weitere im Westen den Sonnenuntergang zu denselben beiden Wendepunkten.
Bevor wir auf die Probleme dieser Beschreibung eingehen, lesen wir Cobo noch ein Stück weiter, um ein vollständigeres Bild der Zeiteinteilung bei den Inka zu bekommen.
Das Jahr hieß auf Quechua huata und auf Aymara mara. Es war in zwölf Monate oder Monde unterteilt, da dasselbe Wort beides bezeichnete (quilla auf Quechua und pacsi auf Aymara).
Ohne weitere Details schreibt Cobo, dass auch dort Pfeiler errichtet wurden, wo die Sonne in jedem Monat aufging. Die Gesamtheit dieser Pfeiler, einschließlich jener für die Sonnenwenden, hieß Sucanta. Pucuy Sucanta waren die beiden Pfeiler, die den Beginn des Winters markierten, Chirao Sucanta jene für den Beginn des Sommers. Die Monate hatten alle dieselbe Länge.
Wie können aber 12 Mondmonate ein Sonnenjahr bilden? Dazu bleibt Cobo fast völlig stumm. Er sagt nicht, worin dieser Monat genau bestand, der offenbar nicht auf den Mondphasen beruhte. Er schreibt nur, „die übrigen Tage des Jahres würden in die Monate selbst integriert.“
Schauen wir uns nun die Monatsnamen an, wie Cobo und Guaman Poma de Ayala sie angeben.
Nebenbei sei bemerkt, dass R. T. Zuidema, der große Spezialist der Inka-Zivilisation, nach Sichtung der Monatsnamen bei den verschiedenen Chronisten auf ... 14 kommt. Das läge daran, dass manche Chronisten einem und demselben Monat mehrere Namen gaben, während andere denselben Namen auf ein Paar von Monaten anwandten.
Und um die Verwirrung noch zu vergrößern, weist Zuidema darauf hin, dass die Inka seiner Ansicht nach verschiedene Arten von Monaten kannten:
- synodische Monate von 29 oder 30 Tagen
- Sonnenmonate von 30 Tagen
- siderische Monate von 27 1/3 Tagen
- Monate von 23, 24 oder 26 Tagen.
| Monat Nr. | Name des Monats | Ungefähre Entsprechung | Beschreibung | |
|---|---|---|---|---|
| Cobo | Guaman Poma de Ayala | |||
| 1 | Raymi | Qhapaq Inti Raymi Killa | Dezember | Monat der Sonnenfeste Man pflanzt Kartoffeln |
| 2 | Camay | Qhapaq Raymi Killa | Januar | Monat des großen Festes Mais, Regenzeit und Pflügen |
| 3 | Hatun Pucuy | Pawqar Waray Killa | Februar | Monat, in dem man den Lendenschurz trägt Nächtliche Überwachung des Maises |
| 4 | Pacha Pucuy | Pacha Puquy Killa | März | Monat der Reifung der Erde. Vögel von den Maisfeldern vertreiben |
| 5 | Ariguaquiz | Inka Raymi Killa | April | Monat des Inka-Festes Reifung des Maises |
| 6 | Aucay Cuzqui Aymoray | Aymuray Killa | Mai | Monat der Ernte. |
| 7 | Aucay Cuzqui Aymoray | Hawkay Kuski Killa | Juni | Monat der Ruhe nach der Ernte. Zeit, Kartoffeln zu pflanzen |
| 8 | Chahua Huarquis | Chakra Qunakuy Killa | Juli | Monat der Landverteilung. Mais und Kartoffeln einlagern |
| 9 | Yapaquis | Yapuy Killa | August | Monat des Pflügens. |
| 10 | Coya Raymi | Quya Raymi Killa | September | Monat des Festes der Königin (quya). Man sät den Mais |
| 11 | Homa Raymi Yapaquis | Uma Raymi Killa | Oktober | Monat des Festes der Ursprünge. Schutz der Felder des Reiches |
| 12 | Ayamarca | Aya Marqay Killa | November | Monat, in dem man die Toten trägt. Bewässerung des Maises. |
Und hier die von Guaman Poma de Ayala illustrierte Darstellung dieser Monate (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken):
Cobo erklärt, diese Monate hätten dazu gedient, die Zeiten für Aussaat und Pflügen zu regeln und die Daten der Zeremonien festzulegen. Und, so fügt er hinzu, „für nichts anderes“. Eine Jahreszählung habe es nicht gegeben, und die Inka kannten ihr Alter nicht in Jahren. Das Jahr teilten sie in keine anderen Einheiten als Tage und Monate. Um anzugeben, wann sie eine Arbeit begonnen hatten, zeigten sie auf jenen Punkt am Himmel, an dem die Sonne damals stand.
