Oft liest man, die Regel zur Festlegung des Osterdatums sei auf dem Konzil von Nicaea beschlossen worden, das ab dem 20. Mai 325 (julianisch) mindestens drei Monate lang tagte. Stimmt das wirklich?
Karte zur Ausbreitung des Christentums vor dem Konzil von Nicaea
Mit ziemlicher Sicherheit auf Veranlassung von Caius Flavius Valerius Aurelius Constantinus, besser bekannt als Konstantin I., Konstantin der Grosse (306 - 337), versammelten sich in Nicaea die Bischoefe der gesamten christlichen Welt. Nun ja, fast alle, denn Papst Silvester war zu alt fuer die Reise und liess sich durch zwei Legaten vertreten. So waren es rund 300 Vaeter der Kirche (250 nach Eusebius, 359 nach Hilarius von Poitiers), die in Gegenwart Konstantins persoenlich die beruehmte Regel beschlossen haben sollen, die noch heute gilt und sich so zusammenfassen laesst: Ostern wird an dem Sonntag gefeiert, der auf den vierzehnten Mondtag folgt, der auf den 21. Maerz oder unmittelbar danach faellt.
Aus diesem Satz lassen sich drei Zutaten herauslesen, die fuer die Osterberechnung noetig sind:
- ein Sonntag
- ein Vollmond, also der vierzehnte Mondtag
- ein Aequinoktium, hier der 21. Maerz
Die Konzilsvaeter hatten zwei Themen auf der Tagesordnung: den Arianismus und das heikle Problem des Osterdatums.
Lassen wir den Arianismus beiseite, denn darum geht es hier nicht, und konzentrieren wir uns auf Ostern. Dabei wollen wir verstehen, warum seine Datierung als heikles Thema galt und warum das Konzil von Nicaea nicht der Ursprung der beruehmten Regel war.
Warum war das ein heikles Problem?
Das Problem hatte zwei, eng miteinander verbundene Ursachen: zum einen das Verhaeltnis des christlichen Osterfestes zum juedischen Pessach, zum anderen die Spannungen innerhalb der christlichen Gemeinschaft selbst.
Juedisches Pessach und christliches Ostern
Leiden und Auferstehung Christi ereigneten sich zu der Zeit, in der die Juden Pessach feierten.
Machen wir kurz einen Schritt zurueck und rufen uns ins Gedaechtnis, was das juedische Pessach ist.
„Pessach (hebraeisch Pesach) beginnt am 15. Tag des Monats Nisan und dauert sieben Tage, in der Diaspora acht. Es erinnert an die Befreiung Israels aus der Knechtschaft in Aegypten. Im biblischen Text traegt es zwei Namen: den ersten, in Exodus 34,25, Pessach (hag ha Pesah), weil Gott beim Schlag gegen die Erstgeburt Aegyptens am Haus der Kinder Israels „voruebergeht“ (Ex. 12,23); den zweiten, in Exodus 23,15, Fest der ungesaeuerten Brote (hag ha massot), begruendet durch den Verzehr dieser Speise beim eiligen Aufbruch der Hebraeer (Ex. 12,39). Zur Zeit des Jerusalemer Tempels war der wesentliche Ritus das Opfer des Paschalamms (korban Pesah) am Vorabend des 14. Nisan.
Die Forschung unterscheidet in den Feierbrauch zwei Komponenten: zum einen das Opfer des Lammes, ein Hirtenritus, der durch seine Verbindung mit dem Auszug aus Aegypten historisiert wurde; zum anderen das Fest der ungesaeuerten Brote, ein Fruehlingsfest mit Bezug zum landwirtschaftlichen Kalender (Ex. 13,4), das sich wegen der traditionellen Datierung des Exodus leicht in die Heilsgeschichte einfuegen liess. Das Buch Josua (5,10-12) berichtet, dass die Israeliten unter Josua das Fest der ungesaeuerten Brote in Gilgal feierten. Das zweite Buch der Koenige (2 Koen 23,21-23) hebt hervor, mit welchem Glanz Pessach unter Josia begangen wurde. Die Verschmelzung beider Elemente erfolgte wahrscheinlich zu Beginn des babylonischen Exils.
