Die gregorianische Reform: frueher oder spaeter

Einfuehrung

Diese Studie fuehrt uns von Land zu Land. In jedem Fall wollen wir sehen, wie die gregorianische Reform dort ablief, wann sie umgesetzt wurde und wie die verschiedenen Schichten der Bevoelkerung darauf reagierten.

Sie ist also noch nicht abgeschlossen. Ich stelle sie lieber nach und nach online, so wie meine Recherchen und Lektueren vorankommen.

Rueckblick: die Geburt des gregorianischen Kalenders

Am 24. Februar 1582 veroeffentlichte Papst Gregor XIII. in Tusculum, dem heutigen Frascati, die Bulle Inter gravissimas, mit der die Reform des julianischen Kalenders eingefuehrt wurde. Damit war der gregorianische Kalender geboren. Der Text steht auf dieser Seite oder auf der Website von Rodolphe Audette, dem ich noch einmal dafuer danke, dass ich seine Uebersetzung veroeffentlichen durfte.

Um die seit dem Konzil von Nizaea gegenueber dem Sonnenjahr aufgelaufene Verschiebung auszugleichen, sollten im Kalender 10 Tage entfallen. Vorgesehen war, dass auf den 4. Oktober 1582 nicht der 5., sondern der 15. Oktober 1582 folgen sollte.

Zehn verschwundene Tage, das ist nicht nichts. Das wirft gewiss allerlei Probleme auf: faellige Zahlungen, gestrichene Festtage, Verschiebungen bei landwirtschaftlichen Arbeiten. Genau darum geht es auf dieser Seite. Wir wollen sehen, wie das in den betroffenen Laendern tatsaechlich ablief. Dabei beschraenken wir uns auf das heutige Europa und auf Russland.

Warum Russland? Ganz einfach, weil dem Land in den Kalenderseiten keine eigene Seite gewidmet ist und man seine Kalenderentwicklung trotzdem nicht uebergehen kann.

Da wir die Grenzen der verschiedenen Laender, Koenigreiche und Staaten zur Zeit der Reform im Blick behalten muessen, schauen wir uns zuerst eine Karte an. Sie stammt von Alain Houot, dessen Website hier zu finden ist und dem ich herzlich fuer die Erlaubnis danke, seine Karten hier zu veroeffentlichen.

Die Reform im Allgemeinen

Der Text der Bulle richtete sich zuerst an die Mitglieder der katholischen Kirche. Dort gab es keinen Spielraum. Der Papst war die hoechste Autoritaet, also mussten die Betroffenen sie umsetzen.

Sie wurde aber auch an die Herrscher aller christlichen Staaten gesandt. Diese waren zwar in ihren Reichen selbst Herren, doch als gute Christen mussten sie dem Papst in dieser Sache gewissermassen entgegenkommen.

Blieben also die nichtchristlichen Staaten oder jene, die die Autoritaet des Papstes nicht anerkannten. Wie wir sehen werden, taten sich sowohl die protestantischen Staaten als auch die Kirchen des Ostens lange schwer damit, die gregorianische Reform zu uebernehmen.

Die Reform in Frankreich: eine kleine Verspaetung

Francesco Maiello mit Histoire du calendrier de la liturgie a l'agenda und Jerome Delatour mit La reception du calendrier gregorien en France haben sich ausfuehrlich mit der gregorianischen Reform in Frankreich beschaeftigt. Mit ein paar eigenen Anmerkungen folgen wir hier dem Ablauf und dem Stellenwert, den diese Reform bekam.

Rufen wir uns zunaechst die Grenzen Frankreichs in jener Zeit in Erinnerung. Wir schreiben das Jahr 1582:

Sagen wir es gleich: In Frankreich wurden die zehn in Inter gravissimas gestrichenen Tage im Dezember 1582 ausgelassen. Auf den 9. Dezember 1582 folgte dort der 20. Dezember 1582. Nach der Bulle haette die Streichung eigentlich schon im Oktober erfolgen muessen. Warum also diese Verspaetung, waehrend Italien, Spanien und Portugal die Vorgaben ohne Schwierigkeiten eingehalten hatten? J. Delatour sieht dafuer zwei, vielleicht sogar drei Gruende.

Der bequeme Vorwand hiess Antonio Lilio. Der Papst hatte ihm das Privileg eingeraeumt, den neuen Kalender zu drucken und zu verkaufen. Ueber Antonio wollte er den Astronomen Luigi Lilio, Antonios Bruder und Schoepfer des Kalenders, der 1576 gestorben war, nachtraeglich ehren.

Auf Wunsch des Papstes wurde Antonio Lilio dieses Privileg in Frankreich auch von Heinrich III. bestaetigt. Das Problem war nur: Antonio kuemmerte sich weder um Druck noch um Vertrieb des Kalenders. Ohne Kalender aber waren die franzoesischen Drucker blockiert. So verstrich der Oktober, der offizielle Termin der Reform, ohne dass der Kalender uebersetzt oder gedruckt worden waere.

Die koenigliche Verordnung, die die Reformdaten fuer Frankreich festlegte, stammt vom 3. November 1582. Am Tag darauf erteilte Heinrich III. Jacques Kerver das Privileg, den Kalender zu drucken. Daneben hatte er allerdings schon am 16. September stillschweigend Jean Gosselin das Recht eingerauemt, franzoesische Uebersetzungen zu drucken. Als Mitte November der Nuntius in Frankreich, Giovanni Battista Castelli, erfuhr, dass der Papst Lilios Privileg aufgehoben hatte, konnte nun endlich jeder, der wollte, den lang erwarteten Kalender drucken. Und genau das geschah: Pillehotte in Lyon, Kerver in Paris, aber auch Platin in Antwerpen oder Basa in Rom.

Der unausgesprochene Grund koennte Christophe de Thou, der erste Praesident des Parlement, gewesen sein. J. Delatour selbst betont, dass man diese Erklaerung im Konjunktiv lassen muss. Bewiesen ist sie nicht. Sie stuetzt sich nur auf eine auffaellige Folge von Daten.

Christophe de Thou war eine einflussreiche und geachtete Figur. Dass der Heilige Stuhl sich in die Angelegenheiten der gallikanischen Kirche einmischte, missfiel ihm. Nach einer ersten, folgenlosen Warnung bei der Einfuehrung des Neujahrsstils am 1. Januar im Jahr 1564, als der 1. Januar zum ersten Tag des Jahres wurde, war er nach Aussage seines Sohnes Jacques-Auguste de Thou entschlossen, die gregorianische Reform nicht zuzulassen. Er widersetzte sich dem Koenig und wurde dabei krank.

Ab diesem Punkt faellt J. Delatour die zeitliche Koinzidenz auf:

Der peinliche Grund hiess Festtage. Aus dem einen oder anderen der eben genannten Gruende oder, um es mit Paul de Foix zu sagen, der dem Papst die Lage erklaeren sollte, „weil es hier irgendein Hindernis gegeben habe, das ich nicht herausfinden konnte“, mussten Ersatztermine fuer die urspruenglich geplanten Daten gefunden werden.

Zehn Tage mussten gestrichen werden. Vor allem aber musste Ostern 1583 in Frankreich am selben Tag gefeiert werden wie in Rom. Der Koenig wollte zudem, dass auch Weihnachten gleichzeitig in Rom und Paris gefeiert wurde. Die Reform musste also vor dem 25. Dezember 1582 stattfinden.

