Der aztekische Kalender

HINWEIS: Wegen der Ähnlichkeiten zwischen dem aztekischen und dem Maya-Kalender in ihrer Konstruktion empfiehlt es sich, zuerst den Abschnitt zu den Maya-Kalendern zu lesen. Auf dieser Seite werden nur die Unterschiede zwischen beiden Kalendersystemen behandelt.

Ein wenig Geschichte

Wir befinden uns weiterhin in dem Raum, der Mesoamerika genannt wurde (siehe Maya-Kalender), diesmal aber in seinem mexikanischen Teil.

In der Vergangenheit Mexikos lassen sich vier große Perioden unterscheiden (Quelle: Encyclopædia Universalis):

So sah die Lage aus, als im 13. Jahrhundert eine Gruppe von Chichimeken aus dem Norden im Tal von Mexiko auftauchte. Man nannte sie Mexicas oder Aztecas. Sie sagten, sie kämen von einem Ort namens „Aztlan“, und wurden von vier Priestern angeführt, die ihren Stammesgott Huitzilopochtli trugen. Geschickte und mutige Krieger, die sich nach und nach zu Herren Mexikos aufschwingen sollten:

1323 werden sie vom König von Culhuacan vertrieben. Dieser hatte eingewilligt, seine Tochter ihrem Anführer zur Frau zu geben, damit sie Kriegsgöttin werde - ohne zu ahnen, dass diese Vergöttlichung das Opfer seiner Tochter voraussetzte.

Wieder einmal mussten die Mexicas fliehen. Doch 1325 fanden sie den Ort, an dem Huitzilopochtli ihnen befohlen hatte, ihre Stadt zu bauen: dort, wo sie einen Adler auf einem Kaktus sehen würden, der eine Schlange verschlingt. Auf einer Insel im See Texcoco gründeten sie die Stadt Mexiko-Tenochtitlan. Etwas später errichteten sie auf einer Nachbarinsel die Zwillingsstadt Tlatelolco.

Um 1367 zwingt die Not sie jedoch dazu, sich als Söldner in den Dienst des tepanekischen Reiches von Azcapotzalco unter Tezozomoc zu stellen. Die Stadtstaaten des Tals fallen einer nach dem anderen.

Um 1376 wird Acamapichtli, Fürst von Culhacan, zum ersten Tlatoani (Priesterkönig) der Azteken gewählt.

1426 stirbt König Tezozomoc, und sein Sohn Maxtlazin (der „Tyrann Mextla“) setzt alles daran, die Azteken und die aufstrebende Macht, die sie darstellen, zu unterdrücken.

Die Azteken gehen aus der Auseinandersetzung als Sieger hervor, und von 1427 bis 1440 regiert derjenige, der die aztekische Vorherrschaft über das gesamte Tal von Mexiko begründet: Itzcoatl, unterstützt von seinem Berater Tlacaeelel. Dieser wird das Amt des Beraters unter drei Herrschern ausüben.

Unter seinem Einfluss entsteht das Dreibündnis der Städte Tenochtitlan, Texcoco und Tlacopan.

Von 1440 bis 1502, unter der Herrschaft von Moctezuma und seinen Nachfolgern (Axayacatl, Tizoc, Ahuiltzol), breitet sich das Aztekenreich immer weiter aus. Nur wenige Regionen widerstehen dem aztekischen Druck.

Moctezuma Xocoyotzun (1502-1520), gelähmt von der Erinnerung an die alten toltekischen Überlieferungen, glaubt in Hernán Cortés den toltekischen König Quetzalcoatl (die gefiederte Schlange) wiederzuerkennen, wie es prophezeit worden war. Auf seine Einladung hin ziehen die Konquistadoren am 8. November 1519 in Mexiko-Stadt ein.

Trotz eines letzten aztekischen Aufbäumens im Jahr 1520 beginnt die Belagerung von Mexiko im Mai 1521, und die Stadt fällt im August.

1525 ist das Aztekenreich endgültig Geschichte - ein Gebilde, das, wie wir gesehen haben, eher eine Staatenföderation als ein klassisches Imperium war.

