Der Adventskalender

Sagen wir es gleich: Der Adventskalender hat mit den anderen Kalendern auf dieser Website nichts zu tun, denn die beschreiben ein „System zur Einteilung der Zeit in Jahre, Monate und Tage“. Quelle: Le Petit Robert.

Er passt eher zur dritten Definition, die derselbe Petit Robert für das Wort Kalender gibt: ein „nach Datum geordnetes Verzeichnis von Tätigkeiten innerhalb eines bestimmten Zeitraums“. Tatsächlich ist er nur eine Art Wiederverwendung eines kleinen Ausschnitts unseres Kalenders, nämlich der Zeit vom 1. bis zum 24. Dezember, als Countdown für Kinder vor dem wunderbaren Tag des 25. Dezember, also dem Tag der Geschenke.

Er tritt in den unterschiedlichsten Formen auf, kleine Säckchen am Baum, Häuser mit 24 Türen und Ähnliches. Das Prinzip bleibt gleich: Jeden Tag wartet ein kleines Geschenk auf die Kinder, meistens etwas Süßes, bis schließlich Weihnachten kommt und damit die große Bescherung.

Auch im Internet blüht diese Form. Dort klickt man auf den jeweiligen Tag und bekommt ein Märchen oder etwas anderes angezeigt. Es wundert mich fast, dass die staatliche Lotterie das Prinzip noch nicht übernommen hat.

Trotzdem müssen wir zugeben, dass dieser Kalender für unser eigentliches Thema keinen großen Reiz hat. Deshalb steht diese Seite auch nicht in dem Teil der Website, der den Kalendern im engeren Sinn gewidmet ist.

Also hören wir auf und schließen die Seite?

Das wäre Ende November 2003, also kurz vor Weihnachten, doch etwas albern. Nutzen wir die Gelegenheit lieber für eine kleine Untersuchung über den Advent, über Weihnachten und über die Entstehung des Adventskalenders.

Denn dass Jesus am 25. Dezember geboren wurde, ist schlicht Humbug.

Christliches Fest und heidnische Feste

Die frühen Kirchen kannten nur ein einziges Fest: den Tag des Herrn Christus, also Ostern, ob jährlich oder wöchentlich als Sonntag.

Wie wir auf der Seite über den julianischen Kalender gesehen haben, übernimmt Julius Caesar 46 v. Chr. den Kalenderentwurf des Sosigenes von Alexandria. Die Frühlings-Tagundnachtgleiche liegt darin auf dem 25. März, die Wintersonnenwende auf dem 25. Dezember.

Im antiken Rom fanden im Dezember mehrere Feste statt.

Zunächst die dem Kult des Saturn gewidmeten Saturnalien.

Das war eine Art Karneval, der sich durch eine Umkehr sozialer Hierarchien und moralischer Konventionen auszeichnete. Man sah dort Herren, die ihre Sklaven bedienten.

Ursprünglich dauerte das eigentliche Fest nur einen Tag, den 17. Dezember, den Jahrestag des Saturntempels. Caesar und später Caligula fügten jeweils zwei weitere Tage hinzu, und so dauerten die Saturnalia vom 17. bis zum 23. Dezember. Streng genommen sind nur der 17., 19., 21. und 23. festi, also den Göttern gewidmet. Die übrigen Tage sind bloß feriati, arbeitsfrei und Anlass zur Freude.

Encyclopaedia Universalis: Die Menge ergießt sich unter den rituellen Rufen Io! Saturnalia! Bona Saturnalia! auf die Straßen. Es ist üblich, Einladungen und kleine Geschenke auszutauschen. Ursprünglich handelt es sich dabei um rituelle Gegenstände, Wachskerzen, die man bei Einbruch der Dunkelheit anzündet, und Tonpuppen, die wohl zunächst ein symbolisches Menschenopfer darstellen. Feindseligkeiten sollen ruhen, die Gerichtsbarkeit macht Pause, Gefangene werden begnadigt, die Schulen schließen. Wie im Goldenen Zeitalter, in dem alle Menschen gleich waren, sollen die Saturnalien die Distanz zwischen Freien und Sklaven aufheben: Freie Männer tragen keine Toga, alle, Freie wie Sklaven, setzen den pileus auf, die Mütze des Freigelassenen als Symbol der Freiheit. Im Haus reichen die Herren den Sklaven dapes, also rituelle Mahlzeiten aus gebratenem Fleisch und Wein, bevor sie selbst essen, wenn sie nicht gleich brüderlich mit ihren Dienern tafeln. Die Sklaven arbeiten natürlich nicht. Sie dürfen, was ihnen sonst untersagt ist, Wein bis zur Trunkenheit trinken und Glücksspiele betreiben, meist mit Nüssen. Man gewährt ihnen eine relative Redefreiheit. Allerdings fliehen die Reichen in diesen Tagen gern aufs Land, um Tumult und Demütigung aus dem Weg zu gehen.