Den 11. November konnte man nicht streichen. An diesem Tag endeten die Ferien des Parlement, es war auch Termin fuer Miet- und Vertragszahlungen. Ausserdem lag er zu nah an der Entscheidung des Rates.

Auch den Tag, an dem „alles Wurzel fasst“, die heilige Katharina am 25. November, wollte man nicht antasten, ebenso wenig den wichtigen Andreastag am 30. November, den Nikolaustag am 6. Dezember, der fuer Weinhaendler, Kohlenhaendler und Schiffer von Bedeutung war, oder das Fest der Unbefleckten Empfaengnis am 8. Dezember. Also sprang man mit moeglichst wenig Schaeden vom 9. auf den 20. Dezember.

Und wenn dabei ein gutes Stueck der Adventszeit wegfiel, dann war das eben so. Fuer die Pariser genuegte es, ihren Beginn auf den 18. November 1582 vorzuverlegen. Anderswo regelte man es, wie es eben ging, selbst wenn Adventssonntage mitten in der Woche gefeiert werden mussten.

Ebenso wenig kuemmerte man sich um den Papst, der Ende Oktober oder Anfang November beschlossen hatte, in Frankreich die Tage vom 11. bis 20. Februar 1583 zu streichen. Frankreich hatte bereits entschieden. Damit war Gregors Loesung hinfaellig. Ob der Koenig am 9. Dezember 1582 in Paris eine gewaltige Prozession organisierte, um dem Papst zu gefallen, oder um den letzten Tag des julianischen Kalenders in Frankreich zu feiern, bleibt offen.

Heinrich III., Francois Quesnel dem Aelteren zugeschrieben.
Heinrich III., Francois Quesnel dem Aelteren zugeschrieben. © RMN-Grand Palais / Stephane Marechalle

Heinrich III. (1551-1589), Sohn Heinrichs II., regierte von 1574 bis 1589. Er war der letzte Koenig aus dem Haus Valois. Darunter die Verordnung, mit der der gregorianische Kalender in Frankreich eingefuehrt wurde.

Verordnung in Form eines Befehls an die Stadtvoigte ueber die Reform des Kalenders.

Paris, 2. und 3. November 1582, am 10. an den Pariser Kreuzungen mit Trompetenschall veroeffentlicht.

Unser Getreuer und Wohlgeliebter, da unser heiliger Vater Papst Gregor der Dreizehnte einen kirchlichen Kalender verordnet hat, den seine Heiligkeit uns wie allen anderen Koenigen, Fuersten und Machthabern der Christenheit zugesandt hat und durch den es notwendig geworden ist, im gegenwaertigen Jahr aus den darin ausfuehrlich dargelegten Gruenden zehn volle Tage zu streichen, und obwohl seine Heiligkeit bestimmt hat, dass diese Streichung im vergangenen Oktober vorgenommen werden solle, konnten wir dies in jenem Monat nicht ausfuehren. Da wir aber wollen, dass die heiligen Anordnungen des Heiligen Stuhls in unserem Koenigreich gelten und beachtet werden, wie es sich geziemt, und damit wir uns in dieser Sache nicht von anderen Fuersten trennen, die den genannten Kalender bereits angenommen und durchgesetzt haben, ordnen wir an, dass nach Ablauf des 9. Tages des Monats Dezember der folgende Tag, der ansonsten der 10. waere, im gesamten Koenigreich als der 20. dieses Monats zu zaehlen sei, der darauf folgende als der 21., an dem das Fest des heiligen Thomas gefeiert werde, der naechste als der 22., der folgende als der 23. und der darauf folgende als der 24. So soll der Tag danach, der nach dem alten Kalender der 15. gewesen waere, als der 25. gerechnet werden und an ihm das Weihnachtsfest gefeiert werden. Das gegenwaertige Jahr endet sodann sechs Tage nach diesem Weihnachtsfest, und das naechste Jahr, das man 1583 nennen wird, beginnt am siebten Tag nach der Feier desselben Weihnachtsfestes. Dieses Jahr und alle folgenden sollen danach wieder ihren vollen und ganzen Lauf haben wie zuvor. Von dieser unserer Absicht und Verordnung haben wir Euch in Kenntnis setzen wollen, damit Ihr ihr Folge leistet, ihre Beachtung durchsetzt und fuer die Gottesdienste sorgt, die fuer die Adventstage des Weihnachtsfestes und fuer andere von der Kirche an den gestrichenen Tagen angeordnete Feste zu halten sind. Lasst sie in den Predigten der Kirchen Eurer Dioezese verkuenden und verlesen, wie wir es auch unseren Parlements, Baillis und Seneschallen in ihrem jeweiligen Bereich und ihrer Gerichtsbarkeit auftragen, damit niemand Unwissenheit als Entschuldigung vorschuetzen kann. Versaeumt dies nicht, denn so ist unser Wille.

Wie wurde die Reform in Frankreich aufgenommen?

Francesco Maiello weist in seinem Buch darauf hin, dass nur etwa ein Viertel der um 1582 gefuehrten livres de raison die Einfuehrung des gregorianischen Kalenders ueberhaupt vermerken. Diese livres de raison waren persoenliche Aufzeichnungen, in denen man ebenso wirtschaftliche Angaben wie Haushalts- oder Werkstattabrechnungen notierte wie auch Dinge aus dem Alltag: Familienereignisse, Almanachabschriften und vieles andere. In der Regel fuehrte sie das Familienoberhaupt.

F. Maiello schliesst daraus zu Recht, dass unser heutiges System der zeitlichen Orientierung nach Jahren, Monaten und Monatstagen, kurz nach Datumsangaben, damals noch laengst nicht zur Gewohnheit geworden war. Einen bestimmten Tag, etwa den 24. August 1572, nannte man nur selten. Zur Orientierung griff man viel haeufiger auf kirchliche Festtage zurueck, zum selben Beispiel also auf den Bartholomaeustag.

«Auf dem franzoesischen Land orientierten sich die Bauern in der Zeit an den Jahreszeiten, aber auch an den Festen und besonders an denen der Heiligen», schreibt Maiello. Die noch heute bekannten Sprichwoerter liefern den Beleg. Greifen wir eines heraus: „An der heiligen Luzia werden die Tage um einen Flohsprung laenger.“

Ganz so zufaellig ist die Wahl nicht. Vor der Reform lag der Luzientag auf dem 23. Dezember, also kurz nach der Wintersonnenwende. Nach der Reform fiel er wegen der zehn gestrichenen Tage jedoch auf den 13. Dezember, also auf einen Zeitpunkt, an dem die Tage noch kuerzer werden.

1588 versuchte Etienne Tabourot des Accords, das Sprichwort durch „Am Vorabend von Weihnachten schleicht sich die Sonne davon“ zu ersetzen. Vergeblich.

Trotzdem blieb es dabei, dass der neue Kalender nicht nur eine quantitative Zeitmessung betraf. Dazu kamen Faelligkeiten fuer Pacht und andere Zahlungen.

J. Delatour hilft uns dabei, genauer zu verstehen, wie die gregorianische Reform in den verschiedenen Schichten der Bevoelkerung aufgenommen wurde.

Abgesehen von einigen Eingeweihten wurde die Mehrheit der franzoesischen Bevoelkerung von der Reform ueberrumpelt. Zwischen der koeniglichen Verordnung vom 2. November und der Streichung der zehn Dezembertage lag kaum Zeit. Wie haetten wir reagiert, wenn die Einfuehrung des Euro auf dieselbe Weise, ploetzlich und ohne Erklaerung, erfolgt waere?