Das Aztekenreich
Das Aztekenreich
Tenochtitlan, Hauptstadt des Aztekenreichs
Tenochtitlan, Hauptstadt des Aztekenreichs

Ein oder mehrere Kalender?

Wir haben gesehen, dass die Maya zwei Kalender verwendeten: Tzolkin und Haab. Wie war das bei den Azteken?

Auch bei ihnen existieren diese beiden Kalender. Der heilige Kalender heißt Tonalpohualli (bei den Maya Tzolkin). Der zivile Kalender heißt Xiuhpohualli (bei den Maya Haab).

1) Der Tonalpohualli-Kalender

Gleicher Aufbau wie beim Maya-Pendant: ein Zyklus von 260 Tagen. Auch die Funktionsweise ist dieselbe: ineinander greifende Rotation von dreizehn Zahlen und zwanzig Zeichen.

Ein Tag (tonali) besteht also aus der Kombination einer Zahl und eines Namens. Die Glyphen und Schutzgötter ändern sich jedoch:

Glyphe Name Übersetzung Schutzgott
Cipactli Krokodil Tonacatecuhtli
Ehecatl Wind Quetzalcoatl
Calli Haus Tepeyollotl
Cuetzpalin Eidechse Huehuecoyotl
Coatl Schlange Chalchihuitlicue
Miquizti Tod Tecciztecatl
Mazatl Hirsch Tlaloc
Tochtli Kaninchen Mayahuel
Atl Wasser Xiuhtecuhtli
Itcuintli Hund Mictlantecuhtli
Ozomahtli Affe Xochipili
Mamilalli Gras Patecatl
Acatl Schilf Tezcatlipoca
Ocelot Jaguar Tlazolteotl
Cuauhtli Adler Xipe Totec
Cozcacuauhtli Geier Itzpapalotl
Ollin Bewegung Xolotl
Tecpatl Feuerstein Chalchihuihtotolin
Quiahuitl Regen Tonatiuh
Xochitl Blume Xochiquetzal

Dieser heilige 260-Tage-Zyklus war in Zeitabschnitte von 13 Tagen gegliedert (trecenas, vergleichbar mit unseren Wochen), die unter dem Zeichen des Glyphen standen, mit dem die Reihe begann. Jede „Trecena“ stand außerdem unter dem Schutz einer Gottheit. Daraus ergibt sich folgende Verteilung:

Nr. Name Gott Nr. Name Gott
1 Cipactli Ometeotl 11 Ozomahtli Patecatl
2 Ocelotl Quetzalcoatl 12 Cuetzpalin Itzlacoliuhqui
3 Mazatl Tepeyollotl 13 Ollin Tlazolteotl
4 Xochitl Huehuecoyotl 14 Itzcuintli Xipe Totec
5 Acatl Chalchihuitlicue 15 Calli Itzpapalotl
6 Miquiztli Tonatiuh 16 Cozcacuauhtli Xolotl
7 Quiahuitl Tlaloc 17 Atl Chalchihuihtotolin
8 Malinalli Mayahuel 18 Ehecatl Chantico
9 Coatl Xiuhtecuhtli 19 Cuauhtli Xochiquetzal
10 Tecpatl Mictlantecuhtli 20 Tochtli Xiuhtecuhtli

2) Der Xiuhpohualli-Kalender

Gleicher Aufbau wie beim Maya-Pendant: „Jahr“ (xihuitl) = 18 „Monate“ (meztli) zu 20 Tagen + 5 unheilvolle Tage (nemontemi). Gleiche Funktionsweise ebenfalls: ineinander greifende Rotation von dreizehn Zahlen und zwanzig Zeichen. Ein Tag (tonali) besteht also aus der Kombination einer Zahl und eines Namens.