Quelle: Encyclopedia Universalis.
Damit wir alle Elemente des Problems vor uns haben, lesen wir zwei Bibelstellen:
„Exodus 12
12,1 Der Herr sprach zu Mose und Aaron in Aegypten:
12,11 So sollt ihr es essen: die Hueften geguertet, die Schuhe an den Fuessen, den Stab in der Hand, und ihr sollt es hastig essen. Es ist das Pessach des Herrn.
12,2 Dieser Monat soll fuer euch der erste der Monate sein, der erste Monat eures Jahres.
12,3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tag dieses Monats nehme jede Familie ein Lamm, jede Hausgemeinschaft ein Lamm.
12,4 Ist das Haus fuer ein Lamm zu klein, so nehme man es zusammen mit dem naechsten Nachbarn, nach der Zahl der Personen; ihr sollt die Menge fuer das Lamm danach bestimmen, was jeder essen kann.
12,5 Es soll ein fehlerloses maennliches Tier im ersten Jahr sein; ihr koennt es von den Schafen oder den Ziegen nehmen.
12,6 Ihr sollt es bis zum vierzehnten Tag dieses Monats aufbewahren; dann soll es die ganze versammelte Gemeinde Israel zwischen den zwei Abenden schlachten.
12,7 Man nehme etwas von seinem Blut und streiche es an die beiden Pfosten und an den Tuersturz der Haeuser, in denen man es isst.
12,8 Noch in derselben Nacht sollen sie das Fleisch essen, am Feuer gebraten, mit ungesaeuertem Brot und bitteren Kraeutern.
12,9 Ihr duerft es nicht halbgar oder in Wasser gekocht essen, sondern am Feuer gebraten, mit Kopf, Schenkeln und Eingeweiden.
12,10 Bis zum Morgen darf nichts davon uebrig bleiben; was am Morgen noch uebrig ist, sollt ihr im Feuer verbrennen.
„Levitikus 23
23,9 Der Herr sprach zu Mose:
23,14 Brot, geroestete Koerner oder frisches Korn duerft ihr nicht essen bis zu dem Tag, an dem ihr eurem Gott diese Gabe bringt. Das ist eine ewige Satzung fuer eure Generationen, ueberall, wo ihr wohnt.
23,10 Rede zu den Israeliten und sage ihnen: Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, und seine Ernte einbringt, sollt ihr dem Priester die erste Garbe eurer Ernte bringen.
23,11 Er soll die Garbe vor dem Herrn schwingen, damit sie euch wohlgefaellig sei; am Tag nach dem Sabbat soll der Priester sie schwingen.
23,12 An dem Tag, an dem ihr die Garbe schwingt, sollt ihr dem Herrn ein fehlerloses einjaehriges Lamm als Brandopfer darbringen.
23,13 Dazu gehoert ein Speiseopfer aus zwei Zehnteln Feinmehl, mit Oel vermengt, als Feueropfer fuer den Herrn, ein wohlriechender Duft; dazu kommt ein Trankopfer von einem Viertel Hin Wein.
In diesen Texten findet sich keinerlei ausdrueckliche Angabe, dass Pessach erst nach dem Fruehlingsaequinoktium gefeiert werden duerfe. Man kann es allenfalls aus der Darbringung der Erstlingsgarbe erschliessen.
Schliessen wir diese Klammer zum juedischen Pessach und stellen wir uns eine Frage: Wenn es darum geht, Leiden oder Auferstehung zu feiern, wuerde es dann nicht genuegen, den Beginn des juedischen Pessach als Ausgangspunkt zu nehmen, um das Datum des christlichen Osterfestes festzulegen?
Spannungen innerhalb der christlichen Gemeinschaft
Selbst wenn diese Methode moeglich waere, muesste man sich immer noch darueber einigen, was gefeiert werden soll: der Tod Christi oder seine Auferstehung?