Auf die Saturnalien folgt dann das Fest der Sigillarien, bei dem Kinder kleine Geschenke erhalten.

Schließlich ist im Reich wohl der Kult des Mithras am weitesten verbreitet. Er stammt aus dem indo-iranischen Raum, wo Mithra ein Sonnengott war, und wurde von römischen Soldaten nach Italien gebracht. Gefeiert wurde die Geburt des Sonnengottes, natalis solis invicti, also die Wiedergeburt des Lichts, wenn die Tage wieder länger werden.

Wenn man weiß, dass Christentum und Mithraskult als konkurrierende Religionen nicht eben friedlich koexistierten, ahnt man bereits, wie die Sache weitergeht.

Und wenn man außerdem bedenkt, dass die Kaiser sich gern mit der Sonne gleichsetzten, sie waren damit keineswegs allein, dann versteht man auch, warum dieser natalis invicti, diese Geburt des Unbesiegten, ihnen wie eine eigene Verherrlichung erschien. So sehr, dass Kaiser Aurelian den Kult 274 zur Staatsreligion macht und seine Feier ganz folgerichtig auf den 25. Dezember legt, den angeblichen Termin der Wintersonnenwende im julianischen Kalender.

Gegen Ende des 2. Jahrhunderts erscheint Ostern als eine fünfzigtägige Periode, also als jährliche Feier dessen, was die sonntägliche Feier jede Woche ist.

In den folgenden Jahrzehnten wächst das Christentum und blickt immer missbilligender auf diese heidnischen Dezemberfeste.

325 bekräftigt das Konzil von Nicäa auf Initiative Konstantins des Großen, eines Christen aus Überzeugung, wenn auch nicht immer ohne politische Kompromisse, die göttliche Natur Christi.

Mehr braucht es nicht, um, wenn schon nicht die Geburt Jesu, deren Datum unbekannt ist, so doch den Herrn, der in die Welt kommt, zu feiern. Da die Bibel ihn als Licht der Welt bezeichnet, liegt das Datum auf der Hand: die Wintersonnenwende.

Das heidnische Fest der Wintersonnenwende, das man auch „Geburt der Sonne“, Natale du soleil, nannte, wird zum Natale des Erlösers. Aus Natale wird im Französischen Noël.

Die erste offizielle Erwähnung von Weihnachten soll sich in einem römischen Kalender des Jahres 336 finden. Wieder begegnet es in einem kalligrafierten Kalender von 354, dem Chronograph, der angeblich von einem Griechen namens Dionysius Philocalus für einen reichen Venezianer namens Valentinus geschrieben wurde. Dort steht Weihnachten am 25. Dezember.

Weihnachten: Sonnenwende oder 25. Dezember?

Bevor wir in der Zeit weiterreisen, schließen wir kurz eine Datumsfrage ab.

Man sagt, das Fest der Sonne und damit Weihnachten entspreche der Wintersonnenwende. Nun wissen wir aber, dass die Wintersonnenwende zwischen dem 21. und 23. Dezember liegt. Warum also Weihnachten am 25. Dezember?

Ganz einfach: Zu Beginn des julianischen Kalenders fiel die Wintersonnenwende tatsächlich auf den 25. Dezember. Da dieser Kalender aber nicht vollkommen war, driftete er ab und verzeichnete in 400 Jahren drei Tage zu viel, gerechnet bis zum Konzil von Nicäa. Gregor korrigierte zwar den Fehler, der sich seit Nicäa angesammelt hatte, nicht aber den, der sich zwischen Caesar und Konstantin eingeschlichen hatte.

Heute ist Weihnachten ein festes Festdatum und wird deshalb am 25. Dezember gefeiert.

Damit ist diese Klammer geschlossen.

Epiphanias

Parallel zu Weihnachten entsteht in der westlichen Kirche im Osten das Fest der Epiphanie. Das Motiv ist übrigens dasselbe: die heidnischen Feiern der Wintersonnenwende zurückzudrängen. In Ägypten lag dieses Fest auf dem 6. Januar.

Epiphanias, vom griechischen epiphaneia, also Erscheinung, bezeichnete die Manifestation Gottes in der Menschheit: die Geburt, die Engel, die Hirten, die Magier, die Taufe Christi, das Wunder von Kana und mehr.