Nach J. Delatour wurde der neue Kalender vor allem von zwei Dingen abhaengig unterschiedlich aufgenommen: vom Bildungsstand und von der Religion.

Im Vertragswesen lief alles vergleichsweise ruhig ab. Das Parlement von Paris hatte betont, dass Zahlungsfristen nicht um zehn Tage verkuerzt werden duerften. Die koeniglichen Gerichte wachten ihrerseits darueber, dass diese Regel strikt eingehalten wurde.

Die Gebildeteren nahmen den neuen Kalender eher wohlwollend auf und versaeumten dabei nicht, den „volkstuemlichen Obskurantismus“ zu tadeln, wie J. Delatour schreibt.

Den besten Eindruck dieser je nach sozialer Schicht gemischten Aufnahme gibt vielleicht Montaigne. Einmal beklagt er sich ueber die Aenderung:

«Dass die neue Ausloeschung der zehn Tage des Papstes mich derart aus der Bahn geworfen hat, dass ich mich daran nicht ordentlich gewoehnen kann. Ich gehoere zu den Jahren, in denen man anders zaehlte. Ein so alter und langer Gebrauch beansprucht mich fuer sich und zieht mich zu sich zurueck. Ich bin darin gezwungen, ein wenig ketzerisch zu sein. Mein Vorstellungsvermoegen wirft sich gegen meinen Willen immer zehn Tage weiter vor oder zurueck und knurrt mir ins Ohr.»

Dann wiederum stellt er fest, dass fuer die Bauern, die eine andere Zeitordnung verwenden, kaum etwas veraendert wird:

«Wie viele Veraenderungen dieser Reform doch folgen muessen. Es war, als ruehre man Himmel und Erde zugleich auf. Und doch rueckt nichts von seinem Platz. Meine Nachbarn finden die Zeit fuer Saat und Ernte, fuer ihre Geschaefte, die unguenstigen und guenstigen Tage genau dort wieder, wo sie sie immer angesetzt hatten.»

Vermutetes Portraet von Montaigne, anonym.
Vermutetes Portraet von Montaigne, anonym. Foto (C) RMN-Grand Palais (Domaine de Chantilly) / René-Gabriel Ojéda

Michel Eyquem de Montaigne (1533-1592). Nach einem Jurastudium wurde er Magistrat, zuerst in Perigueux, spaeter am Parlement von Bordeaux.

1571 zog er sich in die „librairie“ seines Schlosses in der Dordogne zurueck, um zu lesen und zu schreiben. Von dort aus konnte er gut beurteilen, wie sich die gregorianische Reform auf den landwirtschaftlichen Alltag auswirkte.

Und die Gelehrten? Sie erkannten sehr schnell die Schwaechen der gregorianischen Reform: Das Jahr blieb immer noch zu lang, und die ueberschuessigen Tage, die sich zwischen der julianischen Reform und dem Konzil von Nizaea angesammelt hatten, wurden nicht vollstaendig ausgeglichen.

Das ist kein Wunder. Der franzoesische Kirchenrechtler und Naturforscher Pierre d'Ailly (1351-1420) hatte den Irrtum des julianischen Kalenders schon erkannt und einen Gesandten an das Konzil von Konstanz geschickt, um eine Reform anzuregen. Man schenkte ihm dort keine Beachtung.

Vor ihm hatten Robert Grosseteste, Bischof von Lincoln, und spaeter Roger Bacon bereits den Fehler des julianischen Kalenders kritisiert. Bacon rechnete 1267 im Opus majus vor, dass das julianische Jahr das Sonnenjahr um 11 Minuten pro Jahr uebertrifft. Das summiert sich auf einen ganzen Tag in 120 Jahren. Und deshalb faellt Ostern auf ein falsches Datum.

Roger Bacon in Farbe dargestellt, nach dem Werk Symbola aureae mensae duodecim nationum, Seite 450.
Roger Bacon in Farbe dargestellt, nach dem Werk Symbola aureae mensae duodecim nationum, Seite 450. Michael Maier, Gemeinfrei, über Wikimedia Commons

Roger Bacon (1212-1294), unermuedlicher Polemiker, kuehner Philosoph, Mathematiker, Logiker, Grammatiker und hervorragender Experimentator, ist die originellste Gestalt des franziskanischen Denkens im 13. Jahrhundert.

Er bezeichnete sich selbst als „in allen Wissenschaften sehr gelehrt“ und als Leser des Aristoteles „mehr als irgendein anderer“ vor ihm. Zugleich war er ein frueher Vertreter der experimentellen Methode und der bedeutendste Linguist seiner Zeit. Encyclopaedia Universalis.

Es war ein Fehler, die Lehren der Kirche in Frage zu stellen, und Bacons heftige Bitten blieben unbeachtet.

Die Reform in England: erst ein Fehlversuch, dann viel Feinarbeit

1582 erhielt Francis Walsingham, Berater von Koenigin Elisabeth I., im Rahmen diplomatischer Korrespondenz eine Abschrift der Bulle Inter gravissimas und leitete sie im Namen des Privy Council, eines kleinen Kreises von etwa zwanzig der Koenigin ergebenen Personen, an John Dee zur Begutachtung weiter.

John Dee ist eine faszinierende und schwer einzuordnende Figur. Er war Wissenschaftler und Mathematiker ersten Ranges, betrieb aber zugleich Astrologie. Durch das Horoskop fuer Maria Tudor gelangte er an den Hof. Sein Einfluss war so gross, dass Elisabeth I. auf seine Vorhersagen und Ratschlaege hoerte und ihre Kroenung auf den 17. Januar 1559 legte.

Er war Philosoph und befasste sich doch mit Magie. Er war ueberzeugter Kopernikaner und behauptete zugleich, mit Engeln zu sprechen.

John Dee (1527-1608 oder 1609).
John Dee (1527-1608 oder 1609). Gemeinfrei, über Wikimedia Commons

John Dee (1527-1608 oder 1609), Astronom, Geograph und Mathematiker des 16. Jahrhunderts, verdankte seinen wissenschaftlichen Ruf auch seinen Arbeiten zur Alchemie, Astrologie und zum Okkulten. Als koeniglicher Astrologe erstellte er die Horoskope Elisabeths I. Als wissenschaftlicher Berater des Hofes wurde er 1553 vor die Star Chamber gestellt und, ohne Erfolg, der Hexerei und Ketzerei beschuldigt. Dreissig Jahre spaeter zerstoerte eine von seinen Kenntnissen der schwarzen Magie erschreckte Menge sein Haus und seine Bibliothek, die groesste philosophische und wissenschaftliche Sammlung des elisabethanischen England.
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Mit einer Privatbibliothek, die als eine der reichsten des Koenigreichs galt, und mit bester Kenntnis der astronomischen Neuerscheinungen war er fuer Fragen nach Sonnen- und Mondbewegungen bestens geruestet.

Er war also bestens in der Lage, sich zu der Kalenderfrage zu aeussern, die Walsingham ihm vorlegte.

Dee machte sich mit Begeisterung an die Arbeit und uebergab Lord Treasurer Burghley, einem Berater der Koenigin, eine Abhandlung von 62 Seiten: «Loyale Adresse und demuetige Ratschlaege an unsere gnaedige Koenigin Elizabeth, welche ihre hoechste Majestaet zu Rate ziehen und erwägen moege, betreffend die notwendige Reform des gebraeuchlichen Kalenders fuer die Zaehlung und Ueberpruefung der bürgerlichen Jahre und Tage nach der tatsaechlich verstrichenen Zeit.»