Schon zu Beginn des 2. Jahrhunderts entschied sich die Kirche von Rom fuer die Auferstehung. Daran erinnert Irenaeus von Lyon Papst Victor, wie Eusebius ihn in der Kirchengeschichte V, 24 zitiert: "Unter diesen Maennern haben auch die Presbytern vor Soter, die die Kirche leiteten, die du heute fuehrst, also Aniket, Pius, Hyginus, Telesphoros und Xystus, den vierzehnten Tag selbst nicht gehalten ..."
Und Rom feierte nicht nur die Auferstehung, sondern bestand natuerlich auch darauf, dieses Fest am Sonntag zu begehen.
Die Kirchen Asiens meinten dagegen, gefeiert werden muesse das Leiden Christi. Deshalb begingen sie Ostern am ersten Tag des juedischen Pessach, am 14. Nisan, dem Tag des Todes Christi.
In dieser Datierung zeigt sich der Einfluss des Johannes-Evangeliums, das den Tod Christi tatsaechlich auf den 14. Nisan legt, waehrend die Synoptiker, also die drei anderen Evangelien, sagen, Jesus habe am 14. das Paschalamm gegessen und sei am 15. gekreuzigt worden. Noch ein Streitpunkt, bei dem wir hier nicht verweilen wollen.
Die asiatischen Gemeinden feierten Ostern also am 14. Nisan, ganz gleich, auf welchen Wochentag er fiel. Daher erhielten sie den Namen Quartodezimaner, also Anhaenger des vierzehnten Tages.
Man darf nicht vergessen, dass die ersten Christen Asiens anfaenglich fast alle Juden waren. Sie hingen also weiterhin an alten mosaischen Gepflogenheiten. Dass sie das christliche Osterfest, selbst bei neuer Deutung, am selben Datum wie das juedische Pessach begingen, erlaubte ihnen sicher, aeltere Riten beizubehalten, vor allem das Mahl des Lammes.
Umso mehr, als man den Aposteln folgende Worte zuschrieb: "Was euch betrifft, stellt keine Berechnungen an. Wenn eure Brueder aus der Beschneidung ihr Pessach feiern, dann feiert auch ihr das eure ... und selbst wenn sie sich in der Berechnung taeuschen, nehmt es nicht so schwer."
Eusebius beschreibt die Lage so: "Damals entstand eine durchaus nicht unbedeutende Streitfrage, weil die Gemeinden ganz Asiens einer sehr alten Ueberlieferung folgend meinten, man muesse fuer das Fest des Osterlammes des Erlosers den vierzehnten Tag des Mondes halten. Es war der Tag, an dem den Juden geboten war, das Lamm zu schlachten, und ihrer Auffassung nach musste man, auf welchen Wochentag dieses Datum auch fiel, dann das Fasten beenden. Die Kirchen im uebrigen Erdkreis hielten diese Praxis jedoch nicht ein und bewahrten nach apostolischer Ueberlieferung den Brauch, der bis heute gilt, in der Ueberzeugung, es sei nicht angemessen, das Fasten an einem anderen Tag der Woche zu beenden als an dem der Auferstehung unseres Erlosers [Sonntag]." (Hist. eccl. V, 23)
Auf das Scheitern von Papst Aniket am Ende des 2. Jahrhunderts, als er Polykarp, den Bischof von Smyrna, von seinen juedischen Gewohnheiten abbringen wollte, gehen wir hier nur kurz ein.
Ebenso ueberspringen wir die brachiale Methode von Papst Victor, der erklaerte, die Auferstehung sei am Sonntag zu feiern, und im selben Zug alle exkommunizieren wollte, die das nicht einsehen wollten. Die Quartodezimaner verdankten ihre Rettung allein Irenaeus und seinem friedensstiftenden Geist. So formuliert es Eusebius, der hinzufuegt, Irenaeus „mahnte und verhandelte fuer den Frieden der Kirchen“.