Die Frage wurde gelöst, indem man einfach beide Feste behielt:

Am Rande sei erwähnt, dass es während der römischen Saturnalien üblich war, Freunden Kuchen zu schicken. Im Mittelalter lebte diese Sitte fort, und da die Zeit zugleich mit feudalen Abgaben zusammenfiel, gehörte es zum guten Ton, seinem Herrn einen „Königskuchen“ zu schenken. Dort liegt wohl der Ursprung der Galette des Rois zu Epiphanias.

Nach den jüngsten Reformen der römischen Liturgie wird Epiphanias in Ländern, in denen dieser Tag kein Feiertag ist, etwa in Frankreich, auf den Sonntag zwischen dem 2. und 8. Januar verlegt.

Der Advent

Im 4. Jahrhundert beginnt sich die Weihnachtszeit ähnlich zu strukturieren wie die Osterzeit. Hilarius von Poitiers spricht von einer „Fastenzeit vor Weihnachten“. Auf dem Konzil von Saragossa im Jahr 380 werden drei von Buße und Besinnung geprägte Wochen dieser Vorbereitungszeit vor Weihnachten zugeordnet.

Erst im 6. Jahrhundert erscheint die Vorstellung des Advents so, wie wir sie kennen.

Adventus bezeichnet ursprünglich das feierliche Erscheinen eines Kaisers. Nach und nach meint das Wort in der christlichen Sprache die Ankunft Christi. Ich weiß nicht, ob es heute noch so ist, aber in dieser sehr asketischen Zeit erlaubte die katholische Kirche jedenfalls keine Trauungen während des Advents.

Der Advent beginnt am Sonntag, der dem 30. November am nächsten liegt, und dauert bis Weihnachten, das selbst nicht mitgerechnet wird.

Mit dieser Zeit sind, besonders in Ländern wie Deutschland, verschiedene Bräuche verbunden. So hängt oder stellt man einen Kranz aus immergrünen Zweigen, Tanne, Stechpalme, Efeu und Ähnlichem, auf. Darauf kommen vier rote Kerzen. An jedem Adventssonntag wird eine Kerze angezündet, so dass am Weihnachtstag alle vier brennen. Dieser Kranz heißt Adventskranz.

Noch ein kleiner Hinweis am Rand. Woran erkennt man in Frankreich, dass gerade ein Adventssonntag ist? Man muss nur während eines Gottesdienstes in eine Kirche gehen. Trägt der Priester violette Gewänder, ist Advent.

Andere Bräuche können die Adventszeit ebenfalls prägen. Wir werden sie hier nicht alle durchgehen. Nennen wir nur für Frankreich den 4. Dezember, den Tag der heiligen Barbara. Sie ist nicht nur Patronin der Bergleute, Feuerwehrleute oder Gefangenen, wegen ihres Vaters, der sie nach ihrer Bekehrung im 3. Jahrhundert enthauptete und zur Strafe prompt den Himmel auf den Kopf bekam, sondern sie ist auch mit Fruchtbarkeitsriten verbunden. In der Provence beginnt mit dem Barbaratag die Weihnachtszeit. Man lässt Linsen keimen. Zeigen sich bis Weihnachten junge Triebe, gilt das als Zeichen einer guten Ernte im kommenden Jahr.

Zur Klarstellung: Die Weihnachtsperiode beginnt mit dem ersten Adventstag und endet an Epiphanias. Die eigentliche Weihnachtszeit dagegen reicht vom 25. Dezember bis Epiphanias.

In den Anfängen der christlichen Kirche gab es noch keine Mitternachtsmesse, sondern nur eine Tagesmesse, die in Sankt Peter in Rom gefeiert wurde. Der Segen Urbi et Orbi, also „der Stadt“ Rom und der übrigen Welt, ist erst viel später zur Tradition geworden.

Erst im 7. Jahrhundert, unter Papst Gregor dem Großen, entstehen die vier Weihnachtsgottesdienste: die Vigil am Abend des 24. Dezember, die Mitternachtsmesse, der Gottesdienst bei Tagesanbruch und die Messe am Vormittag.

Adventskalender

Adventskalender aus den 1930er- oder 1940er-Jahren.
Adventskalender aus den 1930er- oder 1940er-Jahren. Ebay / Gemeinfrei
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Über den Adventskalender, Adventskalender oder Adventskalendar, haben wir am Anfang dieser Studie schon gesprochen.

Jetzt sehen wir deutlicher, dass er gar nicht genau der Adventszeit entspricht, denn er beginnt immer erst am 1. Dezember, unabhängig davon, wann der Advent tatsächlich anfängt.

Begegnen kann man ihm schon im 19. Jahrhundert, vor allem in protestantischen Familien, in denen zu Hause in der Bibel gelesen wurde, während Katholiken zur Messe gingen. Damals war er handgemacht: mal als Haus mit 24 Öffnungen, hinter denen sich Süßigkeiten für die Kinder verbargen, mal als bemalte Uhr, deren Zeiger jeden Tag ein Stück weitergestellt wurde.