In diesem Titel steckt schon fast alles, was der Rest des Textes ausfuehrt. Halten wir uns an einige Worte daraus:

Am Ende strich Dee in einem Entwurf fuer den Kalender 1583 dann doch nur zehn Tage.

Warum dieser Unterschied? Dazu gibt es zwei Deutungen, die ich hier nenne, ohne sie fuer allzu gut belegbar auszugeben.

Die erste besagt, Burghley habe Dees Text noch drei weiteren Beratern der Koenigin vorgelegt. Diese haetten zwar seine Berechnungen fuer richtig gehalten, aber gemeint, man solle den englischen Kalender lieber mit jenem der anderen Laender in Einklang bringen, die die gregorianische Reform bereits uebernommen hatten. Da das Konzil von Nizaea von Konstantin und nicht vom Papst initiiert worden war, blieb der protestantische Ehrbegriff gewahrt.

Die zweite besagt, dass Dee von niemandem unter Druck gesetzt wurde ausser von seinem eigenen Schaltjahrsystem auf Grundlage eines 33-jaehrigen Zyklus, den ein Kaplan namens Richard Monk entworfen hatte. Dee hatte seinen ersten Kalender fuer 1582 aufgestellt, und damals waren elf Tage noetig. Als er denselben Entwurf fuer 1583 ueberarbeitete, koennte er wegen dieses Schaltjahrsystems angemerkt haben, dass nun zehn Tage genuegten, weil 1583 in seinem System ein Schaltjahr gewesen waere. Das muesste ernsthaft ueberprueft werden.

Wie dem auch sei: Vor der Umsetzung musste noch die Kirche von England zustimmen. Also bat man sie darum, und diese Zustimmung blieb aus.

Die Kirche, vertreten durch Edmond Grindal, Erzbischof von Canterbury, liess sich mit ihrer Antwort reichlich Zeit, so sehr, dass die Koenigin ihn eigens mahnen musste. Als Begruendung brachte sie dann rein religioese Gruende vor: „Da der Bischof von Rom ein Antichrist ist, koennen wir mit ihm in keiner Sache Gemeinschaft haben.“

Dee entgegnete ganz zu Recht, dass nicht der Papst den Kalender mache, sondern die Astronomie. Ein Gesetzesentwurf wurde sogar im Parlament eingebracht, ein «Acte, der Ihrer Majestaet die Befugnis verleihen soll, unseren Kalender zu verbessern und ihn dem neuen Kalender anzupassen, der in anderen Laendern in Gebrauch ist».

Dabei blieb es.

Man kann ziemlich sicher annehmen, dass „Ihre Majestaet“ in jener Zeit keinen offenen Konflikt mit der eigenen Kirche riskieren wollte. Der aufziehende Streit mit Spanien fuellte ihre Tage bereits ausreichend.

1645 und 1699 wurden zwei weitere Reformversuche unternommen. Auch sie scheiterten am Widerstand der Kirche.

Das soll spaeter den Astronomen Johannes Kepler zu dem Satz veranlasst haben: „Die Protestanten sind lieber mit der Sonne uneins als mit dem Papst einig.“ Voltaire soll diesen Satz wieder aufgegriffen haben. Ich wuesste zu gern, wo genau.

Eine Reform bis ins Detail

Ganz erledigt war die Sache damit allerdings nicht.

Denn 1700 vergroesserte sich die Differenz um einen weiteren Tag. Dieses Jahr war im julianischen Kalender ein Schaltjahr, im gregorianischen aber nicht.

Denn 1707 entstand durch den Act of Union ein eigentliches Koenigreich Grossbritannien aus England, Schottland und Wales, der Vorlaeufer des spaeteren Vereinigten Koenigreichs von 1801. Da Schottland seit 1600 den Jahresbeginn am 1. Januar kennt, wenn auch noch im julianischen Kalender, waehrend England weiterhin am 25. Maerz festhaelt, gibt es drei Monate lang einen Jahresunterschied in den Datierungen.

Denn England gilt um 1750 als eines der wissenschaftlich fortschrittlichsten Laender Europas und zugleich als Hochburg des Uhrenbaus. Einen „primitiven“ Kalender ohne wissenschaftliche Rechtfertigung weiterzufuehren, macht sich da schlecht.

Denn England ist inzwischen auch eine grosse Wirtschafts- und Handelsmacht. Die Briten koennen zwar ihre internationale Korrespondenz notfalls sowohl nach Old Style als auch nach New Style datieren, doch angenehm ist das fuer niemanden.

Kurz: England war reif fuer eine Reform. Es fehlten nur noch ein Ausloeser und der Wille, sie anzupacken. Beides fand sich 1750. Der Ausloeser hiess George Parker, der Wille Philip Dormer Stanhope, Earl of Chesterfield, kurz Lord Chesterfield.

Am 10. Mai 1750 hielt George Parker in der Royal Society eine Rede mit einem Titel, der ebenso langatmig war wie der Vortrag selbst: «Bemerkungen ueber Sonnen- und Mondjahre, den 19-jaehrigen Zyklus, gemeinhin Goldene Zahl genannt, die Epakten und die Berechnung des Ostertermins, wie sie in den meisten Nationen Europas gebraeuchlich ist.»

Der Autor dieses Textes, so trostlos wie meine Seite ueber den liturgischen Kalender, war George Parker, zweiter Earl of Macclesfield, Amateurastronom und enger Freund von James Bradley, dem royalen Astronomen, den man nicht mehr vorzustellen braucht.

Parker erklaerte seinen Landsleuten, wie falsch ihr Kalender sowohl bei der Jahreslaenge als auch bei der Berechnung des Osterdatums lag. Genau das hatte John Dee schon 170 Jahre frueher gesagt.

Wenn einer bei dieser Rede nicht einschlief, dann Lord Chesterfield. Er war zwar kein Fachmann, warf sich aber entschlossen in die Kalenderreform.

Philip Dormer Stanhope, 4. Earl of Chesterfield (1694-1773), englischer Schriftsteller und Staatsmann, bekannt fuer den geistreichen Briefwechsel mit seinem Sohn.
Philip Dormer Stanhope, 4. Earl of Chesterfield (1694-1773), englischer Schriftsteller und Staatsmann, bekannt fuer den geistreichen Briefwechsel mit seinem Sohn. Allan Ramsay, Gemeinfrei, über Wikimedia Commons

Chesterfield wurde in London geboren. Nach einem Studium in Cambridge schlug er 1715 die politische Laufbahn ein, wurde ins House of Commons gewaehlt und zog 1726 nach dem Tod seines Vaters ins House of Lords ein. Er unterstuetzte Robert Walpoles Politik, wurde Botschafter in den Niederlanden und schloss sich spaeter, nach seiner Entlassung wegen des Widerstands gegen eine neue Steuer, der Opposition an. Zwischen 1745 und 1764 war er Lord Lieutenant von Irland und bemuehte sich dort um einen Ausgleich zwischen verfeindeten Gruppen. Spaeter wurde er Staatssekretaer unter George II. Er starb am 24. Maerz 1773 in London.

Von Astronomie verstand er vielleicht wenig. Aber er war geistesgegenwaertig und schlau. Also setzte er auf ein neues Medium: die Presse. Unter Pseudonym veroefentlichte er in der Londoner Zeitung The World zugleich lehrreiche und unterhaltsame Artikel. Mit der Zeit wurde er, wie er selbst an seinen Sohn schrieb, „eine Art Astronom wider Willen“, malgre moi im franzoesischen Original.