Um auf die Frage zurueckzukommen, die wir am Ende des vorigen Abschnitts gestellt haben: Es haette also genuegt, den Juden die Festlegung ihres Pessach zu ueberlassen und sich daran auszurichten, um das Datum des christlichen Osterfestes zu bestimmen. Das Konzil von Nicaea haette nur die Quartodezimaner zur Ordnung rufen muessen, und die Sache waere erledigt gewesen.
So einfach war es aber nicht, und zwar lange vor Nicaea.
Denn die Christen konnten es nicht dauerhaft hinnehmen, fuer die Bestimmung des Osterdatums von den Juden abzuhaengen. Im Wesentlichen aus zwei Gruenden:
- Eine junge Gemeinschaft wie die christliche Kirche konnte einer anderen Gemeinschaft, von der sie sich gerade loeste, nicht die Festlegung ihres wichtigsten Festes ueberlassen.
- Hinzu kam, dass die Juden, denen das christliche Osterfest naturgemaess gleichgueltig war, die Berechnung ihres eigenen Pessach veraenderten. Offenbar taten sie das gegen Ende des 2. Jahrhunderts, ohne das Fruehlingsaequinoktium weiter zu beruecksichtigen. Warum sollten die Christen also weiterhin einen Computus benutzen, der nicht mehr dem zur Zeit Jesu gebraeuchlichen entsprach und dazu fuehrte, dass Ostern mitunter zweimal in einem Jahr, also zwischen zwei Aequinoktien, gefeiert wurde?
Man darf auch nicht vergessen, dass der juedische Kalender ein Mondkalender mit Schaltmonaten ist und dass die Berechnung eines Datums in einem solchen Kalender alles andere als einfach ist. Siehe dazu die Seite ueber den juedischen Kalender.
Wie Chauve-Bertrand in seinem Buch La question du calendrier treffend bemerkt: "Seit dem Untergang Jerusalems war das Kollegium der Tempelpriester verschwunden, und die verbliebenen Synagogen, auf sich selbst gestellt, berechneten, so gut sie konnten, die Daten ihres Pessach, die einen nach juedischen, die anderen nach griechischen Zyklen."
Wenn man zu dem Wunsch, sich nicht mehr von einem unsicheren juedischen Computus abhaengig zu machen, noch hinzunimmt, dass Rom und Alexandria eigene Berechnungen anstellten, ist der Schritt schnell getan. Nur Antiochia tat sich noch schwer.
Und wer die Berechnung eines Mondkalenders sagt, sagt zwangslaufig auch Zyklen mit eingeschobenen Zusatzmonaten. So entstanden verschiedene Abhandlungen: Hippolyt mit seinem 16-Jahres-Zyklus, einer Verdoppelung des bekannten Achtjahreszyklus, und Anatolios von Laodikeia (in Alexandria geboren) mit dem beruehmten 19-Jahres-Zyklus, dem sogenannten Meton-Zyklus. Dieser anatolische Computus schloss ein Osterdatum vor dem Aequinoktium aus.
In der zweiten Haelfte des 3. Jahrhunderts sahen die Computi also so aus:
- Alexandria: Verwendung des 19-Jahres-Zyklus. Ostern nach dem Fruehlingsaequinoktium, das damals tatsaechlich auf den 21. Maerz fiel. Ein Ostertermin am 15. Mondtag war zulaessig.
- Rom: Verwendung eines Mischzyklus von 84 Jahren, zusammengesetzt aus 8- und 19-Jahres-Zyklen (19 x 4 + 8). Das auf den 25. Maerz gesetzte Aequinoktium des julianischen Kalenders spielte dabei keine Rolle. Ein Ostertermin vor dem 16. Mondtag war ausgeschlossen.
Nicaea und die Regel zur Bestimmung des Osterdatums
Wenn man den in Alexandria schon vor Nicaea verwendeten Computus betrachtet, sieht man sofort, dass alle Elemente, die am Anfang dieser Seite genannt wurden, darin bereits enthalten sind.
Man kann also sagen: Das Konzil von Nicaea hat die uns bekannte Regel zur Bestimmung des Osterdatums nicht erfunden.
Welche Rolle hatte es dann?