Anders als Cobo behauptet, scheint den Inka durchaus eine „Woche“ von acht Tagen bekannt gewesen zu sein. Sie taucht nämlich im Marktzyklus auf, in der Dauer des Dienstes der Priester am Sonnentempel von Cuzco und in der königlichen Gewohnheit, die Frauen in seinem Dienst zu wechseln.
Das Problem der von Cobo beschriebenen Markierungspfeiler
Es ist bekannt: Durch zwei Punkte lässt sich nur eine einzige Gerade ziehen. Wenn einer dieser Punkte ein Pfeiler ist, wo liegt dann der andere, damit die gedachte Linie den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang am Horizont anzeigt? Hält man sich an Cobo, müsste dieser Punkt in Cuzco liegen. Und ganz selbstverständlich im Coricancha, dem Sonnentempel, dem Zentrum des Ceque-Systems, von dem später noch die Rede sein wird. Stimmt das?
Anthony Aveni, der sich mit dieser Frage beschäftigt hat, antwortet so:
Cobo lokalisiert ein Pfeilerpaar auf dem Hügel Cinchincalla (3. huaca des 13. ceque von Cuntisuyu). Er schreibt, wenn die Sonne diese Pfeiler erreiche, sei es Zeit zu pflanzen.
Nimmt man diese Pfeiler vom Coricancha aus ins Visier, zeigt sich tatsächlich, dass die Sonne zur Dezember-Sonnenwende in der Achse steht.
Man wird allerdings festhalten müssen, dass Cobo hier wohl einen Fehler macht, wenn er sagt, es sei dann Zeit zu pflanzen, denn eigentlich ist eher Erntezeit.
Und wie steht es mit der Sonnenwende im Juni? Hier wird es leider komplizierter.
Denn Cobo zufolge würden die Markierungspfeiler auf dem Hügel Quiangalla stehen (9. huaca des 6. ceque von Chinchaysuyu).
Aveni weist jedoch darauf hin, dass Quingalla von der Stadt und damit auch vom Sonnentempel aus gar nicht sichtbar ist. Wäre die Theorie der Visierlinien zur Sonne an den Sonnenwenden also falsch?
Nein, falsch ist vielmehr der Beobachtungsort. Aveni zeigt nämlich, dass der Beobachtungspunkt für die Juni-Sonnenwende in Wirklichkeit ein anderer Sonnentempel war, nämlich Chuquimarca, den Cobo ebenfalls als solchen beschreibt.
Und Aveni fügt hinzu, dass der wahrscheinliche Beobachtungsort für die Sonne zur Dezember-Sonnenwende eher in Puquincancha lag, einem weiteren Sonnentempel südlich von Cuzco. Das zeigt, dass man das Ceque-System und die quer dazu verlaufenden imaginären Linien, die aus den Sonnenbeobachtungen zu den Sonnenwenden hervorgehen, nicht miteinander verwechseln darf. Selbst wenn Pfeiler und/oder Beobachtungsorte manchmal auf huacas liegen, die zu den ceques gehören. Einfach ist das nicht.