Schliesslich gewann er die Mitglieder seiner Partei fuer sich und brachte im House of Lords einen Gesetzentwurf mit dem Titel „Gesetz zur Regelung des Jahresbeginns und zur Berichtigung des gebraeuchlichen Kalenders“ ein.

Ein Brief an seinen Sohn zeigt deutlich, wie er vorging: «Ich begann damit, mich mit den besten Juristen und den faehigsten Astronomen ins Benehmen zu setzen, und gemeinsam kochten wir einen Gesetzentwurf fuer diesen Zweck zusammen ... Ich wollte einen Text vorlegen, gespickt mit astronomischen Berechnungen, von denen ich kein einziges Wort verstand ... Also beschloss ich, lieber zu verfuehren als zu ueberzeugen, und erzaehlte ihnen die Geschichte der Kalender mit Anekdoten, die unterhalten sollten ... Sie meinten, ich verstuende viel davon, gerade weil ich sie nicht langweilte, und viele schwoeren, ich haette ihnen alles bestens erklaert.»

Die Sache war gewonnen. Chesterfield hatte recht, wenn er spaeter schrieb, seine Strategie habe ein schwieriges Gesetz durchgebracht.

Nach den drei ueblichen Lesungen wurde das Gesetz am 17. Mai 1751 verabschiedet und am 22. Mai 1751 von Koenig Georg II. verkuendet.

Man muss zugeben, dass der vom Parlament und von Chesterfield ausgearbeitete Text ein Musterbeispiel war: knapp, klar, vollstaendig, das genaue Gegenteil der aufgeblasenen und endlosen Texte jener Zeit.

Wir geben ihn hier nicht vollstaendig wieder, weil er recht lang ist und in Details geht, die fuer unser Thema kaum wichtig sind. Sie koennen ihn vollstaendig, in Paragraphen aufgeteilt, hier nachlesen.

Was steht in diesem Text?

Zuerst wird der Jahresbeginn ab 1752 auf den 1. Januar festgelegt. Das Jahr 1751 hat also nur 282 Tage, denn auf den 31. Dezember 1751 folgt der 1. Januar 1752.

Dann ordnet das Gesetz die Streichung von 11 Tagen im Jahr 1752 in England und seinen Kolonien an. Auf Mittwoch, den 2. September 1752, folgt Donnerstag, der 14. September.

Ausserdem gilt der neue Kalender fuer alle: fuer Klerus und Zivilbevoelkerung, fuer oeffentliche und private Angelegenheiten.

Das System der Schaltjahre und die Festlegung des Osterdatums entsprechen der gregorianischen Methode, ohne sie beim Namen zu nennen.

Der Rest des Textes versucht, alle wirtschaftlichen, religioesen, juristischen und verwaltungstechnischen Probleme vorwegzunehmen, die aus der Reform entstehen koennten. Er behandelt wirklich alles: Sitzungen aller Koerperschaften, Gewohnheitsrechte, Handel, Jahrmaerkte, Vertraege, Zinsen, Mieten, Aufschlaege, die Volljaehrigkeit mit 21 Jahren, das Ende von Dienstverhaeltnissen und sogar Gefangene, die kurz vor ihrer Entlassung stehen. Ein beeindruckendes Inventar. Genau das Gegenteil der franzoesischen Praxis, die Streitfaelle einzeln vor Gericht klaerte. Alles war vorgesehen, ausser ...

Ausser der Reaktion der Kirche. Vielleicht erwartete man noch einmal entschiedenen Widerstand. Doch dazu kam es nicht. Die Kirche, moeglicherweise im Bewusstsein, sich 170 Jahre lang aus schlechten Gruenden gestraeubt zu haben, nahm die Reform wohlwollend auf. Sie erfand sogar den Wahlspruch „Neuer Stil, wahrer Stil“.

Ausserdem weigerten sich die Londoner Bankiers, ihre Steuern weiterhin am traditionellen 25. Maerz 1753 zu zahlen. Sie zahlten 11 Tage spaeter, am 5. April 1753. Seitdem ist das in Grossbritannien bis heute der letzte Termin fuer die Steuerzahlung.

Und dann die Demonstrationen mit dem Ruf „Gebt uns unsere elf Tage zurueck!“. So zahlreich waren sie gar nicht, wie spaeter oft behauptet wurde. Es gab wohl einige in London und in Bristol. Dort protestierten verunsicherte Leute, die um ihre „Zinsen“ fuerchteten, gegen neue Festtage murrten oder glaubten, man streiche ihnen elf Tage Lohn. Wie viele von ihnen meinten wirklich, man nehme ihnen elf Tage Leben weg?

Von einem Aufstand war man jedenfalls weit entfernt. Und der Slogan waere fast unbeachtet geblieben, haetten ihn nicht William Hogarths Stiche festgehalten. Sehen Sie sich das Schild am Boden an, unter dem Bein des Kahlkopfs.

William Hogarth, Das Gastmahl im Wirtshaus, Oel auf Leinwand, erstes Bild der Serie The Election, 1754-1755. Sir John Soane’s Museum, London.
William Hogarth, Das Gastmahl im Wirtshaus, Oel auf Leinwand, erstes Bild der Serie The Election, 1754-1755. Sir John Soane’s Museum, London. © Sir John Soane's Museum
An Election Entertainment, Tafel I: Vier Drucke einer Wahl, hochaufloesender Stich.
An Election Entertainment, Tafel I: Vier Drucke einer Wahl, hochaufloesender Stich. William Hogarth, CC0, über Wikimedia Commons

William Hogarth (1697-1764), ein durch und durch englischer Charakter, beinahe karikaturhaft nationalistisch und frankreichfeindlich, den oeffentlichen Freiheiten und dem System der parlamentarischen Monarchie seines Landes eng verbunden, mitten drin im wirtschaftlichen Aufschwung, in den sozialen Veraenderungen und den geistigen Debatten des georgianischen England. Und doch ist seine Kunst mehr als eine blosse Illustration seiner Zeit, auch wenn sie oft wertvolle historische Dokumente liefert. Encyclopaedia Universalis.

Kann man also sagen, dass die Engländer 1751-1752 den gregorianischen Kalender uebernahmen?

Lord Chesterfield hatte keinerlei religioese Motive, sondern zivile. Man kann also sagen, dass in England der julianische Kalender so reformiert wurde, dass er mit dem gregorianischen Kalender der anderen Nationen zusammenfiel. Eine eigentliche Uebernahme des gregorianischen Kalenders war es nicht.

Auch wenn am Ende dasselbe herauskam.

Die Reform in der Schweiz: man laesst sich Zeit

Wenn man fuer die gregorianische Reform in der Schweiz, genauer gesagt in der Eidgenossenschaft der XIII Orte, im Jahr 1582 die Stoppuhr starten liesse, muesste man sie erst 1812 wieder anhalten. Mehr als 230 Jahre fuer den Wechsel vom julianischen zum gregorianischen Kalender.

Warum dauerte das so lange?

Im Wesentlichen aus zwei Gruenden.

Bevor wir den Verlauf der gregorianischen Reform selbst betrachten, rufen wir uns einige Grundzuege der Schweizer Geschichte in Erinnerung. Sie helfen beim Verstaendnis.