Ganz einfach: Es entschied.
Zwischen welchen Positionen?
Um diese Frage zu beantworten, muessen wir die bekannten direkten und indirekten Dokumente zur Osterfrage nach dem Konzil sichten. Die zwanzig Kanones lassen wir dabei beiseite.
- Zuerst das, was es nicht gibt: Es gibt kein einziges Dekret ueber die Berechnung des Osterdatums. Nichts, was die beruehmte Regel enthalten wuerde, von der man so oft sagt, sie sei in Nicaea entstanden. Sollte ein solches Dekret verloren gegangen sein? Schwer vorstellbar, wo doch die zwanzig Konzilskanones ueberliefert wurden.
Ausserdem bemerkt D. M. Ogitsky sehr treffend: "Eine ausfuehrliche und erschoepfende Anordnung zu allen technischen Aspekten der Osterberechnung, einschliesslich der durch die Unrichtigkeit des julianischen Kalenders verursachten Probleme, gehoerte nicht in die Zustaendigkeit des Konzils." Weiter unten wird sich zeigen, wie recht er damit hatte. - Ein Synodalschreiben an die Kirche von Alexandria. Dort heisst es in Bezug auf Ostern: "Wir bringen euch auch die gute Nachricht von der Einigung ueber unser hochheiliges Osterfest: Dank eurer Gebete ist auch dieser Punkt geregelt worden. Alle unsere Brueder im Orient, die darin bislang nicht mit den Roemern, mit euch und mit denen uebereinstimmten, die von Anfang an eurem Brauch folgen, werden kuenftig Ostern zur selben Zeit feiern wie ihr."
- Ein Brief Konstantins „an alle [Bischoefe], die beim Konzil nicht anwesend waren“, in dem es unter anderem heisst: "Das christliche Osterfest muss von allen am selben Tag gefeiert werden; und fuer die Berechnung des Datums darf keinerlei Rueckgriff auf die Juden erfolgen. Das waere demuetigend, und ausserdem kann es bei ihnen vorkommen, dass sie zwei Pessachfeste in demselben Jahr haben. Daher sollen sich die Kirchen an die Praxis halten, die in Rom, Afrika, Italien, Aegypten, Spanien, Gallien, Britannien, Libyen, Griechenland, der Dioezese Asien, im Pontus und in Kilikien gilt."
- Athanasius, der in Nicaea anwesend war, schreibt 369 in einem Brief an die Bischoefe Afrikas, "das Konzil sei wegen der arianischen Haeresie und wegen Ostern einberufen worden, weil die Christen Syriens, Kilikens und Mesopotamiens nicht mit uns [Alexandria] uebereinstimmten und das Fest zu der Zeit begingen, in der es auch die Juden tun."
Also: Zwischen welchen Positionen haben die Vaeter des Konzils von Nicaea entschieden?
- Zwischen Quartodezimanern und Anhaengern des Sonntags? Sicher nicht. Sonst waere die Dioezese Asien nicht unter den Laendern genannt, die mit Rom und Alexandria uebereinstimmten. Fuer das Konzil gehoerte dieses Problem offenbar bereits der Vergangenheit an.
- Zwischen Anhaengern eines eigenstaendigen, vom juedischen Computus unabhaengigen Verfahrens und denjenigen, die sich noch auf den juedischen Computus stuetzten? Mit Sicherheit ja. Die Abhaengigkeit vom juedischen Computus galt als demuetigend und fehleranfaellig. Davon musste man sich loesen.
Nebenbei bemerkt schreibt Athanasius „zu der Zeit, in der die Juden feiern“ und nicht „an demselben Tag“. Es ging also keineswegs unbedingt darum, zu verhindern, dass juedisches Pessach und christliches Ostern auf denselben Tag fielen. In den vier Jahrhunderten nach Nicaea wurden beide Feste mehrfach gleichzeitig begangen. Erst die Verschiebung des julianischen Kalenders sorgte spaeter dafuer, dass das nicht mehr vorkam. - Zwischen denjenigen, die das Fruehlingsaequinoktium als Grenze betrachteten, und denjenigen, die das nicht taten? Das ist schwerer mit letzter Sicherheit zu beantworten.