Dagegen ändern sich die Glyphen der meztli und ihre Bezeichnungen:

Monat Glyphe Name Übersetzung
I
Atlacacauallo Stillstand des Wassers
II
Tlacaxipehualiztli Häutung der Menschen
III
Tozoztontli Kleine Nachtwache
IV
Hueytozoztli Große Nachtwache
V
Toxcatl Dürre
VI
Etzalcualiztli Verzehr
VII
Tecuilhuitontli Kleines Fest der Würdenträger
VIII
Hueytecuihutli Großes Fest der Würdenträger
IX
Tlaxochimaco Blumenopfer
X
Xocotlhuetzin Fall der Früchte
XI
Ochpaniztli Kehren
XII
Teoleco Rückkehr der Götter
XIII
Tepeihuitl Fest der Berge
XIV
Quecholli Name eines Vogels
XV
Panquetzaliztli Aufrichten der Banner
XVI
Atemoztli Das Herabkommen des Wassers
XVII
Tititl Geburt
XVIII
Izcalli Wachstum
Nemontemi Die 5 unheilvollen Tage

Der letzte Tag des letzten Monats des Jahres (xihuitl) gab diesem seinen Namen. Dieser Name wurde mit einer Zahl von 1 bis 13 verbunden. Diese Art der Verzahnung nach dem Prinzip „ineinandergreifender Räder“ ist uns inzwischen vertraut. Es konnten nur vier Namen wiederkehren: Acatl (Schilf), Tecpatl (Feuerstein), Calli (Haus) und Tochtli (Kaninchen). Auf das Jahr 1-Schilf folgte also 2-Feuerstein, dann 3-Haus ...

Nach 52 Jahren sind alle Kombinationen ausgeschöpft, und der Zyklus beginnt wieder mit 1-Schilf.

3) Die Kalenderzählung

Dieser 52-Jahre-Zyklus, der also auch bei den Azteken existierte, trug den Namen xiuhmolpilli. Er war in vier Perioden zu je 13 Jahren unterteilt, die den Namen des Symbols trugen, das mit der Zahl 1 verbunden war. So sind etwa die 13 Jahre, die mit 1-Haus beginnen, die „Hausjahre“ oder das „Hauszeichen“. Am Ende dieses 52-Jahre-Zyklus feierten die Azteken das Neufeuerfest.

4) Die Zusatztage

Mit einem Jahr von 365 Tagen stimmte der Kalender nicht mit dem mittleren tropischen Jahr von ungefähr 365,25 Tagen überein. Wie korrigierten die Azteken diesen Abstand? Durch das Hinzufügen eines Tages alle vier Jahre wie im julianischen Kalender, durch mehrere Zusatztage in regelmäßigen Abständen wie im chinesischen Kalender oder ... gar nicht wie im ägyptischen Kalender?

Zu diesem Punkt sind alle Hypothesen vertreten worden - auch auf dieser Seite in einer früheren Fassung. Doch ohne den geringsten Beleg bleibt eine Hypothese eben nur Gerede.

Und nach dem heutigen Stand der Dinge und der Forschung muss man wohl anerkennen, dass Michael D. Coe von der Yale University recht hat, wenn er schreibt (Mexico, S. 181), dass weder die Azteken noch irgendeine andere mesoamerikanische Kultur Schaltjahre oder irgendein Interkalationssystem verwendeten, um den Umstand auszugleichen, dass das wirkliche Jahr etwa ein Viertel länger ist als 365 Tage.

Bis zum Beweis des Gegenteils werden wir den aztekischen Kalender daher als einen „vagierenden“ Kalender im selben Sinn wie den ägyptischen betrachten.

Ich ergänze noch, dass nach Eduard Seler (siehe hier) zwischen dem Jahr der Eroberung (1519) und der Zeit der Schriften von Sahagún, also in rund vierzig Jahren, keinerlei Interkalation vorgenommen wurde.

Wenn außerdem jedem Tag - auch den unheilvollen - eine eigene Glyphe entspricht, warum findet man dann keinerlei Spur von Glyphen für Zusatztage, falls es sie gegeben hätte?

5) Entsprechung zu unserem Kalender

Sie ist nicht exakt bestimmt. Wir wissen, dass manche den Fall von Tenochtitlan auf den 13. August 1521 (julianischer Kalender) datieren, was dem 1-Coatl im Jahr 3-Calli entspräche.

Wir können die Untersuchung der aztekischen Kalender nicht beenden, ohne die berühmte Piedra del Sol (Sonnenstein) zu erwähnen, die häufig fälschlich „aztekischer Kalender“ genannt wird. Ihr aztekischer Name war Cuauhxicalli (Behälter des Adlers).

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