Aufteilung der Eidgenossenschaft und Konfessionen im 16. und 17. Jahrhundert

Karte der Eidgenossenschaft der XIII Orte im 16. Jahrhundert.
Karte der Eidgenossenschaft der XIII Orte im 16. Jahrhundert. © Encyclopaedia Universalis 2004, alle Rechte vorbehalten
Karten der Konfessionen in der Eidgenossenschaft im Jahr 1530.
Karten der Konfessionen in der Eidgenossenschaft im Jahr 1530. © CLIOTEXTE, 1997-2006, Patrice Delphin
Karten der Konfessionen in der Eidgenossenschaft im Jahr 1650.
Karten der Konfessionen in der Eidgenossenschaft im Jahr 1650. © CLIOTEXTE, 1997-2006, Patrice Delphin

Die Eidgenossenschaft umfasst also

Wer alles ueber die heutigen Kantone wissen moechte, findet eine ausgezeichnete Wikipedia-Seite hier.

Der Verlauf der gregorianischen Reform

Erinnern wir uns an den Satz von Johannes Kepler: „Die Protestanten sind lieber mit der Sonne uneins als mit dem Papst einig.“

Wenn man dazu noch den Spruch eines Mannes aus St. Gallen nimmt, «Wenn ich die Dreizehn Orte und ihre Zugewandten eine Erklaerung unterschreiben lassen wollte, dass es im Winter Schnee gibt, wuerden ein Dutzend Referenden nicht ausreichen», versteht man schon besser, warum die gregorianische Reform so lange brauchte, bis sie in der ganzen Eidgenossenschaft galt.

Erstmals wurde die Reform am 10. November 1583 auf der allgemeinen Tagsatzung der Orte vorgelegt.

Mit der bei der Landsgemeinde ueblichen Verzoegerung gehorchten die katholischen Orte dem Papst im Grossen und Ganzen, und man sprang dort vom 11. Januar 1584, dem letzten julianischen Datum, auf den 22. Januar 1584, das erste gregorianische Datum. Selbst Le Landeron, das mit Solothurn verbuendet war, zog mit.

Obwalden und Nidwalden zoegerten noch einen Monat, ehe sie die Reform auf Druck des Konstanzer Bischofs Markus Sittikus uebernahmen. Das genaue Datum des Wechsels kennt man nicht. Appenzell Ausserrhoden wartete dagegen bis 1724, wenn nicht sogar bis 1798. Noch heute feiert das kleine Dorf Urnaesch mit rund 2500 Einwohnern zweimal Silvester: am 31. Dezember und am 13. Januar, siehe hier.

Oeffnen wir eine kleine Klammer zum Bistum Basel. 1583 hatte es die Stadt Basel bereits verloren und wurde erst 1589 mit den katholischen Orten verbuendet.

Nach Auskunft des Konservators der AAEB, der Archive des alten Fuerstbistums Basel, dem ich fuer seine Hinweise herzlich danke, erfolgte die Datumsumstellung durch zwei Mandate. Das erste vom 3. Januar 1584 bestimmte, wie bei den katholischen Orten, den Sprung vom 11. Januar 1584 als letztem julianischen Datum zum 22. Januar 1584 als erstem gregorianischen Datum. Erstaunlicherweise war diesem Mandat jedoch schon ein anderes vom 15. Oktober 1583 vorausgegangen, das den Wechsel vom 20. Oktober auf den 30. Oktober 1583 anordnete. Da beide Reformen nicht gleichzeitig gegolten haben koennen, waere es interessant zu wissen, fuer welche Bevoelkerung die Anordnung vom 15. Oktober 1583 gedacht war. Wenn Sie dazu Hinweise haben, schreiben Sie mir gern.

Die reformierten Orte, einschliesslich der reformierten Teile des Bistums Basel, lehnten den neuen Kalender selbstverstaendlich ab. Sie zogen ihre Verbündeten in einen Widerstand hinein, an dessen Spitze die maechtigen Orte Zuerich und Bern standen.

Zur Verwirrung trug das Problem der gemeinen Herrschaften wie Thurgau und Aargau bei, wo konfessioneller Pluralismus herrschte, weil sie mehreren Orten unterschiedlicher Konfession unterstanden.

Nach langen Gespraechen und Verhandlungen kam man 1585 zu einem Kompromiss, den man so zusammenfassen kann: Jeder macht, was er will. Die allgemeinen Tagsatzungen wurden nach dem neuen Kalender datiert. Die religioesen Feste sollten nach dem neuen Kalender gefeiert werden, doch die Protestanten durften bestimmte Feste im neuen Stil feiern, es sei denn, die Gemeinde war mehrheitlich katholisch oder protestantisch.

Die protestantischen Staedte, Orte und Verbuendeten blieben dagegen beim julianischen Kalender.

So kam es, dass Feste wie Weihnachten oder Ostern in kleinen Gemeinden mit Simultankirche im Abstand von zehn Tagen zweimal gefeiert wurden, einmal katholisch und einmal protestantisch.

Diese Kakophonie hielt mit vereinzelten Aenderungen bis 1700 oder 1701 an.

So fuehrte das Unterwallis den gregorianischen Kalender schon 1622 ein, waehrend das ganze Wallis erst vom 1. Maerz 1656 im julianischen Kalender auf den 11. Maerz 1656 im gregorianischen Kalender sprang. Ausgenommen blieben natuerlich jene, die den neuen Kalender bereits verwendeten. Man kann sich das Durcheinander zwischen 1622 und 1656 vorstellen, als viele Schriftstuecke wohl doppelt datiert werden mussten.

Am 13. Februar 1700 warnten die Regierenden in Genf ihre Verbuendeten in Bern und Zuerich, dass die protestantischen Staaten Deutschlands den Wechsel zum neuen Kalender zum 1. Maerz beabsichtigten, und baten um deren Meinung. Bern antwortete in Absprache mit Zuerich sinngemaess: Es brennt nicht am See, darueber reden wir auf der naechsten Konferenz der evangelischen Orte.

Diese Konferenz tagte vom 10. bis 14. April julianisch in Aarau. Vertreten waren die protestantischen Orte Zuerich, Bern, Basel und Schaffhausen, die reformierten Teile von Glarus und Appenzell sowie die verbuendeten Staedte Biel, St. Gallen, Muelhausen, Neuenburg und Genf. Dort pruefte man ein Schreiben vom 30. Dezember 1699, in dem die Teilnehmer des Regensburger Reichstags ueber ihre Entscheidung informierten, den neuen Kalender aus wirtschaftlichen Gruenden zu uebernehmen.

Auf einer weiteren Konferenz in Baden im Juli 1700 beschloss man schliesslich, dass das Jahr 1701 am 12. Januar beginne. Man sprang also vom 31. Dezember 1700 im julianischen Kalender auf den 12. Januar 1701 im gregorianischen Kalender.

Muss man hier ueberhaupt von einem „gregorianischen Kalender“ sprechen? Die Konferenz von Baden betonte naemlich ausdruecklich, dass die Teilnehmer des Regensburger Reichstags nicht den „gregorianischen Kalender“, sondern den „reformierten julianischen Kalender“ uebernommen haetten.

Obwohl die Reform in den meisten protestantischen Orten und ihren Verbuendeten von Aarau beschlossen wurde, zoegerten einige weiterhin, etwa die Stadt St. Gallen, die bis 1724 wartete, oder der reformierte Teil von Glarus, der den reformierten julianischen Kalender erst im Juli 1798 uebernahm.

In Graubuenden laesst sich der Verlauf der gregorianischen Reform kaum noch entwirren. Grob gesagt wechselten die katholischen Gemeinden um 1623 oder 1624 zum neuen Kalender, waehrend die gemischten Gemeinden in Unordnung folgten, die katholischen Mitte des 17. Jahrhunderts, die protestantischen oft erst ein Jahrhundert spaeter oder noch spaeter.