In diesem doppelten Beobachtungssystem - nördlich für den Sonnenuntergang zur Juni-Sonnenwende im Hanan Cuzco und südlich für den Sonnenaufgang zur Dezember-Sonnenwende im Hurin Cuzco - sieht Aveni eine Folge der dualistischen Weltsicht der Inka, nach der die Bewohner des nördlichen und die des südlichen Reichsteils jeweils „Wächter“ eines Teils des Jahres waren.
Ausgehend von Cobos Schriften und Avenis Beobachtungen lässt sich eine Karte der Sonnenbeobachtungslinien zu den Schlüsselmomenten des Jahres erstellen. Diese Karte enthält weitere Daten, auf die wir noch zurückkommen.
Die grüne, gelbe und türkise Linie stellen gedachte Linien dar, die zu verschiedenen Zeiten auf die Sonne am Horizont zeigen und von einem Beobachtungsort aus über einen oder mehrere Pfeiler verlaufen.
Die Pfeiler: wo, wie viele und wie genau benutzt?
Zu diesem Thema liest man so ziemlich alles und auch dessen Gegenteil, ohne dass dadurch das Beobachtungssystem als solches infrage gestellt wäre. Und da diese Pfeiler von den Spaniern zerstört wurden, die die Orte ihrer Aufstellung als Stätten der Idolatrie betrachteten, bleibt jedem von uns letztlich nur, sich eine eigene Meinung zu bilden, sofern das beschriebene Prinzip überhaupt funktionieren kann.
Pedro Sarmiento de Gamboa (1532 - 1602), spanischer Schriftsteller, Historiker, Astronom und Gelehrter, schreibt in seiner Geschichte der Inka, "um die genauen Zeiten für Aussaat und Ernte zu erkennen, ließ der Inka auf einem hohen Berg östlich von Cuzco vier Pfähle errichten, in Abständen von etwa 2 varas [1 vara = etwa 91 cm] , an deren Spitze sich Löcher befanden, durch die die Sonne wie in einem Astrolabium eintrat. Indem man beobachtete, wo die Sonne den Boden berührte, nachdem sie durch diese Löcher gefallen war, markierte man die Stellen für die Zeiten von Aussaat und Ernte. Auf der westlichen Seite Cuzcos wurden weitere Pfähle errichtet, für die Zeit der Maisernte. Nachdem man die Positionen mithilfe dieser Pfähle genau festgelegt hatte, ersetzte man sie durch steinerne Säulen von gleicher Höhe und mit Löchern an den richtigen Stellen. Man ordnete an, den Boden ringsum zu pflastern. Und auf die Steine wurden Linien gezeichnet, entsprechend der Sonne, die durch die Löcher einfiel. [...] Bestimmte Personen wurden damit beauftragt, diese Instrumente zu beobachten und dem Volk die von ihnen angezeigten Zeiten mitzuteilen."
In seiner Übersetzung des Werks von Sarmiento de Gamboa ergänzt Clements Markham in einer Anmerkung zu den Pfeilern: "Acosta sagt, es habe einen Pfeiler pro Monat gegeben. Garcilaso de la Vega erzählt, es seien acht im Osten und acht im Westen von Cuzco gewesen, in zwei Reihen zu je vier, zwei kleinere zwischen zwei größeren, im Abstand von 20 Fuß [etwa 610 cm] . Cieza de León sagt, sie hätten im Viertel Carmenca gestanden. Um den Zeitpunkt der Äquinoktien zu bestimmen, stand auf einem Platz vor dem Sonnentempel im Zentrum eines großen Kreises eine Steinsäule. Das war die Inti-huatana (Kreis der Sonne). Eine Linie verlief von Osten nach Westen, und man beobachtete, wann der Schatten des Pfeilers auf der Linie des Sonnenaufgangs und -untergangs lag und wann es mittags keinen Schatten gab. Eine weitere Inti-huatana gab es in Pisac und eine andere in Hatun-colla [am Rand des Umayo-Sees nahe dem Westufer des Titicacasees] ."
Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich persönlich verzichte darauf, die Fragen nach dem Wo, Wie viele und Wie zu beantworten. Entscheidend ist am Ende, dass die Inka offenbar einen Sonnenkalender in der Art eines Orientierungskalenders benutzten - gewissermaßen wie unsere heutigen Orientierungstafeln -, der vor allem landwirtschaftlichen, vielleicht auch religiösen Zwecken diente und sich nach Sonnenwenden und Äquinoktien richtete.
Seit wann gab es dieses Sonnenjahr mit pseudo-lunaren Monaten?
Der Einzige, der dazu eine knappe Erklärung liefert, scheint Pater Sarmiento de Gamboa zu sein. In seiner Geschichte der Inka schreibt er, „er ordnete an, das Jahr in zwölf Monate zu teilen“. Das er ist hier Pachucuti Inca Yupanqui, und daraus lässt sich ableiten, dass diese „Erfindung“ gegen Ende des 13. Jahrhunderts anzusetzen wäre.
Die Hypothesen
Wir haben gesehen, dass einige Orte Teil des Systems bildeten, das als Orientierungskalender diente - entweder weil sie Beobachtungsorte waren oder weil sie die von dort aus „anvisierten“ Punkte markierten.
Der größte Teil dieser Orte waren huacas, die zum Ceque-System gehörten.
Neben dieser Funktion als Beobachtungskalender vermuten Aveni und Zuidema, dass das gesamte Netz aus ceques und huacas wie ein Kalender im heutigen Sinn funktioniert habe, also als System zur Zählung der Tage des Jahres. Zuidema spricht von einer „Perlenschnur“. Man würde die huacas wie Perlen nacheinander abzählen, um die Tage zu zählen.
Das Ceque-System
Von Cuzco aus strahlte ein System von 41 Richtungen, den ceques, zu verschiedenen Punkten am Horizont aus. Entlang jedes dieser ceques lagen heilige Orte, die huacas, die einfache Steine, Quellen, Bäume oder andere Objekte sein konnten. Nach B. S. Bauer lassen sie sich in verschiedene Kategorien einteilen.
| Art | Anzahl der *huacas* | Prozentsatz |
|---|---|---|
| Quellen oder Wasserstellen | 96 | 29% |
| Aufgerichtete Steine | 95 | 29% |
| Hügel und Übergänge | 32 | 10% |
| Paläste und Tempel | 28 | 9% |
| Felder und offenes Gelände | 28 | 9% |
| Gräber | 10 | 3% |
| Schluchten | 7 | 2% |
| Sonstige: Steine, Sonnenmarkierungen, Höhlen, Bäume, Straßen und Wege | 16 | 5% |
| Ohne Kategorie | 16 | 5% |
| GESAMT | 328 | |
Man darf sich vor allem nicht vorstellen, dass diese huacas regelmäßig entlang der ceques angeordnet waren, dass die ceques geradlinige Wege rund um Cuzco bildeten oder dass jeder ceque gleich viele huacas besaß.
Tatsächlich glich das System aus ceques und huacas einem riesigen Quipu mit seinen Knoten, den huacas, die in unterschiedlicher Zahl an verschlungenen Schnüren saßen.
Das Ceque-System, das vom Sonnentempel aus um Cuzco herum ausstrahlt. Man kann dieses Bild mit jenem des Quipu weiter oben vergleichen.
Eine präzise Beschreibung der huacas und ceques verdanken wir Bernabé Cobo, der sie wie folgt kodifiziert: die ersten zwei Buchstaben des Suyu, die Nummer des Ceque, die Nummer der Huaca. Wir wissen, dass die vier suyus (die vier Viertel des Reiches) Chinchaysuyu, Antisuyu, Collasuyu und Cuntisuyu heißen. Also wäre zum Beispiel CU-2:2 die zweite huaca des zweiten ceque von Cuntisuyu. Jede huaca trägt ihren eigenen Namen, ebenso jeder ceque.