Auch Gerhard Lang, Pfarrerssohn, beginnt mit einem handgemachten Adventskalender. Erst 1908 lässt er den ersten gedruckten Adventskalender veröffentlichen. Er bestand aus 24 abtrennbaren Bildern, die man Tag für Tag auf eine Unterlage klebte, so dass am Ende ein religiöses Gedicht entstand.

1920 erscheinen Kalender, in denen Süßigkeiten versteckt sind. 1940 wird ihre Herstellung wegen Papiermangels verboten, leider aber 1942 und 1943 mit nationalsozialistischen Motiven wieder aufgenommen. Seit 1946 hat der Erfolg dieser Kalender nie mehr nachgelassen, und die Motive wechseln rasch von religiös zu weltlich. Aber ist das nicht auch das Schicksal von Weihnachten selbst, das heute mehr Kinderfest ist als Fest des Jesuskindes?

Die Krippe

Die Krippe ist zunächst ganz wörtlich die Futterkrippe der Tiere. Erst im Lauf der Jahrhunderte bekommt das Wort seine Bedeutung als Szene der Geburt Christi.

Trotz allem, was man hier und da lesen kann, geht die Krippe nicht auf Franz von Assisi zurück. Er ließ lediglich in einer Grotte eine mit Heu gefüllte Krippe mit einem lebenden Esel und einem lebenden Ochsen aufstellen.

Die erste Krippe aus kleinen Figuren stammt aus dem Jahr 1562 und wurde von Jesuiten geschaffen. Die provenzalischen Santons wiederum datieren aus dem 19. Jahrhundert. Ihre Erfindung wird gewöhnlich Jean-Louis Lagnel zugeschrieben, 1764 bis 1827, geboren in Marseille, zuerst Maler, dann Fayencehersteller, dann Bildhauer und schließlich Figurenmacher.

Sammlung von Formen Jean-Louis Lagnels für seine Santons, aufbewahrt im Musée Marcel Carbonel.
Sammlung von Formen Jean-Louis Lagnels für seine Santons, aufbewahrt im Musée Marcel Carbonel. Philippe Renoux-Carbonel, CC BY-SA 3.0, über Wikimedia Commons

Der Weihnachtsbaum

Er kommt aus dem Elsass, wo er bereits 1521 erwähnt wird. Anfangs war er mit Hostien geschmückt.

Doch erst 1605 beginnt man in Deutschland, ihn zu dekorieren.

In die Tuilerien zieht er 1837 durch Hélène de Mecklembourg, Herzogin von Orléans, ein, und nach England kommt er 1840 durch Albert von Sachsen-Coburg, den Gemahl Königin Victorias.

Geschmückt wird er mit roten Äpfeln, eine Anspielung auf den Baum im Garten Eden, von dem Eva die verbotene Frucht pflückt.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sollen die Früchte im Elsass erstmals durch bunte Glaskugeln ersetzt worden sein.

Den Rest kennt man: elektrische Lichterketten, die kleine Kinder begeistern und Versicherer mitunter verzweifeln lassen.

DER WEIHNACHTSMANN

Dieser arme Weihnachtsmann, dessen Vorfahr wohl Sankt Nikolaus ist, also Santa Claus, der in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember in Deutschland und im Osten Frankreichs Geschenke verteilt, hat womöglich noch ältere Ursprünge, die bis auf Odin zurückreichen. In den nordischen Ländern soll Odin, auf einer Wolke reitend, einen Regen aus Leckereien über die Kinder ausgeschüttet haben. Ich merke am Rande an, dass Odin alles Mögliche war, nur nicht dieses harmlose Bild, das man gern von ihm zeichnet.

Coca-Cola-Werbekarte um 1931 mit dem Slogan "Ein guter Geschmack für alle".
Coca-Cola-Werbekarte um 1931 mit dem Slogan "Ein guter Geschmack für alle".

Ich sage „armer Weihnachtsmann“, weil er sehr schnell zu einem rein kommerziellen Element wurde. Schon 1931 wird er dank, oder besser wegen, Coca-Cola zum Werbeträger. Wer glaubt heute noch an die Poesie einer Figur, die an jeder Ecke der Kaufhäuser in unendlichen Klonen auftaucht?

Wer in Bildern mehr über den Weihnachtsmann und alles rund um Weihnachten wissen möchte, sollte die Website von Marie-Alice Maire in der Archivfassung besuchen. Mit alten Postkarten und großartigen Briefmarken gibt sie Traditionen, die von traurigen Geschäftsinteressen angefressen wurden, wieder etwas von ihrer Poesie zurück.

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