Man liest hier und da, das Konzil von Nicaea habe die Patriarchen von Alexandria damit beauftragt, das Osterdatum zu berechnen und es Rom mitzuteilen, damit Rom es an die anderen Kirchen weitergebe. Da wuerde ich gerne die Quellen sehen.
Kyrill von Alexandria soll in einem Osterbrief geschrieben haben: "Das oekumenische Konzil beschloss einstimmig, dass die Kirche von Alexandria aufgrund ihrer hervorragenden Astronomen jedes Jahr der Kirche von Rom das Osterdatum mitzuteilen habe und Rom es dann den anderen Kirchen bekannt mache."
Ich habe den vollstaendigen Text dieses Briefes nicht gefunden. Da Kyrill aber erst 412 Bischof wurde, spricht nichts dafuer, dass er sich darin auf das Konzil von Nicaea bezieht. Und da auch das Konzil von Konstantinopel von 381 nichts dergleichen sagt, bleibt die Sache unklar.
Das heisst freilich nicht, dass man spaeter nie so verfahren waere, wenn man an die Kompetenz der alexandrinischen Astronomen und Mathematiker denkt.
L. Duchesne (Revue des questions historiques, 1880) verteidigt die aequinoktiale These auf folgende Weise:
- Die Kirchen, die namentlich genannt und als schlechte Schueler hingestellt werden, sind die orientalischen Nicht-Aequinoktialisten.
- Rom, das das Fruehlingsaequinoktium zwar nicht als obere Stichtagsgrenze behandelte, konnte trotzdem nicht zu diesen schlechten Schuelern gerechnet werden, weil es, wie Duchesne schreibt, "von allen Kirchen offenbar als erste ein ausschliesslich christliches Berechnungsverfahren angenommen hatte". Er fuehrt weiter aus, dass "der roemische Brauch, wenn auch nicht die roemische Berechnung, zur Zeit des Konzils von Nicaea mit der Regel uebereinstimmte, dem Aequinoktium nicht zuvorzukommen". Den von ihm angefuehrten Beleg konnte ich allerdings nicht nachpruefen: "Die Daten, an denen Ostern in Rom von 312 bis 343 tatsaechlich gefeiert wurde, sind in einer der Tafeln der philokalischen Chronographie von 354 erhalten; dort findet sich kein Osterfest vor dem 25. Maerz. Man scheint 330 sogar ein Osterfest am 22. Maerz vermieden zu haben."
Wenn das zutrifft, ging der alexandrinische Computus als klarer Sieger aus dem „Test“ des Konzils von Nicaea hervor.
Schluss: eine Grundsatzentscheidung
Wie dem auch sei, man kann nur feststellen, dass dieses Konzil gar nicht in der Lage war, eine praktische Regel wie die heute bekannte zu formulieren. Rom und Alexandria als gleichermassen vorbildlich hinzustellen hiess naemlich, die sehr realen praktischen Unterschiede zwischen beiden vollstaendig zu verkennen: verwendeter Zyklus, Datum des Aequinoktiums, Frage seiner Beachtung und so weiter.
Dionysius Exiguus, der in seinem Liber de Paschate - ob in gutem Glauben oder nicht - behauptete, der 19-Jahres-Zyklus sei von den Vaetern von Nicaea eingefuehrt worden, war sicher nicht unbeteiligt daran, dass spaeter alle glaubten, die beruehmte Regel sei vom ersten oekumenischen Konzil erlassen worden.
Ja, D. M. Ogitsky hatte recht: "Eine ausfuehrliche und erschoepfende Anordnung zu allen technischen Aspekten der Osterberechnung gehoerte nicht in die Zustaendigkeit des Konzils."
Und genau diese fehlende Zustaendigkeit erklaert, warum die Differenzen zwischen Rom und Alexandria noch lange nach Nicaea fortbestanden. Aber das ist eine andere Geschichte...