Die lange Geschichte der gregorianischen Reform in der Schweiz endete 1812, als zwei kleine Doerfer Graubuendens, Schiers und Gruesch im Praettigau, gezwungenermassen ebenfalls den neuen Kalender annahmen, der da schon fast 250 Jahre alt war. Fuer Europa war das ein Rekord. Asterix hatte Nachahmer gefunden.

Die Reform in Russland: man wird mehr als drei Jahrhunderte warten muessen

Beginnen wir mit dem Schauplatz.

Wen die Chronologie der russischen Geschichte interessiert, dem empfehle ich diese Website. Gehen wir dafuer besser nicht zu Wikipedia, sonst uebersehen wir am Ende noch Peter den Grossen. Das waere doch etwas viel.

Warum keine eigene Seite nur zum russischen Kalender?

Ich habe lange damit gehadert. Man kann aber schwer behaupten, dass der russische Kalender, in welcher Epoche auch immer, so eigenstaendige Merkmale aufweist, dass man es mit einem wirklich originellen Kalender zu tun haette. Russland uebernimmt mit Jahren, oft mit Jahrhunderten Verspaetung im Wesentlichen nur das, was andere Laender laengst eingefuehrt und benutzt haben.

Damit uns dennoch nichts entgeht, verfolgen wir die Entwicklung und die Veraenderungen dieses Kalenders auch ueber die eigentliche gregorianische Reform hinaus.

Zuerst ein byzantinischer Kalender

Die Russen benutzten den julianischen Kalender bis ins 20. Jahrhundert.

Genauer gesagt benutzten sie den byzantinischen Kalender, der nichts anderes ist als der julianische Kalender mit einigen Abwandlungen:

Zwei Fragen stellen sich.

  1. Welcher Kalendertyp war im alten Russland vor dem byzantinischen Kalender in Gebrauch? Die Antwort ist einfach: Nun ja ... so genau weiss man es nicht.
  2. Wo lag der Schalttag im byzantinischen Kalender? Genau wie im julianischen Kalender, indem der 24. Februar verdoppelt wurde, also der sechste Tag vor den Kalenden des Maerz.

Vom julianischen zum gregorianischen Kalender

Wesentliche Veraenderungen, die aus dem byzantinischen Kalender einen reinen julianischen Kalender machten, verdanken die Russen Peter dem Grossen (1672-1725).

Portraet Peters I. im Eremitage-Museum, Sankt Petersburg.
Portraet Peters I. im Eremitage-Museum, Sankt Petersburg. Jean-Marc Nattier, Gemeinfrei, über Wikimedia Commons

Peter I. Alexejewitsch, genannt Peter der Grosse, erster Kaiser aller Reussen, geboren am 9. Juni, nach altem Stil 30. Mai 1672, im Moskauer Kreml, gestorben am 8. Februar, nach anderem Stil 28. Juli 1725, in Sankt Petersburg. Die Russen verdanken ihm tiefgreifende Kalenderaenderungen. Den Schritt zur gregorianischen Reform ging er jedoch nicht.

Gegen den Widerstand der Kirche entschied er, dass das Jahr am 1. Januar beginnt. Ausserdem liess er die Jahre nach der christlichen Aera zaehlen. Der 1. Januar 7208 wurde so zum 1. Januar 1700, und zugleich zum Jahresanfang. Noch immer befand man sich dabei im julianischen Kalender, obwohl der gregorianische bereits seit fast 130 Jahren existierte. 1709 wurde der erste russische julianische Kalender gedruckt, 127 Jahre nach der Geburt des gregorianischen Kalenders.

Allerdings sollte man erwaehnen, dass das russische Aussenministerium seit dem 15. Jahrhundert in seinen Beziehungen zum Ausland bereits den gregorianischen Kalender benutzte.

1829 legte das Ministerium fuer Volksaufklaerung der Akademie der Wissenschaften ein Projekt fuer eine Kalenderreform vor.

Fuerst Lieven, welcher Lieven genau, ist nicht klar, legte das Projekt Zar Nikolaus I. vor und zerzauste es gruendlich. Er nannte es „verfrueht, unnuetz und geeignet, bei den Menschen Umwaelzungen und Verwirrung im Geist hervorzurufen“. Dann fuegte er hinzu, «der Nutzen einer solchen Reform waere gering und unbedeutend, waehrend die Nachteile und Schwierigkeiten unvermeidlich und gross waeren».

Der Zar notierte auf dem Bericht: „Die Bemerkungen des Fuersten Lieven sind zutreffend und gerecht.“ Damit war das Reformprojekt erledigt.

Bis 1918 musste man warten, ehe sich die gregorianische Reform in der Sowjetunion mehr oder weniger durchsetzte.

Foto von Lenin, Juli 1920.
Foto von Lenin, Juli 1920. Pavel Semyonovich Zhukov (1870-1942), Gemeinfrei, über Wikimedia Commons

Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, der Mann von der Lena, 22. April 1870 bis 21. Januar 1924, Gruender der bolschewistischen Partei und Gruender der Sowjetunion, setzte nach der Oktoberrevolution den „gregorianischen Stil“ durch.

Die Initiative ging auf Lenin zurueck, um, wie er sagte, „mit allen zivilisierten Laendern der Welt in Uebereinstimmung zu sein“.

Durch ein Dekret des Rates der Volkskommissare vom 24. Januar 1918 wurde der korrigierte Kalender unter dem Namen „neuer Stil“ eingefuehrt.

Dafuer mussten 13 Tage gestrichen werden, und auf den 31. Januar 1918 des julianischen Kalenders folgte der 14. Februar 1918 im neuen Kalender.

Doch wenn die bolschewistische Regierung diesen Kalender offiziell akzeptierte, galt das fuer die russisch-orthodoxe Kirche nicht. Sie blieb der Tradition treu und benutzte weiter den alten julianischen Kalender.

Und nicht nur die Kirche. 1918 befand sich Russland mitten im Buergerkrieg. Den „Roten“ um Lenin standen die „Weissen“ um Koltschak gegenueber, die den julianischen Kalender weiterhin verwendeten, nachdem die bolschewistischen Roten den gregorianischen uebernommen hatten.

So wurde die Einfuehrung des neuen Stils, wie in Frankreich, in der Schweiz und in vielen anderen Laendern, in recht ungeordnetem Tempo vollzogen. Das Reformdekret galt sofort in Moskau und Sankt Petersburg. Omsk wartete bis Ende Oktober 1918, und die Republiken ganz im Osten fuehrten den neuen Stil erst 1920 ein, nach und nach mit den Niederlagen der weissen Truppen.

Eine merkwuerdige Fuenf-Tage-Woche

Als der gregorianische Kalender fuer zivile Zwecke schliesslich akzeptiert war, koennte man meinen, damit waere Ruhe eingekehrt.

Das Gegenteil war der Fall. Zwei aufeinanderfolgende Umwaelzungen der Woche beeinflussten den noch ganz neuen russischen Kalender im gregorianischen Stil massiv.

Gehen wir rasch ueber einen gescheiterten Versuch hinweg, wie in Frankreich einen Revolutionskalender einzufuehren. Nach Toke Norby geschah das 1923.

Die erste Umwaelzung setzte 1929 ein. Eviatar Zerubavel, der das Phaenomen gruendlich untersucht hat, schildert es in seinem Buch The Seven Day Circle ausfuehrlich.