Auf Grundlage von Cobos Beschreibung entwickelt Zuidema für seine Kalenderhypothese eine andere Kodierung der huacas: suyu (I, II, III, IV; wobei suyu IV nochmals in zwei Unter-suyus IV A und IV B unterteilt ist), Dreiergruppe von ceques (1, 2, 3) und einzelner ceque (a, b, c). Die Nummer der huaca gibt er nicht an. So wird etwa Cobos CU-2:2, das wir oben gesehen haben, bei Zuidema zu IV B 2 c, aber CU-2:3 hätte zum Beispiel dieselbe Referenz.
Wir werden hier nicht alle ceques und huacas im Detail durchgehen; das würde die Untersuchung des Kalenders selbst zerreißen. Wer sich für die Namen und die Entsprechungen zwischen Cobo und Zuidema interessiert, findet sie an anderer Stelle.
Ebenso lassen wir die Hypothesen Zuidemas vorerst beiseite; auf sie kommen wir eines Tages in einer eigenen Untersuchung zurück. Sie sind nämlich recht komplex und verdienen eine Seite für sich.
Stattdessen betrachten wir Avenis Hypothese, die die Grenzen unseres Wissens über das kalendarische Ceque-System ausdrücklich anerkennt. Unser Ziel ist hier weniger zu verstehen, wie dieses System als Kalender funktioniert haben könnte, als vielmehr zu erfassen, in welcher Reihenfolge die einzelnen huacas Tag für Tag aufgesucht wurden.
Cobo seinerseits beschränkt sich darauf, die huacas zu beschreiben, ohne auch nur ein einziges Mal die Vermutung auszusprechen, dieses System könne einen Kalender bilden.
Der Kalender der Ceques / Huacas nach Aveni
Wir haben es also mit 41 ceques und 328 huacas zu tun. Was lässt sich daraus machen? Von den 365 Tagen eines Sonnenjahres sind wir damit noch weit entfernt.
Es sei denn: 328 = 41 × 8 = 27 1/3 × 12
Und was bedeutet das?
1) 41 ist die Zahl der ceques, und 8 ist die Zahl der Tage einer Inka-Woche.
2) 12 ist die Zahl der Monate eines Jahres, und 27 1/3 ist die Dauer eines siderischen Mondmonats.
Und die fehlenden 37 Tage?
Sie würden nach Aveni einer Zeit der Untätigkeit der Inka entsprechen. Diese deckt sich grob mit der Zeit zwischen dem heliakischen Untergang der Plejaden (am 3. Mai in der Zeit vor der spanischen Eroberung) und ihrem heliakischen Aufgang (am 9. Juni in der Zeit vor der spanischen Eroberung). Mit dem heliakischen Aufgang der Plejaden nimmt ihre Sichtbarkeit am Nachthimmel zu, ebenso wie die Tageslänge. Das Klima wird immer wärmer. Danach nimmt ihre Sichtbarkeit wieder ab, ebenso wie die Tageslänge, und das Klima wird kälter. Die Abwesenheit der Plejaden am Himmel entspräche also einer natürlichen Phase der Inaktivität. Von diesen „vergessenen Tagen“ haben wir bereits beim Inuit-Kalender gesprochen.
Zum Schluss
Über das Zeitverständnis der Inka bleibt noch viel zu entdecken. Der Mangel an schriftlichen Quellen macht die Sache nicht einfacher.
Zugegeben: Das Ceque-Kalender-System kann etwas konstruiert wirken. Man sollte es aber nicht als eigenständige Einheit betrachten. Es gehört zu einer umfassenden und komplexen Weltsicht der Inka. Wie Aveni schreibt: "Sie haben versucht, alle Tätigkeiten des Universums unter einem ideologischen Schirm aus Raum und Zeit unterzubringen. Das Ceque-System ist weder Bild noch Darstellung: Es IST Tahuantinsuyu [das Reich der vier Viertel] selbst."