Im Mai 1929 schlug der Oekonom Jurij Larin (1882-1932) dem fuenften Kongress der Sowjetunion vor, die siebentaegige Arbeitswoche durch eine ununterbrochene Produktionswoche, die nepreryvka, zu ersetzen. Der Vorschlag stiess zunaechst nicht auf grosse Begeisterung, weckte aber das Interesse eines gewissen Joseph Stalin.

Die Idee machte schnell die Runde, und wer sich ihr widersetzte, wurde rasch als „konterrevolutionaerer buerokratischer Saboteur“ abgestempelt. Am 26. August 1929 kuendigte der Rat der Volkskommissare der UdSSR per Dekret an, dass ab dem 1. Oktober 1929 in allen Betrieben und Verwaltungen anstelle der traditionellen unterbrochenen Woche eine durchgehende „Arbeiterwoche“ gelten werde.

Einige von Ihnen fragen sich vielleicht, worin diese Umwaelzung eigentlich bestand, wie sie sich konkret aeusserte und was ihre Befuerworter damit wollten.

Dazu kommen wir jetzt. Ganz einfach ist die Sache nicht, also gehen wir langsam vor.

1928 laeuft die massive Industrialisierung gemaess dem ersten Fuenfjahresplan an. Und diese Industrialisierung verlangt, dass die Produktionsmittel ohne Unterbrechung ausgenutzt werden. Sie sollen also sieben Tage pro Woche laufen. Das funktioniert nicht mit einem gemeinsamen woechentlichen Ruhetag fuer alle. Die Arbeiter muessen ihren freien Tag auf unterschiedliche Wochentage verteilt bekommen.

Larin dachte als Oekonom. Sein „300 oder 360?“ ist wohl allein als Frage nach der optimalen Auslastung der Produktionsmittel zu verstehen. Man brauchte also nur die woechentlichen Ruhetage auf verschiedene Tage zu verteilen, die Technik musste noch erfunden werden, und schon schien das Problem geloest.

Was dann wirklich geschah, ist nicht ganz klar. Fest steht jedoch, so Zerubavel, dass der Rat der Volkskommissare am 24. September 1929, eine Woche vor Inkrafttreten der nepreryvka, den Beschluss vom 26. August abaenderte und hinzufuegte, die neue Woche werde ... fuenf Tage haben, von denen einer frei sei.

Wie lief das ab?

Der siebentaegige Wochenzyklus wurde durch einen fuenftaegigen Zyklus ersetzt, ohne einen gemeinsamen „woechentlichen“ Ruhetag fuer alle. Die freien Tage wurden eher willkuerlich verteilt: einige bekamen Montag, andere Dienstag, andere Mittwoch, damit die Arbeit in den Betrieben nicht mehr stillstand. An jedem Tag waren 80 Prozent der Bevoelkerung bei der Arbeit.

Das fuehrte dazu, dass die Arbeiter in Brigaden mit jeweils festem, aber unterschiedlichem Ruhetag eingeteilt wurden. Die Tage der Woche hatten keine Namen mehr, also nicht mehr Montag, Dienstag und so weiter, sondern nur noch eine Ordnungszahl, wie in der folgenden Tabelle.

Um die Brigaden zu unterscheiden, bekam jeder Tag eine Farbe. Vom ersten bis zum fuenften Tag waren das Gelb, Rosa, Rot, Violett und Gruen. Und wie Zerubavel schreibt, begannen die Menschen sogar, die „Farbe“ ihrer Bekannten ins Adressbuch einzutragen, um zu wissen, wann diese frei hatten.

Die Folgen dieses Systems, das wahrscheinlich auch genau diese Ziele hatte, liegen schnell auf der Hand:

Dazu kam, dass die Neuordnung der Woche auch eine Neuordnung des Jahreskalenders nach sich zog, der sich in einen „universellen Kalender“ verwandelte: 12 Monate zu 30 Tagen plus 5, in Schaltjahren 6, Tage ausserhalb der Monate. Diese 5 Tage galten als Feiertage:

Bedeutet das, dass der gregorianische Kalender tot war?

Ganz sicher nicht. Es gibt Ausgaben der Prawda, die die herkoemmlichen Datierungen beibehalten. Toke Norby, der die Sache von der Briefforschung her untersucht hat, weist zudem darauf hin, dass es keinen Poststempel mit dieser „Arbeiterwoche“ gibt. Ausserdem betraf dieser Kalender ohnehin nur einen Teil der Bevoelkerung, naemlich Arbeiter und Angestellte.

Doch diese Fuenf-Tage-Woche, die Stalin so gefiel, trug ihren eigenen Untergang bereits in sich.

Selbst mit einem Mischsystem, das man tatsaechlich fuer Spezialisten und leitende Kraefte einfuehrte, wonach deren freier Tag nur auf den zweiten oder vierten Tag fallen konnte, waehrend der dritte dem „Uebergabestaffelstab“ diente und der erste, dritte und fuenfte Tag Besprechungen vorbehalten wurden, geriet das System stark ins Wanken.

Und es kam, wie es kommen musste. Am 23. November 1931 setzte ein Dekret des Rates der Volkskommissare der UdSSR das System der Fuenf-Tage-Woche ausser Kraft. In Wahrheit war das sein Tod.

Eine merkwuerdige Sechs-Tage-Woche

Kehrte man nach diesem deutlichen Misserfolg zur Sieben-Tage-Woche zurueck? Keineswegs.

Ab dem 1. Dezember 1931 kannte die Sowjetunion die Sechs-Tage-Woche, wie die folgende Kalenderseite zeigt.

Tag der sozialistischen Revolution
1937 DEZEMBER 1937

12
sechster Tag der Sechs-Tage-Woche

Wahltag
im Obersten Sowjet
der UdSSR

Kurz: Die chestidnevki, die Sechs-Tage-Woche, ersetzte die nepreryvka.

Zuerst kehrte man zur Jahreseinteilung des gregorianischen Kalenders zurueck. Dann legte man fest, dass nach jeweils sechs Tagen ein Ruhetag folgt. Die Tage hatten weiterhin keine Namen und blieben nummeriert. Die freien Tage fielen also auf den 6., 12., 18., 24. und 30. eines jeden Monats.

Da nichts sauber geregelt war, blieb der 31. mal Arbeitstag und mal frei. Oft war der 1. Maerz frei, als Ersatz fuer einen nicht existierenden 30. Februar. Manchmal gab es aber auch, je nach Ort, neun Tage und in den Jahren 1936 und 1940 sogar zehn Tage am Stueck zwischen Februar und Maerz.

Wie ihr fuenftaegiger Vorgaenger war auch dieses System kein Erfolg. Am 26. Juni 1940 beendete das Praesidium des Obersten Sowjets die chestidnevki und kehrte zur guten alten Sieben-Tage-Woche zurueck. Offiziell wurde sogar der Sonntag wieder als Ruhetag eingesetzt. Der religioese Geist hatte gewonnen.

Diesmal war der gregorianische Kalender, wenn auch mit ein paar Jahrhunderten Verspaetung, in der Sowjetunion wirklich angekommen.

Und wie Eviatar Zerubavel treffend bemerkt, spielte die Landbevoelkerung eine grosse Rolle dabei, die Sieben-Tage-Woche zu erhalten. Zum einen aus Trotz. Zum anderen, weil sie von einem System, das in erster Linie fuer die Industrie gedacht war, gar nicht unmittelbar betroffen war.

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